Hoffnung ist, was man daraus macht
Magisch und hypnotisch knistert das Feuer, das in roten und goldenen Flammen aus dem alten Stück Totholz lodert. Wie ein Lavastrom strahlt der Feuerschein aus den seitlichen Schlitzen der Schwedenfackel, die ich mir für diesen heutigen, ganz besonderen Tag zurechtgesägt habe. Ich starre in die Flammen, fühle regelrecht den Schulterschluss über Raum und Zeiten hinweg zu all den Menschen, die das schon seit Hunderten, ach was, Tausenden Jahren vor mir getan haben.
Über mir ein klarer, tief dunkelblauer Nachthimmel, eine eisige Stille und ein Versprechen. Ein Versprechen, das ich mir selber gebe, aber auch ein Versprechen, das der tiefen Symbolik dieser besonderen Nacht entspringt – der Nacht der Wintersonnenwende. Jenem besonderen Moment, an dem die Tage wieder beginnen, Stück für Stück etwas heller und etwas länger zu werden.
Bisher habe ich diesen Moment einfach immer verstreichen lassen, nicht näher beachtet. Dabei ist diese finsterste aller Stunden in unserem Jahreslauf eine einzigartige Gelegenheit, um zu begreifen, dass alles einem ewigen Wandel unterworfen ist, dass das Auf und Ab im Leben keine Anomalie, sondern die Essenz unserer Existenz ist. Eine stetige Wellenbewegung, der Pulsschlag unseres Lebens.
Im zurückliegenden Jahr hatte ich zunehmend das Gefühl, dass sich alles bergab entwickelt, dass die Tage immer nur kürzer und immer dunkler werden – ohne das Versprechen, sich jemals wieder eines Besseren zu besinnen. Sehen Sie sich den Zustand unserer Welt an, wie er uns jeden Tag schonungslos und ohne jegliche Filter auf allen Kanälen direkt vor die Füße und um die Ohren gespült wird. Trotz besseren Wissens ignorieren wir jeden Hilferuf, den unser Planet uns zuruft, wir wählen und entscheiden uns immer mehr für Kleingeistigkeit und Argwohn, wir müssen ohnmächtig und wütend zusehen, wie zwei einzelne Menschen ganze Welten ins Chaos stürzen, und wir erleben, wie die Wenigen die Vielen mit modernen Werkzeugen großer Reichweite spalten und gegeneinander aufbringen. Wir sind Zeuge davon, wie Milliarden über Milliarden statt in Unterstützung und Bildung in Aufrüstung und Vernichtung fließen, wie sich scheinbar all das mühsam Erreichte von Jahrzehnten innerhalb von Wochen in Rauch auflöst.
So viel Elend, Not und Gewalt in der Welt, so übermächtig, dass wir nicht wissen, wie wir all dem begegnen können … Wir kleine Punkte, die ratlos unter dem dunklen Winterhimmel in die Flammen blicken. Dabei ist eine mögliche Antwort darauf ganz nah, nicht annähernd so weit weg wie die fernen Sterne, die vereinzelt dort über mir funkeln. Ich glaube, wir selbst können eine Antwort auf all das sein, eine Antwort, die uns gleichermaßen guttut und uns alle ein bisschen weiter voranbringt.
Wie wäre es, wenn wir unsere Aufmerksamkeit ein bisschen weiter weg von all diesen großen, scheinbar unlösbaren Problemen dorthin verlagern, wo wir etwas bewirken können? Zu unseren Freunden, zu unserer Familie, zu unseren Nachbarn? Und vielleicht auch zu all den Menschen um uns herum, die wir noch gar nicht näher kennen? Es braucht dafür gar nicht viel, nur etwas Aufmerksamkeit, nur etwas Neugier, die Fähigkeit, sich für einen klitzekleinen Moment in die Schuhe des anderen zu stellen. Sich zu fragen: Was bewegt ihn, was treibt ihn an, was treibt ihn um, was sorgt ihn? Der hehre Versuch, die Welt für einen Moment durch andere Augen zu sehen. Ich glaube, das würde schon so viel bewirken. Denn es sind die ganz kleinen Dinge, die uns im Leben die größten Freuden bereiten, auch wenn wir das gerne vergessen. Der freundliche Blick eines Fremden, ein Gruß, ein Handschlag oder hier und da ein nettes Wort, das ehrliches Interesse am anderen zum Ausdruck bringt.
