4 Takte für den Weg ins Ödland oder „Fluch und Segen des Rasenmähens“
Samstagvormittag, die Vögel zwitschern, die Temperaturen mild und angenehm. Ich merke bereits beim Frühstück, wie sich in mir der Spießer erhebt, jener Teil von mir, der schon fast ein paar autistische Anleihen in sich trägt, der Ordnung in das Chaos bringen möchte. Ich schlüpfe in meine grüne Latzhose, ziehe die schweren Gummistiefel über die Füße, drücke mir die EarPods in die Ohren, lasse Creedence Clearwater Revival ertönen und ziehe den Anlasser. Mit „Bad Moon Rising“ im Gehörgang bewege ich meinen schweren, 4 PS-starken Bad-Boy-Benzinrasenmäher über die Straße. Vor mir erstrecken sich über 1000 m² wilder, unschuldiger Wiese. Wie schön sieht sie an diesem Morgen aus, mit all den frühen Frühlingsblumen, die überall im Grünen ihre Köpfe der Sonne entgegenheben: Gänseblümchen, Scharbockskraut, Veilchen, Huflattich, Wiesenschaumkraut und Löwenzahn. Eine bunte Sinfonie, ein harmonisches Bild, das ich mich gerade anschicke – sprechen wir es aus – zu vernichten.
Röhrend (g)rollt der Tod
Mit einem wilden Röhren erwachen die 196 cm³ des Loncin-Motors zum Leben, fauchend wirbelt das Messer über dem Grund. Stück für Stück bewege ich mich in konzentrischen Kreisen über das sanfte Auf und Ab meiner Wiese hinter dem Haus, zerstückle all die fröhlichen Farben, die Sekunden zuvor noch vor Vitalität strotzend den Frühlingsbeginn bezeugten. Ich sehe, was ich da tue, ein Teil von mir schreit laut dabei, doch der andere – mein innerer Monk, wie man so schön sagt – genießt es, die geometrischen Formen in den Boden zu treiben, Vierecke, Quadrate, Kreise und Pirouetten zu drehen, dass am Ende die Wiese wie ein geometrisches Konstrukt aussieht.

Nach einer Stunde ist es vollbracht: Das wilde und fröhliche Stück naturbelassener Wiese hat sich in ein spießbürgerliches Pendant englischen Rasens verwandelt – zwar grün, doch dabei fast gänzlich leblos. Ein paar Insekten, Falter und Schmetterlinge irren ziellos darüber, finden nicht eine Blume, einen Halm, gar nichts mehr, mit dem sie etwas anfangen könnten.
Zwei Herzen in der Brust
In mir regen sich zwei äußerst starke Gefühle: Die Zufriedenheit, diesem Stück Natur meinen Willen aufgezwungen zu haben, es in klaren Linien, Kanten und Formen definiert zu haben – aber auch, und hier übertreibe ich kein bisschen, das Entsetzen darüber, was ich gerade einem vitalen Lebensraum angetan habe. Das Schlimmste daran: Ich weiß noch nicht einmal, warum ich es getan habe. Ich nutze diese Wiese nicht für irgendwelche Freizeitaktivitäten, ich mähe sie nur um des Mähens willen. Die einzige Rechtfertigung, die ich für mein allwöchentliches Treiben vorzubringen habe, ist höchstens die, dass mein Rasenmäher es nicht mehr packt, die Wiese ab einer gewissen Höhe in den Griff zu bekommen – dann würde sie mir im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf wachsen. Aber das ist eine schwache Entschuldigung und mit dem Einsatz einer Motorsense zweimal im Jahr kein größeres Thema.
Warum also starte ich alle ein bis zwei Wochen diesen Vernichtungszug gegen die Natur? Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es einfach nicht. Es ist Gewohnheit, man macht das eben so. Ich habe keinerlei valide Argumente auf der Pfanne. Tatsache ist aber – und hier gibt es keine zwei Meinungen –, dass es ökologisch gesehen so viel mehr Sinn machen würde, das Mähen auf ein Minimum zu beschränken, die Natur einfach wirken zu lassen.
Denn wer regelmäßig mäht, mäht mehr als nur Gras.
Man tilgt unzählige heimische Wildpflanzen, die im Frühling wertvolle Nahrungsquellen für Insekten und Bestäuber bieten. Arten wie Wiesen-Salbei, Wilde Möhre oder Margeriten verschwinden, weil ihnen keine Zeit bleibt zu wachsen. Dabei belegen Studien, dass selbst kleine ungemähte Flächen bereits messbare Effekte auf die Artenvielfalt haben. Wer mäht, unterbricht nicht nur Kreisläufe – er beendet sie. Die Natur wird dabei immer ärmer, die Böden trockener, die Vielfalt eintöniger. Und das alles nur für ein vermeintlich gepflegtes Bild.
Es wäre so einfach, es nicht zu tun. Ein paar Wochen innehalten. Die Blumen machen lassen. Und statt toten Rasen zu feiern, lebendiges Leben wachsen lassen. Die Natur braucht keine englische Ordnung, sie braucht Raum, Zeit und Geduld.
Die Aktion „Mähfreier Mai“ erinnert uns genau daran.
Ursprünglich in Großbritannien als „No Mow May“ ins Leben gerufen – im Mutterland des penibel gepflegten Rasens –, wurde sie von der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft gemeinsam mit den Gartenakademien Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nach Deutschland gebracht. Seither ruft sie jedes Jahr im Mai dazu auf, die Mäher stehen zu lassen, die Natur zurückzuholen und wieder hinzusehen, was da eigentlich lebt – wenn man es nur lässt.
Mach mit. Lass wachsen.
Was wir also tun können? Ganz einfach. Ab dem 1. Mai einfach mal nicht mähen. Lassen wir es einfach bleiben, bekämpfen wir diese Sucht, erlauben wir uns die Schönheit des Chaos einfach zuzulassen. Was wir dafür bekommen? Etwas Seelenfrieden, die wunderbare Gewissheit unserer Heimat, unserem Land, unserer Natur einen echten Dienst erwiesen zu haben, dazu beigetragen zu haben, dass unser Hügelland sein Gesicht wahren und erhalten kann.
Und wenn Sie so gar nicht aufs Mähen verzichten können? Nun, dann mähen Sie eben – aber mit Maß. Verlängern Sie die Intervalle, lassen Sie beim nächsten Schnitt einfach mal eine Ecke stehen oder wechseln Sie jedes Mal die gemähte Fläche. Schon solche kleinen Änderungen können Großes bewirken. Denn selbst ein halber Quadratmeter Wildwuchs ist für viele Insekten mehr wert als ein ganzer Golfplatz aus Rasen. Oder um bei meiner Lieblingsband CCR zu bleiben: Sie müssen ja nicht gleich: Run Through the Jungle, – Solang sie noch Farbe oder etwas Licht sehen, ist alles gut. As Long As I Can See The Light.

Killer!!!😱
Denn sie wissen nicht, was sie tun. Berühmter Satz. Noch schlimmer, wie bei dieser sinnlosen überall stattfindenden samstäglichen Aktion: man weiß, wie blöd und naturvernichtend das ist – und tut es trotzdem! Ja, hört auf mit dem bekloppten Rasenmähen! Nehmt die Sense, die Schafe 🐑 ( mache ich, wenn ich endlich mein eigenes Stück Grün habe!) und legt euch ins Gras, die Wiese… ich mache es so ! Bis dann wieder der Hausmeister kommt – kann reden, was ich will, er bleibt stur, grrrrrr!!! und alles kaputt macht.😔 Wer Rasen mäht, hat so viele negative Karmapunkte, die schafft er nie wieder weg!
Das Mähen ist nur ein Problem, wenn man im Garten sonst nichts anzubieten hat. Wer auf Schotter, Gräser ohne Mehrwert und dergleichen verzichtet, tut schon einiges für die hiesige Insektenwelt.
Da ich mit Rasen auf Kriegsfuß stehe, bin ich zu Mikroklee übergegangen. Der kommt auch deutlich besser mit Trockenheit klar (große Mengen Wasser auf Rasenflächen zu verteilen, halte ich für ein viel größeres Verbrechen, als das Mähen) und seine Blüten sind perfekte Bienenweiden. Da ich aber auch gerne barfuß im Garten unterwegs bin, komme auch ich von Zeit zu Zeit um das Mähen nicht herum, achte aber immer darauf auch noch Blüten stehen zu lassen (nicht zuletzt, weil ich auch möchte, dass der Klee sich gut versamt).
Ansonsten kann ich jedem nur empfehlen, den Garten machen zu lassen. Wo Dinge gut wachsen, einfach mal stehen lassen. Unkräuter einfach mal Kräuter sein lassen.
Lazy Gardening ist angesagt!
Auch bei der Wahl des Mähwerkzeugs sollte man sich Gedanken machen. Problematisch sind Rasen- oder Fadenmäher. Der Rasenmäher zerhackt mit seinem rotierenden Mähwerk Raupen und Heuschrecken, die sich im Gras aufhalten und er verhindert, dass die Pflanzen zum Versamen liegen bleiben. Auch dem Fadenmäher fallen viele Insekten zum Opfer und für grössere Tiere wie Kröten, Blindschleichen oder gar Igel sind sie ebenfalls eine tödliche Gefahr. Zudem besteht der Faden aus Plastik und er nutzt sich ab. Das Plastik landet als Mikroplastik im Boden. Wer besonders tierfreundlich mähen will, greift also am besten zur Sense. Es braucht zwar etwas Übung, aber durch den sauberen Schnitt mit der scharfen Klinge überlebt ein Grossteil der Insekten. Zudem braucht sie weder Strom noch Treibstoff, macht keinen Lärm und das Fitnessprogramm ist ebenfalls inbegriffen.
Mulcher zerhackschnitzeln bis zu 80% aller Lebewesen ! Beim Balkenmäher sind es „nur“ 50 % . Die meisten wissen gar nicht was sie mit ihrem Aufsitzrasemäher anrichten wenn sie ihre Wiese vom Baumstückle schreddern. Mähroboter vernichten jede Blüte, rauben den Bienen jede Chance und wenn sie einen Igel erwischen gibt es Frikasee.
Vor allem sollte die öffentliche Hand mal mit gutem Beispiel vorangehen.
Da sehe ich nur Kahlschlag!
Für (Obst-) Wiesenbesitzer In Ubstadt-Weiher wird es auch in diesem Jahr die Möglichkeit geben, sich in das Projekt „Verleihmäher“ des örtlichen Naturschutzvereins Alternative Ecke e.V. einzuklinken – sozusagen als ‚Ausweg aus der Sucht ‚:
https://www.alternative-ecke.de/der-m%C3%A4her-f%C3%BCr-die-lebendige-wiese/
Aktueller Termin zum Einstieg wird in Kürze auf der angegebenen Seite bekannt gegeben.