Emmas Erben

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Einkaufen auf dem Dorf – irgendwo zwischen Nostalgie, Romantik, Pragmatismus und harter Realität.

„Lauf geschwind rüber zum Herr Maas und hol mir ein Päckchen Hefe.“ Einen Satz wie diesen hat mir meine Mutter häufig aus der Küche zugerufen, immer dann, wenn spontan etwas gebraucht wurde, was der Vorratsschrank nicht hergegeben hat. Besagter Herr Maas war in Eppingen der Inhaber eines kleinen Spar-Marktes an der Rappenauer Straße, stets in einen weißen Kittel gehüllt, immer eine Zigarette im Mundwinkel. Bei ihm bekam man im Grunde alles, was man für den täglichen Bedarf brauchte… Obst, Gemüse, Zeitschriften, Zigaretten, Konserven, naja, eben das klassische Portfolio eines Dorfladens. Doch schon damals in den Achtzigern, einer Zeit, die immerhin schon rund 40 Jahre hinter uns liegt, haben wir den kleinen Laden nur sporadisch genutzt, wenn eben etwas fehlte, wenn schnell etwas gebraucht wurde. Nicht zu vergessen für die Zigaretten meiner Mutter, denn für die konnte man schon uns kleine Pimpfe über die Straße schicken – auch eine Schachtel R6 für vier Märker ging bei Herr Maas problemlos über den Ladentisch, man kannte die Kundschaft schließlich, wusste, mit wem man es zu tun hat.

einen SPAR-Markt wie diesen gab es vielerorts

Dass den kleinen Läden wie dem von Herrn Maas keine große Zukunft beschieden sein sollte, wurde aber damals bereits Stück für Stück klar. Als Aldi eine Filiale in Eppingen eröffnete, strömte Gott und die Welt in den damals noch sehr kargen Discounter. Kackbraune Fliesen, wie man sie aus der Wirtschaft kennt, auf dem Boden, kahle, schmucklose Wände, dazwischen lange Gänge mit rechts und links aufgestapelten Paletten und aufgerissenen Kartons, aus denen man die Ware direkt in den Wagen warf. Das war nicht ästhetisch, aber verlockend billig und dementsprechend beliebt. Sparen ist schließlich keine neuzeitliche Erfindung. Es waren Preise, mit denen beispielsweise Herr Maas kaum mithalten konnte; es ist eben etwas anderes, wenn ein kleiner Kaufmann Ware vom Händler bezieht, als wenn ein riesiger Konzern dessen Margen ungleich höher skaliert.

Aus dem Archiv 2015

Manche kleine Läden haben länger durchgehalten, manche weniger lang. Um ein paar Zahlen zu bemühen, die die TAZ bereits vor ein paar Jahren recherchiert hat: Gab es 1990 noch rund 65.000 kleine Lebensmittelgeschäfte, waren es knapp 20 Jahre später nur noch etwa 8.500. 2015 haben wir mit der Kamera den kleinen Dorfladen von Birgit Böser in Oberöwisheim besucht, ein Tante-Emma-Laden, wie er im Buche steht. Rustikal eingerichtet, mit einem Interieur, das quasi die Geschichte des Wirtschaftswunders auf einen Blick erzählt, und zwischen den wenigen geschwungenen Regalen die Geschichten eines ganzen Dorfes. Denn Birgits kleiner Gemischtwarenladen war nicht nur ein Ort, um einzukaufen, sondern auch ein Ort, um einander zu begegnen, miteinander ins Gespräch zu kommen – nicht weniger als ein Stück weit soziale Daseinsvorsorge, insbesondere für die älteren Menschen in Oberöwisheim.

Es war eine Entwicklung, die sie als Kauffrau nicht verwundern konnte. Deswegen und auch wegen ihres damals schon hohen Alters von über 70 Jahren schloss der kleine Laden kurze Zeit später. Noch heute kann man durch die Schaufenster die leeren Regale sehen und sich vorstellen, wie das Einkaufen auf dem Dorf einmal gewesen sein muss.