Bitte entschuldigen Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, mir ist klar, dass ich hier einen kitschigen, vielleicht sogar unnötig pastoralen Ton anschlage, aber um es mal kurz auf den Punkt zu bringen: Die Momente im Jahr 2025, die mir am meisten Freude gebracht haben, die mir tatsächlich sogar hier und da einen kurzen Glücksblitz durch die traurigen, müden Knochen geschickt haben, waren „nur“ freundliche Blicke, nette Worte und kleine Zeichen ungeteilter Aufmerksamkeit, und wenn sie auch nur Augenblicke gedauert haben.
Ich finde, es gibt kaum etwas Schöneres als den unerwarteten Gruß eines Fremden, einen netten Satz in einer E-Mail, ein Dankeschön oder nur ein freundlicher Blick.
Vielleicht sollten wir uns in diesem Sturm, in dem wir alle gemeinsam stehen, gar nicht so sehr auf die großen unlösbaren Aufgaben versteifen, sondern auf die, die wir jeden Tag für uns und für andere lösen können. Sie brauchen dafür nicht mehr als etwas Aufgeschlossenheit, etwas Achtsamkeit und etwas Liebe im Herzen.
Während ich in dieser Nacht in die Flammen blicke, nehme ich mir vor, diese Sonnenwende auch zu einer Wende in meiner Betrachtung dieser Welt zu machen. Ich wende mich den guten Dingen zu, den Dingen, auf die ich selbst Einfluss nehmen kann, den kleinen Momenten, der Liebe, der Freude und jener Schönheit, von der es so viel mehr um uns herum gibt, als uns im Tosen des Sturms bewusst sein mag.
Ich wünsche Ihnen von Herzen friedliche, erholsame und absolut ereignislose Tage zur Weihnacht und für Ihr neues Jahr.
Herzliche Grüße
Ihr
Stephan Gilliar
Herausgeber Hügelhelden.de
Ein kurzer Hinweis zum Foto: Da ich mich selbst am Lagerfeuer nicht fotografieren konnte, habe ich die KI ChatGPT gebeten eines meiner Fotos entsprechend zu gestalten. Ich hoffe Sie sehen mir das nach. Bei Gelegenheit, wenn ich mal nicht alleine am Feuer sitze, liefere ich ein „echtes“ Foto nach

Lieber Stephan,
dein Text hat mich innehalten lassen. Diese Bilder vom Feuer, von der Stille und von der Sonnenwende tragen eine Ruhe in sich, die man beim Lesen fast körperlich spürt. Besonders berührt hat mich dein Gedanke, dass Hoffnung nichts Abstraktes ist, sondern etwas, das im Kleinen beginnt und von uns selbst ausgeht. Deine Worte erinnern daran, dass wir der Welt nicht immer mit großen Antworten begegnen müssen, sondern mit Menschlichkeit und ehrlichem Interesse füreinander. Danke für diesen sinnlichen Beitrag, der Mut macht, den Blick wieder auf das zu richten, was wir tatsächlich beeinflussen können. Ich wünsche dir ebenfalls friedliche Tage und viele dieser kleinen hellen Momente.
Hab herzlichen Dank. Ich wünsche dir eine wunderbare Weihnachtszeit und viele kleine, große Momente
Stephan
Meinung ist auch , wenn man sie net selbst und trotzdem Raum dafür gibt !! 😜
Sie haben eine Gabe zu schreiben💝! Treffender kann man es kaum sagen, dass Achtsamkeit und Wertschätzung für die nächsten Menschen sehr viel mehr sind, als Kleinigkeiten: gerade die Wertschätzung macht einen groß! Und die ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen auch die Kinder, nicht nur an Weihnachten 🌲💫
Von Herzen dafür ein großes Dankeschön. Genießen Sie die freie Zeit
Stephan Gilliar
Danke für Ihre Arbeit, die ich mit großer Wertschätzung begleite. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest.