Blitzschnell unter die Haube

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Sie haben Lust zu heiraten, scheuen aber den Stress? Dann hat die evangelische Kirche ein außergewöhnliches Angebot für Sie: Heiraten Sie doch einfach zusammen mit Dutzenden anderer Paare an ungewöhnlichen Locations, zum Beispiel im Technik Museum Sinsheim.

Heiraten. Eigentlich eine herzliche, schöne, wunderbare und im Kern simple Angelegenheit: Zwei Menschen versichern sich ihrer gegenseitigen Liebe und besiegeln das Ganze mit Kuss und Ring. Fertig ist der Lack. Eigentlich! Denn praktisch gesehen ist Heiraten auch das: stressig und nicht selten sehr teuer. Monatelange Planungen gehen einem regelrechten Großevent voraus, bei dem Dutzende Menschen verköstigt und untergebracht, unterschiedlichste Befindlichkeiten befriedigt und ungefähr eine Milliarde kleiner und großer Details berücksichtigt werden wollen. Bei meiner eigenen Hochzeit habe ich zum Beispiel vier Riesen für die Verköstigung der Gäste auf den Tisch gelegt, am Ende aber – aufgrund des bizarren Bedürfnisses, jedem einzelnen Gast gerecht zu werden – nicht einen einzigen Bissen selbst abbekommen. Das würde ich heute definitiv anders machen.

Tatsächlich gilt Heiraten als großer Stressfaktor. Ein Fest, das in den Augen vieler so perfekt sein muss, dass es aufgrund dieser unerfüllbaren Erwartungshaltung eigentlich schon zum Scheitern verurteilt ist, bevor die erste Hand Reis geworfen wird. Wenn Sie einerseits Lust haben zu heiraten – aus dem Menschen an Ihrer Seite mehr zu machen als nur Ihren Freund oder Ihre Freundin –, sich zueinander zu bekennen und das „Ja“ zu sagen und zu wagen, hat die evangelische Kirche aktuell ein Angebot für Sie parat. Es trägt den schönen und simplen Namen „Einfach heiraten“ und beinhaltet – nun ja, eben genau das: einfach heiraten.

All-inclusive mit Gottes Segen

Am Samstag, den 20. Juni, können Sie mit einer Art All-inclusive-Paket, quasi powered by Protestant, ohne jeglichen Stress und Aufwand heiraten und das auch noch an ungewöhnlichen Orten. Sie müssen lediglich vorbeikommen. Noch nicht einmal eine Voranmeldung ist notwendig, wenngleich natürlich optional erwünscht. Kommen Sie in der Kleidung, in der Sie sich wohlfühlen, bringen Sie die Menschen mit, die Sie wirklich an Ihrer Seite haben wollen, warten Sie, bis Sie an der Reihe sind, und sagen Sie an der richtigen Stelle im Skript „Ja“. Schon sind Sie unter der Haube.

Tatsächlich ist es genauso einfach. Lediglich einer der beiden Liebenden muss Mitglied der evangelischen Kirche sein – und auch das nur dann, wenn Sie wirklich richtig heiraten wollen. Es gibt auch durchaus die Möglichkeit, an diesem Tag das eigene Ehegelübde zu erneuern oder sich ohne jegliche Formalitäten einfach segnen zu lassen, ganz ohne Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche. Jede Partnerschaft, jedes Lebensmodell, die Liebe in all ihren Formen und Farben sind an diesem Tag herzlich willkommen.

Warum macht die evangelische Kirche das? Nun, einerseits ganz sicher aus dem selbstlosen Motiv heraus, das man mit dem selbst gewählten Slogan „Wir segnen eure Liebe“ gut auf den Punkt bringen kann. „Eure Liebe. Gottes Segen.“, so steht es auf der Aktionswebseite von „Einfach heiraten“. Aber natürlich ist das nicht die ganze Geschichte. Tatsache ist, die Zahl der kirchlichen Eheschließungen geht seit Jahren kontinuierlich zurück, in der katholischen Kirche wie in der evangelischen Kirche. Das hängt einerseits ein Stück weit mit dem Bedeutungsverlust dieser Institutionen zusammen, der sich auch in der nach wie vor hohen Zahl an Kirchenaustritten hierzulande bemerkbar macht, aber auch in der Art und Weise, wie die Kirche bislang Trauungen durchgeführt hat. Das war nicht selten extrem dogmatisch, ein starres Regelwerk mit wenig Flexibilität oder Gespür für die individuellen Wünsche eines Paares – wobei man hier tendenziell eher in Richtung der Katholiken schielen muss.

Eine PR-Aktion oder echte Gefühle?

„Ist das eine PR-Veranstaltung?“, möchte ich daher auf der gemeinsamen Pressekonferenz der evangelischen Kirchenbezirke Mannheim, Neckar-Bergstraße, Neckar-Kraichgau, Odenwald-Tauber und südliche Kurpfalz wissen. Die Reaktion auf diese Frage fällt nicht ganz symmetrisch aus. Während Pfarrerin Annette Röhrs knapp ein paar Mal mit dem Kopf nickt, wägt Dekanin Ute Jäger-Fleming, die mit ihren Kolleginnen Christiane Glöckner-Lang und Katharina Treptow-Garben Seite an Seite in der Kantine des Technikmuseums an der Tafel sitzt, eher ab. Es gehe auch einfach darum, die Liebe zu feiern, einen besonderen Moment mit Gottes Segen zu erleben. Das sind beides schöne Antworten, und beide können nebeneinander wahr sein.

Die vier Dekaninnen sehen aus wie Schwestern, sogar bei der Auswahl ihrer Brillengestelle scheinen sie gemeinsame Vorlieben zu haben. Wobei, Schwestern sind sie natürlich schon auf die eine oder andere Weise. Immerhin sind sie alle dem gleichen Ruf gefolgt, betreuen allesamt immer größer werdende Kirchenbezirke, die durch Zusammenlegungen in den letzten Jahren teilweise ordentlich gewachsen sind. Die Kirche muss sich dem Wandel der Zeit eben anpassen, warum also nicht durch eine Aktion wie diese?

Es geht ja nicht darum, die Menschen zum übereilten oder gar unüberlegten Heiraten zu drängen. Vielmehr geht es darum, ihnen ein solches Fest in einem Rahmen zu ermöglichen, der ihnen nicht zu viel abverlangt – außer eben die Bereitschaft, sich zu trauen, es zu wagen. Um den Rest kümmert sich tatsächlich die Kirche. Um die Location, um einen kleinen Sektempfang, um die Trauung selbst, auf Wunsch sogar mit Unterstützung durch Musik, einen Fotografen und alles, was dazugehört. Das Ganze kostet die willigen Paare keinen einzigen Cent.

Die Standorte in der Region

Besonders spannend ist die Auswahl der möglichen Orte für die Zeremonie. Klassische Kirche? Möglich! Alles andere? Auch! Bundesweit gibt es an diesem sehr speziellen Tag sehr spezielle Locations für ein unvergessliches Ereignis. Im Zuständigkeitsbereich der vier Dekaninnen sind es die folgenden :

  • Technik Museum Sinsheim: Zwei außergewöhnliche Orte stehen zur Auswahl: Die „Brutus-Box“ neben dem rasanten Experimentalfahrzeug oder die „American Green Car Collection“ direkt bei zwei Lowridern mit Hydraulik- und Luftfahrwerk.
  • St. Leon am See: Eine eigene Area direkt am Ufer der großen Freizeitanlage. Der Eintritt zum Seegelände ist für die Paare an diesem Tag kostenfrei.
  • Ladenburg: In der Stadtkirche sowie direkt davor auf der Wiese im Kirchengarten.
  • Mannheim (Citykirche Concordia): Trauungen entweder im Kirchenraum oder hoch oben auf dem Kirchturm, dem Himmel ganz nah. Angeboten werden hier auch spontane Tanzkurse.
  • Schwetzingen: In der Stadtkirche und im Pfarrhof, direkt parallel zum bunten Treiben des „Französischen Marktes“. Ein Kirchenmusiker erfüllt spontane Musikwünsche.
  • Weinheim: Der „nordbadische Ausreißer“ bietet Trauungen in der traditionellen gotischen Stiftskirche sowie in einer kleinen Marienkapelle mitten in der Altstadt.

Klingt das gut? Dann dürfte Ihnen auch das Procedere gefallen, denn es ist so niederschwellig und simpel, dass es sogar mir, 25 Jahre nach meiner aufwendigen Stress-Hochzeit, wie Öl hinuntergeht. Gleich vorweg: Das Ganze mag nach Fließband klingen, ist es aber nicht. Jedes Paar bekommt seine individuellen Momente, seine individuelle Vorbereitung und eine speziell auf sie angepasste Zeremonie. Dafür sorgen die erfahrenen Geistlichen, das versprechen sie, und es gibt keinen Grund, ihnen das nicht zu glauben.

Ablauf, Prozedere und Fazit

Der zeitliche Rahmen vor Ort bewegt sich für ein Paar insgesamt bei etwa ein bis zwei Stunden. Alles beginnt mit der Anmeldung und der Begrüßung durch ein ehrenamtliches Team. Darauf folgt ein persönliches Kennenlern- und Vorbereitungsgespräch mit einer Pfarrperson von etwa 20 Minuten, bevor die eigentliche, ebenfalls rund zwanzigminütige individuelle Segensfeier oder Trauung mit Live-Musik stattfindet. An jedem Standort gibt es ein kleines Catering mit Sekt, Kaffee und Wasser sowie meist eine Fotografin für Erinnerungsfotos. Wer möchte, kann sogar seine Lieblingssongs auf dem Smartphone mitbringen. Für eine echte kirchliche Trauung sind eine bestehende standesamtliche Ehe und die evangelische Kirchenmitgliedschaft mindestens eines Partners Voraussetzung. Für einen reinen Segen gibt es dagegen keinerlei Bedingungen, dieser steht allen Menschen offen, ganz ohne Kirchenmitgliedschaft oder Trauschein.

„Die Idee von ‚Einfach heiraten‘ ist tatsächlich, dass man den Bund fürs Leben schließen oder auch die Partnerschaft segnen lassen kann. Möglichst einfach, ohne lange Vorbereitungszeit – das ist ja sonst oft ein monatelanges Vorbereitungsprozedere –, ohne Checklisten, ohne Stress. Und was auch noch dazu kommt, sind die Kosten. Unsere Aktion ist für die Brautpaare kostenlos. Das heißt, es ist jetzt nicht mit einem riesigen Kostenfaktor verbunden, und Gottes Segen ist so oder so kostenlos“, bringt es Dekanin Christiane Glöckner-Lang auf den Punkt.

Susanne Rieder vom Technik Museum Sinsheim freut sich über diese ungewöhnliche Kooperation, die auch für das Museum etwas ganz Neues ist. „Das ist nicht immer mit diesen vier Wänden von einer Kirche verbunden, sondern auch mit Hobbys, mit Lieblingsorten, einfach auch mit Herzgefühl, ganz viel Herzgefühl. Und deswegen freut mich das extrem, dass Paaren jetzt so was angeboten wird, um ihren Tag zu etwas noch Besondererem zu machen, als er eh schon ist“, sagt sie. Das ist ein echter Ritterschlag, denn bei ihrer eigenen Hochzeit vor vielen, vielen Jahren hat sich die Kirche nicht ansatzweise so flexibel gezeigt, sondern vieles einfach bestimmt und festgelegt, was Susanne gerne anders gehandhabt hätte. Eine Erfahrung, die vermutlich viele Paare mit ihr teilen.

Umso schöner ist dieser Befreiungsschlag der evangelischen Kirche, das ganz bewusste Entkomplizieren eines Vorgangs, der eigentlich gar nicht kompliziert ist: das auf Liebe und Vertrauen gebaute Bekenntnis zueinander – vor den Menschen, die etwas bedeuten, vor allen anderen, aber auch vor dem unendlichen Universum und, ja, wenn Sie mögen, auch vor Gott.

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