Jahrzehntelang hat Werner Kober aus Odenheim als Sanitäter im Bruchsaler Gefängnis Schwerkriminelle behandelt – dabei immer versucht, den Menschen hinter dem Häftling zu sehen.
Ein Gespräch mit Werner Kober, ehemaliger Sanitäter in der JVA Bruchsal. Die folgenden Erinnerungen beruhen auf seinen persönlichen Erzählungen.
Mit Werner legt man sich besser nicht an – oder hat sich besser nicht angelegt. Dass der heute 82-Jährige in seinem langen und bewegten Leben schlagfertig und um die passende Antwort selten verlegen war, wird im Laufe unseres Gesprächs in seiner Neuenbürger Wahlheimat schnell deutlich. Wenn er erzählt, dann macht er das mit Herz und Hand, gestikuliert, lässt sich mitreißen von den Erinnerungen und den eigenen Gefühlen. Wenn man ihm dabei zuhört, kann man sich gut vorstellen, was für ein Mann er in seinen jungen Jahren gewesen ist: ein ehrgeiziger Heißsporn – immer direkt, immer ehrlich, immer gerade heraus. Sanftmütig, wenn es darauf ankam, unerbittlich, wenn es nötig wurde. Im Grunde die ideale Besetzung für einen Justizvollzugsbeamten – und damit genau der Job, den Werner jahrzehntelang ausübte und lebte.

Man könnte unumwunden sagen, in Werners Familie spielt das berühmt-berüchtigte Café Achteck in Bruchsal, früher als Schwerverbrecherknast weithin bekannt, eine zentrale Rolle. Sein Vater hat hier bereits jahrzehntelang in den verschiedenen Blöcken und Zellentrakten gearbeitet und den Dienst unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufgenommen. Der Sohn trat – wenn auch mit ein paar Umwegen – in seine Fußstapfen. Was Werner in dieser Zeit erlebt hat, geht sprichwörtlich auf keine Kuhhaut. Aus seiner ganz eigenen Perspektive hat er ein Stück weit die bewegte Geschichte der jungen Bundesrepublik miterlebt, kam mit Serienmördern und Terroristen ins Gespräch, sah, wie sich die Welt hinter Gittern wandelte.

Werners Leben war dabei nie einfach – das Schicksal hat es ihm nie wirklich leicht gemacht. Seine Frau, die er damals im Odenheimer Café Schmidt beim Tanztee zur Fasnacht kennenlernte, erkrankte nur wenige Wochen nach der Hochzeit an Multipler Sklerose – einer heimtückischen, langsam fortschreitenden Krankheit, die die beiden seither tagtäglich begleitet und immer neue Herausforderungen stellt.
Werner, geboren und aufgewachsen in Odenheim, versuchte sich nach der Schule zunächst als technischer Zeichner und absolvierte anschließend eine Lehre zum Schlosser. Die ersten beruflichen Stationen brachten nicht die erhoffte Zufriedenheit, bis ihn schließlich sein Vater davon überzeugte, es doch einmal – genau wie er selbst – in der Bruchsaler Haftanstalt zu versuchen. Tatsächlich wurde Werner eingestellt, durchlief die mehrwöchige Ausbildung und trat schließlich seinen Dienst im „Stern von Bruchsal“ an, wie das alte Gefängnis aus dem 19. Jahrhundert noch heute genannt wird. „Am Anfang hatte ich schon Mores“, lacht Werner, wenn er an diese ersten Tage inmitten der „schweren Jungs“ zurückdenkt – doch das legte sich schnell. Werner ging von Anfang an unvoreingenommen und unparteiisch an die Arbeit heran, genau wie an die Strafgefangenen selbst. Für ihre Taten wurden sie verurteilt und eingesperrt – das ist ihre Strafe, darüber haben andere zu befinden, erzählt er und ist dabei klar und gefestigt in seiner Ansicht. Keine Bewertung, keine moralische Keule – das sei nicht seine Aufgabe, sondern die der Gerichte. Einmal habe er sich zum Rauchen in den Hof mit den anderen Gefangenen gestellt, dabei habe ihn ein riesiger Kerl angesprochen und gefragt, ob er denn keine Angst hier hätte. „Vor was soll ich denn Angst haben“, entgegnete Werner. „In erster Linie sind wir hier drin alle Menschen.“ Ein Schlüsselmoment für Werner, der ihm den Respekt der Gefangenen einbrachte.

Weil Werner schon jahrelang zuvor beim Roten Kreuz in Odenheim aktiv war – und es übrigens heute in seiner Kraichtaler Wahlheimat immer noch ist – schlug der damalige Gefängnisdirektor vor, dass Werner die Zusatzausbildung zum Gefängnissanitäter absolviert. Nach einigem Hadern – Werner trug schließlich die Verantwortung für seine erkrankte Frau und die damals junge Tochter – sagte er schließlich zu und verbrachte ab diesem Zeitpunkt Wochen und Monate unter anderem in der Haftanstalt Stammheim und im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg, einer alten Festung, in der schwere körperliche und psychische Erkrankungen von Gefangenen stationär versorgt werden.

Besonders an die Tage in Stammheim erinnert sich Werner noch gut. Wie auch nicht – im sogenannten „Deutschen Herbst“ gleicht die Stuttgarter Haftanstalt einer Festung im Kriegszustand. Anfang der Siebzigerjahre wird die erste Generation der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) dort inhaftiert, unter anderem die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe. An ihre Gesichter und Namen kann sich Werner noch gut erinnern, hatte er doch regelmäßig Aufsicht auf dem eigens für die Terroristen angelegten Innenhof oben auf dem Dach der Haftanstalt in Stammheim. Dort ging es hoch her, erzählt Werner – und auch davon, wie er mit Wachhund und geladener Waffe nachts auf dem Gelände Patrouille gegangen ist, mit aufgestellten Nackenhaaren.
Diskussionen mit den Terroristen scheute er dennoch nicht. Ein paar Jahre später traf er auf ein prominentes Mitglied der zweiten Generation, das bei einem Schusswechsel mit der Polizei schwer verletzt worden war. „Und? Was hat es dir jetzt gebracht? Jetzt bist du schwer verletzt und sitzt hinter Gittern“, wollte Werner von ihm wissen. Übrigens nicht die einzige Begegnung mit Angehörigen der RAF – auch Christian Klar war in der JVA Bruchsal jahrelang inhaftiert.

Besonders in Erinnerung geblieben sind Werner aber zwei Begegnungen in seinen jungen Jahren als Sanitäter im Bruchsaler Gefängnis. Da wäre zum einen der erste Serienmörder der jungen Bundesrepublik, Heinrich Pommerenke, der 1959 in Baden-Württemberg verhaftet und später wegen vier Morden, zahlreicher Sexualdelikte und Raubüberfälle zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde. Er galt als einer der berüchtigtsten Gewaltverbrecher der Nachkriegszeit und verbrachte fast fünf Jahrzehnte in Haft, zuletzt in der JVA Bruchsal.
Die Geschichte, die Werner aber am deutlichsten vor Augen steht, ist die, die sich vor Jahrzehnten an einem kalten und einsamen Silvesterabend im Gefängnis zugetragen haben soll. Damals war in Bruchsal ein prominenter Schwergewichtsboxer inhaftiert – ein Schrank von einem Mann, ein regelrechter Hüne. Werner hatte zu diesem Zeitpunkt alleine Dienst in der Krankenstation, als plötzlich der Alarm durch die Flure gellte. Offenbar hatte der Boxer in seiner Zelle randaliert, das Waschbecken aus der Verankerung gerissen, woraufhin sich Wasser in den Zellentrakt ergoss. Werner wurde hinzugerufen, ließ das Wasser abstellen und suchte den Mann in seiner Zelle auf. „Ich habe so Zahnschmerzen“, habe der gesagt, „ich halte das nicht mehr aus.“ Also versuchte Werner, den Zahnarzt der JVA aufzutreiben – vergeblich. Man muss sich in Erinnerung halten: Es war die Silvesternacht. Auch ein Transport in die Zahnklinik nach Karlsruhe war unmöglich, da mindestens vier Mann Begleitschutz nötig gewesen wären. Also entschied sich Werner – nach langem Abwägen – den Zahn selbst zu ziehen, um den Mann von seinen Schmerzen zu befreien. „Mir ist der Schweiß auf der Stirn gestanden“, erzählt er, als er die Zange ansetzte, den Zahn umschloss und dann zögerte. Doch der Boxer griff nach Werners Arm und drückte diesen mitsamt der Zange nach oben – der Zahn kam, samt eines riesigen Eitersacks. Die Schmerzen müssen tatsächlich schrecklich gewesen sein. „Danach hat er mich umarmt“, lacht Werner, als er sich an diese Nacht erinnert, „so dankbar war er.“

Heute ist Werner 82 Jahre alt, seit vielen Jahren im Ruhestand – aber an die Tage im alten Café Achteck erinnert er sich noch immer, als wären sie Bilder in einem alten Fotoalbum. In ein paar Tagen wird er das erste Mal seit vielen, vielen Jahren wieder zu Gast sein in den Mauern, in denen er so lange seines Lebens verbracht hat: bei einer Führung für ehemalige Bedienstete der Haftanstalt. Darauf freut sich Werner sehr. Denn so unterschiedlich die Schicksale auch waren, die Menschen letztlich an diesen Ort geführt haben – auch das seiner Familie ist eng mit dem Stern von Bruchsal verknüpft. Zwei Generationen Kobers sorgten dort über sechs Jahrzehnte hinweg für Ordnung, Menschlichkeit und Haltung hinter den Mauern des berühmtesten Gefängnisses Baden-Württembergs.
