Der Bruchsaler Bürgerentscheid am Wochenende bewegt viele und vieles. Den Ausbau der Windkraft im Süden der Stadt verhindert er jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.
Warum das so ist, um was es geht und um was es nicht geht – Der Versuch einer Einordnung von Hügelhelden-Herausgeber Stephan Gilliar
Wenn man aus dem Kraichgauer Hinterland derzeit nach Bruchsal schaut, könnte man schon fast ein Déjà-vu bekommen. Bruchsal diskutiert über das Thema Windkraft, über das Für und Wider des Ausbaus, über die Errichtung neuer Anlagen und natürlich über den großen Bürgerentscheid, der am kommenden Sonntag genau darüber befinden soll. In Kraichtal liegt diese ganze Episode bereits einige Monate in der Vergangenheit, es lohnt sich aber noch einmal zurückzuschauen und sich vor Augen zu führen, worum es geht und worauf es letztlich ankommt.
Auch in Kraichtal schlugen die Wogen rund um den Bürgerentscheid hoch. Beide Seiten – wenn man hier überhaupt von „Seiten“ sprechen mag – präsentierten ihre Argumente, plakatierten im Grunde jeden Laternenmast in der Stadt, es wurde diskutiert, auf großer Bühne und im Kleinen. Man versuchte einander zu überzeugen, dass nur ein Ja oder ein Nein die wirklich einzige Entscheidung sei – zwei simple Wörter, die der komplexen Diskussion nicht ansatzweise gerecht wurden.
Immer wieder, sowohl damals in Kraichtal als auch heute in Bruchsal, kursiert die Annahme – teilweise wohl auch bewusst suggeriert –, der Bürgerentscheid könne den Ausbau der Windkraft im Süden der Stadt stoppen. Hier muss man klar sagen: Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Fall sein.
Die eigentliche Frage ist einfach: Werden die Windräder auf städtischem Grund oder auf privatem gebaut? Der Unterschied betrifft vor allem die Pachteinnahmen: fließen sie in die städtischen Kassen oder in die Taschen privater Eigentümer? Die Stadt könnte dieses Geld gut gebrauchen, um Schulen, Bäder, den ÖPNV oder Kitas zu unterstützen. Pro Windrad liegen die Pachteinnahmen regelmäßig im sechsstelligen Bereich. Ohne städtische Beteiligung profitieren vor allem wenige private Grundstücksbesitzer – schön für sie, aber nicht unbedingt im Dienste der Allgemeinheit.
Beim Bürgerentscheid am Sonntag, den 14. Dezember – die Wahlunterlagen haben Bruchsaler Bürgerinnen und Bürger längst erhalten – geht es um die Frage:
„Sind Sie dagegen, dass die Stadt Bruchsal einen Poolingvertrag und sich daraus ergebend einen Gestattungsvertrag für den Bau und Betrieb von Windkraftanlagen in kommunalem Wald und angrenzenden Ackerflächen mit privaten Eigentümer/-innen für das Potenzialgebiet Süd abschließt?“
Formaljuristisch ist das eine klassische Ja-oder-Nein-Frage. Die Auswirkungen mögen unterschiedlich erscheinen, aber verhindern wird sie den Bau der Anlagen im Süden der Stadt vermutlich nicht.
Die Optionen:
- Ein „Ja“ bedeutet, dass die Stadt Bruchsal die ausgewählten Waldgrundstücke nicht an die Betreiber künftiger Windkraftanlagen verpachten darf.
- Ein „Nein“ bedeutet, dass die Stadt der Verpachtung städtischer Waldgrundstücke zustimmt.
Auch ein Ja garantiert nicht, dass keine Windräder gebaut werden. Sie werden dann wahrscheinlich auf privatem Grund entstehen. Drei bis sieben Anlagen sind auch auf privaten Flächen möglich, und angesichts der großzügigen Pachtsummen lässt sich schwer vorstellen, dass viele wirklich Nein sagen.
Gebiet und Flächen
Der geplante Windpark „Bruchsal Süd“ liegt südlich von Obergrombach und Helmsheim, direkt an der Grenze zu Gondelsheim. Die gesamte Fläche (im Regionalplan „WE_13 Bruchsal, Großer Wald“ genannt) ist als Vorranggebiet für Windräder markiert – hunderte Hektar, die bis nach Gondelsheim reichen. Der eigentliche Windpark ist jedoch nur ein kleinerer Teil, beschränkt auf bestimmte Grundstücke in Obergrombach und Helmsheim.
Kritikpunkt Wald
Besonders viel Kritik entzündet sich daran, dass vier der sieben Anlagen im städtischen Wald entstehen sollen. Für eine einzelne Anlage wird dauerhaft 0,58 Hektar benötigt, die Stadt rundet auf ein Hektar pro Anlage auf. Insgesamt müssten also ca. vier Hektar Wald gerodet werden – etwa 1,8 Prozent des Großen Waldes (ca. 220 Hektar). Die Bürgerinitiative „Kein Windrad im Wald“ kritisiert die Rodung und den Verlust wertvoller Ökosysteme.
Ökobilanz und Klimaschutz
Trotz der Rodung überwiegt der ökologische Nutzen. Studien zeigen, dass die CO₂-Einsparung durch Windräder die durch die Rodung verlorene Bindung um ein Vielfaches übersteigt. Ein Windrad spart mehr CO₂ ein, als der Wald bindet, wodurch der CO₂-Ausstoß für Bau und Betrieb oft innerhalb eines Jahres ausgeglichen wird. Zudem sind Betreiber zu Kompensationsmaßnahmen verpflichtet, wie z. B. Wiederaufforstung.
Experten sehen den Klimawandel als größte Bedrohung für den Wald. Die Reduktion von Emissionen durch Windkraft ist daher ein übergeordneter Beitrag zum Waldschutz.
Fazit für Wählerinnen und Wähler
Am 14. Dezember haben Bruchsalerinnen und Bruchsaler die Möglichkeit, ihre eigene Entscheidung zu treffen. Es lohnt sich, die Fakten zu prüfen. Dieser Artikel liefert vielleicht einen Überblick, zusätzliche Quellen helfen, die Debatte besser einzuordnen.
Ach ja: Kraichtal sagte im Sommer übrigens deutlich Nein, der dortige Bürgerentscheid fiel mit knapp 62 zu ca 38 Prozent eindeutig aus.
Wichtige Quellen zur Windkraft-Debatte
Wissenschaftliche und ökologische Bilanz
• Umweltbundesamt (UBA): Themenpapier zur Ökobilanz von Windenergieanlagen an Land
https://stories.umweltbundesamt.de/system/files/document/20210527_Themenkompass_Oekobilanz.pdf
• NABU Baden-Württemberg: Umweltauswirkungen von Windenergieanlagen (Faktencheck)
https://baden-wuerttemberg.nabu.de/imperia/md/content/badenwuerttemberg/themen/energie/2024-07-18_faktencheck.pdf
• BUND Naturschutz: FAQ Windkraft – Pro & Contra Windenergie
https://www.bund-naturschutz.de/energiewende/erneuerbare-energien/faq-windkraft
Lokale Informationen und Debatte zum Windpark „Bruchsal Süd“
• Stadt Bruchsal: Informationen zum Bürgerentscheid Windpark Süd
https://www.bruchsal.de/informieren/verwaltung/buergerentscheid-windpark-sued
• Bürgerinitiative „Kein Windrad im Wald“ – Pro & Contra
https://keinwindradimwald.de/pro-contra