Der Kampf, den niemand sehen will

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Wer diesen Sommer durch den Kraichgau spaziert, sieht eine scheinbar unberührte Märchenidylle – doch der Schein trügt. Manche Wälder haben den Kampf gegen die globalen klimatischen Veränderungen bereits so gut wie verloren, andere werden in ein paar Jahrzehnten kaum mehr wiederzuerkennen sein. Försterin Annette Brand unterstützt unseren heimischen Forst bei einem Wandel, den es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Friedlich und beruhigend erfüllt das weiße Rauschen des Windes den Wald zwischen Zeutern und Langenbrücken. Sanft wiegen sich die schweren Zweige und die vielen grünen Blätter, zerbrechen das Licht der warmen Junisonne in tausend funkelnde Splitter. Die Luft ist erfüllt von Leben: dem Raunen der Wipfel und dem Gesang der unzähligen Vögel. Die einzigen menschlichen Laute entspringen unseren Schritten auf dem trockenen Waldboden – die meiner leichten Sneaker und die der schweren Arbeitsstiefel von Försterin Annette Brand. Gemeinsam marschieren wir durch ihr großes Revier, das sich von Kronau über Bad Schönborn bis nach Ubstadt-Weiher erstreckt.

Auf den ersten Blick eine harmonische grüne Idylle, ein Wald wie in einem Märchenfilm. Doch wer etwas weiter schaut, wer über geschulte Augen wie die von Annette Brand verfügt, der sieht mehr… mehr, als ihm lieb sein mag. Legt man den Kopf in den Nacken und blickt in die Baumkronen hinauf, so sieht man zwar vitale Eichen, aber eben auch die kahlen, nackten Äste unzähliger Buchen. Diese bei uns so weit verbreitete Baumart kränkelt nicht nur ein bisschen, sie liegt im Grunde längst im Sterben. Annette Brand kennt die Wahrheit, weiß, dass die heimische Buche das sich rasant ändernde Klima in unseren Breitengraden dauerhaft nicht überleben kann. „Die Buche steht auf der Abschlussliste, ist rot eingefärbt“, erläutert sie und meint damit die Zustandskarte des Waldes, die die Baumbestände mit unterschiedlichen Farben in ihren Zuständen klar benennt und einteilt.

Ein Revier mit zwei Gesichtern

Der etwas höher gelegene Mischwald zwischen Bad Schönborn und Ubstadt-Weiher ist dabei aber noch die weit geringere Sorge für die erfahrene Försterin, profitiert er doch von seiner Heterogenität und den guten Böden des Kraichgaus, die Feuchtigkeit vergleichsweise lange speichern können. Weitaus schlechter bestellt ist es um die Nadelwälder, die etwas tiefer gelegen beispielsweise rund um Kronau auf eher sandigem Boden wachsen. Hier ist die Situation längst kritisch: Die Kiefernbestände sind massiv abgestorben, auch die Buche schwächelt hier extrem. Zudem breitet sich die spätblühende Traubenkirsche, ein invasiver Neophyt, unkontrolliert aus.

„Das ist echt krass. Wenn man die Klimaszenarien sieht für die nächsten 100 Jahre…“, erzählt Annette Brand und ihr fröhlicher Hohenloher Zungenschlag wird eine Spur ernster, „… das kann man sich gar nicht vorstellen, dass wir hier dann echt Wälder haben, wie man sie heute in der Toskana sieht, versteppt, licht… aber das ist die Prognose.“

Doch Annette Brand ist keine Schwarzseherin, auch wenn die besagten Prognosen für den deutschen Wald durchaus beunruhigend ausfallen. „Ich könnte ja meinen Job an den Nagel hängen, wenn ich keine Hoffnung hätte. Man könnte ja denken: Das bringt ja nichts, wird eh kaputt. Aber man will ja den Wald erhalten für die zukünftigen Generationen, ist ja logisch“, weiß die Diplom-Forstingenieurin und Revierleiterin einer Fläche von rund 800 Hektar Wald.

Dabei gilt es, jegliche romantische Vorstellungen abzulegen und ganz pragmatisch den jetzigen Zustand zu benennen. Für die Försterin steht fest: Der deutsche Wald, wie wir ihn seit Generationen kennen, ist ein Auslaufmodell. Er befindet sich mitten in einem rasanten, schmerzhaften und unumkehrbaren Strukturwandel. Unsere Monokulturen, beispielsweise die Fichten im Schwarzwald, aber auch die Buchen in unseren Laubwäldern sterben einen langsamen Tod im Zeitraffer. Das Wetter passt nicht mehr zu den Bedürfnissen des Waldes: Der so wichtige tagelange Landregen ist mittlerweile so selten, dass er mehr einer blassen Erinnerung gleicht, stattdessen dominieren unwetterartige Niederschläge, die unsere Böden schlecht bis gar nicht aufnehmen können.

Die Zukunft liegt in der Vielfalt

Blinder Alarmismus ist nie ein guter Ratgeber, daher auch dieses: Der Wald stirbt nicht komplett aus – er wird auch in Zukunft da sein. Aber unsere vertraute Kulisse aus dichten, schattigen, feuchten Fichten- und Buchenwäldern eher nicht. Stattdessen kommen andere Baumarten, solche, die wir bislang nur aus weit entfernten Gegenden aus dem Urlaub kennen, beispielsweise aus dem Mittelmeerraum, wo die Vegetation sich durch Jahrhunderte an Entwicklung an mehr Hitze und weniger Niederschlag angepasst hat.

Ein möglicher Ausweg, weiß Annette Brand genau, liegt in der Durchmischung, der breiteren Aufstellung unserer Wälder. Ein Mix aus Baumarten, der sich gegenseitig unterstützt, der sich gemeinsam auf die immer schwieriger werdenden Klimabedingungen in unseren Breitengraden einstellen kann. Ein Prozess, der längst begonnen hat, unterstützt durch die wissenschaftliche Expertise der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Die Strategie für Annette Brands Revier orientiert sich dabei ganz klar an den verschiedenen Beständen and Böden. Während rund um Ubstadt-Weiher und Bad Schönborn auf trockenheitstolerante, aber vor allem heimische Baumarten wie die Hainbuche, die Elsbeere oder die klassische Eiche gebaut wird, experimentiert man in den Wäldern bei Kronau mit südeuropäischen Gastbaumarten wie zum Beispiel der Seestrandkiefer, der Zerreiche oder der Ungarischen Eiche. Das mag auf den ersten Blick gewagt klingen, andererseits muss man sich vor Augen führen: Setzte man weiterhin auf die hier so weit verbreiteten Buchen und Fichten, so bliebe von diesem Wald am Ende nichts mehr übrig.

Annette Brand begleitet diesen Umbauprozess mit ihrem über Jahrzehnte hinweg erworbenen theoretischen und praktischen Fachwissen sowie ihrer Expertise, nicht zuletzt aber auch durch die Liebe zum Wald. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof im hohenlohischen Schrozberg. Zum Hof ihrer Eltern gehörten auch acht Hektar Wald – 80.000 Quadratmeter, in denen sie von Kindesbeinen an die Arbeit im Wald, am Wald und vor allem mit ihm erlernt hat. Vor allem die schlimmen Nachwirkungen des Orkans Wiebke, der in der Nacht zum 1. März 1990 weite Teile des baden-württembergischen Forsts verwüstet hat, sind ihr gut in Erinnerung geblieben.

Zwischen Schreibtischarbeit und Herzenssache

So absolvierte sie ein vierjähriges Diplomstudium der Forstwirtschaft an der Forsthochschule in Rottenburg, ihr Anwärterjahr leistete sie dann bereits bei uns im Hügelland im Revier Eppingen ab. Es folgten weitere Stationen, beispielsweise in Heilbronn oder Stuttgart, vieles davon eher Schreibtischarbeit und damit doch ein ganzes Stück von dem entfernt, was Annette Brand am meisten liebt: die Arbeit im Wald selbst. Hier im dichten Grün fühlt sie sich wohl, am liebsten ganz alleine – Aufmerksamkeit und Rampenlicht liegen ihr so gar nicht. „Das ist eh eine Herzenssache, es ist sowieso immer das Beste, wenn man niemanden sieht“, sagt sie und lacht.

Alleine ist sie im Wald ohnehin niemals, schließlich ist der Forst ein einziges riesiges Habitat für unzählige Lebewesen. Im tiefen Fahrloch, das die Räder einer Forstmaschine hinterlassen haben, sonnt sich beispielsweise gerade neben uns gemütlich eine Gelbbauchunke in der warmen Junisonne. Wenn man genau hinsieht, sieht man viele weitere Exemplare, die neugierig den Kopf durch das grüne Wasser stecken. Es ist ein schönes Sinnbild für die Differenz zwischen der Wahrnehmung vieler Menschen über die Arbeit im Wald und dem, wofür sie eben auch einstehen kann. Natürlich sieht es nicht schön aus, wenn hier dicke Reifenspuren durch das Unterholz verlaufen, aber es ist nun mal nötig, um das geerntete Holz aus dem Bestand zu transportieren, erklärt die Försterin, außerdem entstehen so auch Biotope, die für Waldbewohner wie die Unke dringend notwendig sind.

Gespräche mit Wanderern und Spaziergängern gehören auch zu ihren Aufgaben, immer wieder trifft sie auf Missverständnisse und nicht selten auf völlig falsche Annahmen. „Es ist erstaunlich, es gibt immer noch die Klimaleugner… Wenn ich merke, dass das Laub im Juni schon braun wird und abschmeißt…“, sagt sie und schüttelt den Kopf, „… und das zwei, drei Jahre hintereinander, dann macht man sich schon Sorgen, das gebe ich zu.“

Aber hinschmeißen und einfach laufen lassen, das ist nicht Annette Brands Art. Nicht nur sie, sondern alle ihre Kolleginnen und Kollegen im Land, im Bund, sogar in ganz Europa sind genau jetzt, genau in diesem Moment darum bemüht, den Wald zu erhalten und ihn wehrhaft gegen die Auswirkungen des Klimawandels aufzustellen. Für ihr Revier zwischen Ubstadt-Weiher und Bad Schönborn bleibt die Försterin dennoch optimistisch: „Hier habe ich keine Sorge, dass der Wald nicht zukunftsfit gemacht werden kann“, sagt sie, rückt ihre Arbeitsstiefel zurecht und marschiert mit wachsamem Blick weiter in das dichte Grün.

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