Das Sterben der Dorfläden treibt die Menschen um, doch der Wunsch nach einem Comeback wird leider nicht immer von dem Bekenntnis begleitet, eventuelle Nachfolger auch wirklich und wahrhaftig zu stützen und zu tragen. Immer wieder gibt es schöne Projekte, um Dorfläden zu reaktivieren, manche davon auch direkt von der Dorfgemeinschaft selbst initiiert und getragen. In Philippsburg-Rheinsheim beispielsweise gibt es seit einigen Jahren den mit viel Herzblut und Engagement auf die Beine gestellten Dorfladen im Bürgerhaus Löwen. Sein Konzept sieht vor allem die Vermarktung lokaler Erzeugnisse von örtlichen oder regionalen Betrieben vor. Das funktioniert nach wie vor, aber eben auch eher als Ergänzung zum Einkauf im Supermarkt, wie uns ein Mitglied des Teams am Telefon erzählt. „Es ist mal so, mal so, man merkt schon, dass die Leute zunehmend auf das Geld schauen“, berichtet Stefanie, „wir machen auf jeden Fall weiter.“ Auch hier merkt man: Ein solches Konzept ist kein wirtschaftlicher Selbstläufer, sondern wird getragen durch Ehrenamt und Hingabe…

Ein Dorf weiter, in Huttenheim, gibt es seit vergangenen Jahr den kleinen autonomen Dorfladen von Yobsti. Auch hier gibt es regionale Erzeugnisse, der Unterschied zu den Nachbarn in Rheinsheim besteht aber im Verkaufskonzept. Während im Bürgerhaus noch ein echter Mensch hinter der Theke steht, kauft man bei Yobsti im Do-it-yourself-Prinzip ein. Man wählt seine Waren, scannt diese an der Kasse, bezahlt und geht – dafür braucht es kein teures Personal, ein wichtiger Baustein, um die Kosten für ein solches Konzept in einem machbaren Bereich zu halten. „Wir sind nach wie vor zufrieden“, erzählt uns Konrad Claus von Yobsti. Huttenheim sei der Laden, der dabei am besten funktioniere. „Wir bekommen nach wie vor viele Anfragen, schauen bei der Auswahl der Standorte natürlich aber genau, ob es mit der Gemeinde auch passt“, erläutert er das Auswahlprinzip, das Yobsti für mögliche weitere Filialen ansetzt. Ein verständlicher Ansatz, denn welche Gemeinde ohne Einkaufsmöglichkeit wünscht sich nicht einen kleinen Dorfladen? Es muss aber natürlich von der Logistik, von der Infrastruktur, von der Machbarkeit und der Unterstützung abhängen, ob ein Unternehmen wie Yobsti am Ende auch wirtschaftlich vertretbar die Investitionen und das Engagement tätigen kann. Doch auch hier zeigt sich klar: Die kleinen Läden dienen nicht dem großen Wochentinkauf, sondern werden oft eher zur Ergänzung genutzt, wenn etwas fehlt, wenn spontan etwas gebraucht wird. „Man könnte den wöchentlichen Einkauf hier machen, gerade das Sortiment in Huttenheim ist sehr groß“, weiß Konrad Claus, aber natürlich sei das nicht die Regel.

Vergleichsweise jung in den Konzepten zur Belegung der örtlichen Nahversorgung ist die Aufstellung von Lebensmittelautomaten. Damit sind nicht die wie Pilze aus dem Boden schießenden 0815-Snackautomaten gemeint, sondern Hightech-Geräte, mit denen auch frische Waren rund um die Uhr zum Verkauf angeboten werden können. Einer der Pioniere in der Region ist hier der Flehinger Bio-Landwirt Heiko Leis. Schon 2013 hat er mit der Aufstellung solcher Automaten begonnen, 2015 den kleinen Hofladen noch einmal deutlich aufgerüstet. Das Konzept passte für ihn deutlich besser zum Familienleben, denn durch den automatisierten Verkauf muss nicht nonstop Personal im Hofladen anwesend sein. Sein Grundgedanke damals: der Aufbau eines echten ländlichen Kraichgauer Marktplatzes, um die Region zu fördern und die Produkte und Früchte, die sie hervorbringt. Ganz so einfach sollte sich das nicht herausstellen, denn auch die Automaten benötigen viel Aufmerksamkeit, sind arbeitsintensiv und müssen ständig gewartet und beaufsichtigt werden. Diese Arbeit wird derzeit von seiner Familie gestemmt; würde er die Wartung an ein externes Unternehmen abgeben, würde sich der Betrieb für ihn schlicht nicht mehr lohnen. Heiko Leis möchte mit seinen Automaten weitermachen wie bisher; einen weiteren Ausbau oder neue Aufstellungsorte sollen allerdings Stand heute nicht erschlossen werden.

Welche Möglichkeiten gibt es also noch zwischen bürgerlichem Engagement, autonomen Miniläden, Automaten oder einem der raren mobilen Supermärkte? Eine Antwort darauf liefert ausgerechnet eine der großen Handelsketten, die man eigentlich weniger im kleinen Dorf, sondern mehr am Rande von Ballungszentren und gut erschlossenen Gewerbegebieten verortet. Das vor fast genau 100 Jahren in Bayern gegründete Handelsunternehmen Netto macht in unserer Region immer wieder auf sich aufmerksam durch die Eröffnung von großen Filialen in vergleichsweise kleinen Gemeinden, beispielsweise im Eppinger Teilort Elsenz oder wie zuletzt in Zaisenhausen, das zu den kleinsten Gemeinden in der Region zählt.

Netto positioniert sich dabei nicht als klassischer Discounter, sondern als sogenannter „Hybrid-Discounter“, erklärt Expansionsleiter André Klier von Netto im Hügelhelden-Interview. Während klassische Discounter meist irgendwo zwischen 2.000 und 3.000 Artikel im Laden anbieten und große Supermärkte problemlos über 10.000 Artikel führen, liegt Netto mit 5.000 irgendwo dazwischen. Das Sortiment ist so zusammengestellt, dass es völlig problemlos eine umfangreiche Versorgung mit allen Waren des täglichen Bedarfs liefern kann. Dazu gehören neben Lebensmitteln Artikel aus dem Drogeriebereich oder auch ein integrierter Getränkemarkt. Non-Food-Artikel, also z. B. Haushaltswaren oder Elektroartikel, gibt es zwar auch, aber eher wenige; auf dieses Segment legt Netto keine Priorität.

Was Netto auszeichnet, ist die Ansiedlung von Märkten in Gebieten, die andere Player oft links liegen lassen und als wirtschaftlich eher uninteresant einstufen. Das ist Teil der Strategie von Netto, dabei auch ein Stück weit eine Wette auf die Zukunft, Vertrauen in die Entwicklung des ländlichen Raumes und seiner demografischen Struktur.

„Wir haben das damals schon angefangen, vor 15 bis 20 Jahren“, erläutert André Klier, „nehmen wir zum Beispiel mal Gemmingen. Heute sind das Standorte, die heiß begehrt sind. Und so sehen wir das auch in den kleineren Orten wie Elsenz oder jetzt hier wie in Zaisenhausen.“ Tatsächlich wirkt die wirklich große neue Filiale in Zaisenhausen derzeit noch wie ein exotisches Gewächs im nur teilweise erschlossenen Gewerbegebiet am Rande der Gemeinde. Der Blick fällt auf viele kleine Einfamilienhäuser, Familien, die beschlossen haben, ihre Lebensmittel im Dorf aufzubauen. Sie müssen künftig nicht mehr nach Eppingen oder Bretten zum Einkaufen fahren, sondern können alles direkt hier im Dorf erledigen; sogar die Kinder können in dieser ruhigen Ecke gefahrlos die eine oder andere Besorgung übernehmen. Zaisenhausen wächst, und mit ihm der Bedarf nach einer funktionierenden Nahversorgung. Dennoch betreibt Netto bei der Auswahl seiner Standorte natürlich eine handfeste Analyse im Vorfeld: „Wir gehen schon sehr gut berechnet ran an die Standorte und trauen uns auch den Umsatz zu, den wir nachher auch tatsächlich erwirtschaften. Und da haben wir auch eine hohe Trefferquote“, weiß André Klier, der in der Region schon zahlreiche neue Filialen umgesetzt hat. Diese werden übrigens eher größer als kleiner; bei Neubauprojekten braucht es mindestens 1.000 $m^2$, darunter geht nichts mehr.

André Klier von Netto

Auch alte Märkte werden Stück für Stück modernisiert, im Zweifelsfall durch einen Neubau ersetzt, wo das möglich ist. Das klappt nicht immer und überall, denn Netto ist in der Regel nicht Eigentümer der Immobilien. Auch Zaisenhausen wurde vom Projektentwickler S&B aus Rottweil geplant, konzipiert und modern sowie extrem energieeffizient gebaut. Mit Netto arbeitet man gerne zusammen und schätzt das Konzept, das positiv und zuversichtlich auf die Entwicklung ländlicher Märkte blickt, berichtet uns Joachim Winter von S&B: „Netto hat den Mut, auch Potenziale auf dem Land zu erschließen.“

Genau aus diesem Grund gilt es, die Handelskette auch ausdrücklich einzuschließen, wenn es um einen Ausblick auf die Entwicklung der ländlichen Nahversorgung geht. Ihr Anteil daran gehört wohl zu den größten Brocken, zu den größten Potenzialen, auf die Kommunen auf dem Land hoffen dürfen. Mehrere Jahre hat es in Zaisenhausen gedauert, die Umsetzung zu realisieren, denn trotz der Bereitschaft von Netto, hier zu investieren, galt es auch, die Behörden zu überzeugen – ein zeitaufwendiger und intensiver Balanceakt. Bürgermeisterin Cathrin Wöhrle blickt auf eine lange Anlaufphase zurück, die sich aber nun mit der Eröffnung des neuen Marktes für sie mehr als gelohnt hat: „Hier gibt es wirklich alles. Deswegen passt das Netto-Konzept auch wirklich gut zu uns… das deckt wirklich die Nahversorgung sogar im erweiterten Sinne ab… ich werde das nutzen. Alles, was ich brauche, bekomme ich auch.“

Man muss es klar sagen: Die Zeit, in der man sich auf dem Dorf ausschließlich im kleinen Dorflädle versorgt hat, dürfte endgültig vorbei sein. Moderne Formate wie Hybrid-Discounter oder auch der Onlinehandel haben diesen Handelsformen die Grundlage ein Stück weit entzogen. Wer ausschließlich auf ihr Comeback hofft und setzt, gibt sich vermutlich etwas zu viel Dorfromantik hin. Dennoch haben kleine Märkte als Nische möglicherweise eine Zukunft, wenn sie es schaffen, genau eine solche auch attraktiv zu besetzen: durch regionale Produkte, durch solche, die in großen Handelsketten keinen Platz haben, hergestellt von Kleinsterzeugern aus der Region für die Region. Das Dorf als Markt komplett abzuschreiben, ist aber ebenfalls keine Lösung, denn die Entwicklung im ländlichen Raum, z. B. in unserer Region, lässt das Engagement von Ketten wie Netto durchaus erfolgversprechend wirken. Dörfer und kleine Kommunen im Umland von Ballungsräumen bieten durch den Zuzug junger Familien und eine älter werdende Bevölkerung ein stabiles, oft unterschätztes Marktpotenzial. Es gilt aber, am Ball zu bleiben; hier müssen Wirtschaft und Rathäuser Hand in Hand gehen. Der Erfolg steht und fällt mit der Kooperation zwischen Handelsunternehmen und Kommunen, insbesondere bei der schnellen Bereitstellung passender Flächen und der Modernisierung veralteter Altlasten.

Schafft man es auf diese Art und Weise, die ländliche Versorgung sicherzustellen, ohne dabei einseitig auf romantisch-nostalgische Motive zu setzen, sondern eben auch ein belastbares wirtschaftliches Modell zu etablieren, dann hätten definitiv alle Parteien etwas davon: die Händler, die Gemeinden, aber vor allem die Menschen, die hier leben und das Dörfliche nicht als etwas Gestriges begreifen, sondern als einen echten Lebensmittelpunkt für die eigene Familie, die eigene Zukunft.

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2 Kommentare zu „Emmas Erben“

  1. Es wäre der große Wurf, wenn es „im“ Ort realisiert würde. Ein „Minni-Netto“, ein betreutes Seniorenwohnen und ein Cafe dann hat der Ortsmittelpunkt eine Zukunft.
    Gebaut wir aber alles in der Peripherie. In Kürnbach ein Gesundheitszentrum, in Flehingen eine Seniorenranch, in Zaisenhausen ein Netto…Das lässt sich leider endlos fortsetzen. Alles Konzepte von Gestern. Randflächen erschließen und bebauen. Keiner hat den Mut und das Geschick Innenflächen zu generieren. Einfach ist das sicher nicht. Aber einfach aussenrum weiterzuversiegeln, geht einfach nicht. Das musste einfach mal gesagt werden.

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