Bruchsals dunkelste Stunde

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In weniger als einer Stunde verbrannte am 1. März 1945 Bruchsal – und über eintausend Menschen mit ihm.

Ein Ablauf der Ereignisse dieses schlimmsten Tages in der Geschichte der Stadt

von Stephan Gilliar

Mal abgesehen vom Michaelsberg bei Obergrombach ist der Eisenhut eine der höchsten Erhebungen rund um Bruchsal. Von hier aus kann man die Stadt friedlich in der Ferne liegen sehen, im Dunst die markanten Zwillings-Zwiebeltürme von Sankt Peter und die steinbewehrten Zinnen des alten Bergfrieds. Oft hat Hilde hier als junges Mädchen gesessen und auf die Stadt hinuntergesehen, immer dann, wenn es die viele Arbeit auf dem benachbarten Hof eben zuließ. Auch am 1. März 1945 stand Hilde hier oben. Doch das Bild, das sie sah, hat sie mit all seinen Schrecken, der damit einhergehenden Angst und der Bestürzung in all den Jahrzehnten ihres Lebens nie wieder verlassen.

Fotograf: Carl Ohler

Worauf Hilde von hier oben hinabblicken konnte, war nicht weniger als Tod, Elend, Zerstörung und Verwüstung. „Die ganze Stadt brannte“, erzählte sie mir damals vor fast 20 Jahren, als wir an einem der Jahrestage dieses 1. März einmal darüber sprachen. Es ist etwas anderes, davon zu lesen oder nur davon gehört zu haben. Doch wenn ein Augenzeuge berichtet, wie es gewesen ist, die eigene Stadt in Flammen versinken zu sehen, wird einem mehr als nur ein wenig mulmig zumute. Wie muss es nur sein, auf einen flammenden Kessel hinabzublicken, der einmal die eigene Heimat war – in dem just in diesem Moment über eintausend Menschen – Männer, Frauen und Kinder – den Tod finden? Ich kann es mir nicht ausmalen.

Was ich kann, ist Ihnen nüchtern und knapp zu umreißen, was sich an diesem 1. März, nur wenige Wochen vor Kriegsende, in unserem Bruchsal zugetragen hat. Quellen dafür gibt es reichlich: historische Aufzeichnungen, das Stadtarchiv, Erzählungen von Zeitzeugen. Daher lässt sich der Ablauf dieses 1. Märztages gut rekonstruieren.

Fotograf: Carl Ohler

Dieser Donnerstagmorgen dürfte in der Stadt ruhig begonnen haben. Ein Werktag stand an, Emsigkeit in den Straßen und Gassen wie an jedem anderen Morgen auch. Einkäufe wurden erledigt, Kinder gingen zur Schule, die Menschen zur Arbeit. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten: Am späten Vormittag erhoben sich zeitgleich mehrere schwere Bomber der US Air Force von ihren Stützpunkten in Südengland und nahmen Kurs auf das Deutsche Reich. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt faktisch längst verloren. Die Alliierten hatten bereits kurz zuvor im Zuge der Operationen Veritable und Grenade den Rhein erreicht. Die Rote Armee hatte mit der Weichsel-Oder-Offensivebereits weite Teile Ostdeutschlands erobert und stand kurz vor Berlin. Deutschland hatte praktisch keine Luftwaffe mehr, die den alliierten Bomberverbänden etwas entgegensetzen konnte. Auch die Luftverteidigung war fast gänzlich zusammengebrochen.

Bomben über Bruchsal. Bild: US Airforce

So gelangten die 116 Bomber und Kampfflugzeuge des 41st Bombardment Wing der 8th Air Force ohne großen Widerstand in den süddeutschen Luftraum. Über dem Schwarzwald sammelten sich die Maschinen, um dann gemeinsam nach Bruchsal zu fliegen. Um 13:53 Uhr brach die Hölle über Bruchsal herein. Aus 6500 Metern Höhe ließen die Alliierten innerhalb einer Dreiviertelstunde über 900 Sprengbomben und fast 50.000 Brandbomben auf die Stadt niedergehen.

Fotograf: Carl Ohler

Die Folgen waren verheerend. Die Gebäude der Altstadt, die nicht sofort durch die Explosionen zerstört wurden, fielen dem sich ausbreitenden Flächenbrand zum Opfer. In den Dachstühlen, die durch die Kraft der Sprengbomben einfach aufgerissen wurden, konnten die leichten Stabbrandbomben mühelos das trockene Ständerwerk entzünden. Für die Bevölkerung, für die Menschen in der Stadt, hatte diese Taktik nicht minder fatale Auswirkungen. Viele starben bereits durch die immensen Druckwellen der als Blockbuster bezeichneten Sprengbomben, die meisten jedoch durch die von den mit Magnesium oder Phosphor gefüllten Stabbrandbomben ausgelösten Feuerstürme. Die heiße Luft, die durch das Inferno erzeugt wurde, stieg nach oben und saugte frische Luft mit hoher Geschwindigkeit nach. Dies geschah mit einer derartigen Wucht, dass Menschen mit nach oben gerissen und verbrannt wurden. Wer es schaffte, sich in Kellern zu verstecken, erstickte dort aufgrund von Sauerstoffmangel oder einer Kohlenmonoxidvergiftung.

Bruchsal und sein Schloss. Alte Aufnahme von 1946 / Bild: Redaktion / Familie Ziegler

Nicht einmal eine Stunde dauerte der verheerende Angriff auf die Stadt, die danach zunächst einmal faktisch aufhörte zu existieren. 90 Prozent Bruchsals wurden zerstört, weit mehr als 1000 Menschen starben in den Feuerstürmen und bei den Explosionen der Bomben.

Ja, auch heute, 80 Jahre nach diesen schrecklichen Ereignissen, bekommt man immer noch einen Kloß im Hals, wenn man über die Geschehnisse dieses 1. März schreibt und liest. Man könnte sogar wütend werden, denn taktisch notwendig waren diese umfassenden Bombardements zu jenem Zeitpunkt im Grunde längst nicht mehr. Wut ist menschlich, und auch wenn wir uns das nicht bewusst machen wollen: Im Menschlichen liegen auch tiefe Abgründe, deren wahre Ausmaße sich im Krieg auf beiden Seiten, an allen Fronten immer wieder aufgetan haben. Während wir heute auf diesen dunklen Tag zurückblicken, dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass dieser Krieg und seine tödliche Fracht nicht einfach so vom Himmel fiel.

Fotograf: Carl Ohler

Der Luftkrieg war keine einseitige Tragödie. Er war eine grausame Eskalation eines Konflikts, den Deutschland selbst entfesselt hatte – beginnend mit dem in keiner Weise gerechtfertigten Überfall auf Polen, dem Angriffskrieg gegen Frankreich, England, die Sowjetunion … und auch der grausamen und massiven Bombardierung von Dörfern und Städten überall auf dem Kontinent. Die alliierten Luftangriffe waren die Antwort auf ein Unrechtsregime, das sich durch Eroberung, Unterdrückung und beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit hervorgetan hatte.

Und dennoch: Das Wissen um diese Zusammenhänge ändert nichts an dem Leid, das Bruchsal und seine Bewohner an jenem Tag ertragen mussten. Es relativiert nicht den Tod tausender Zivilisten, nicht das Entsetzen jener, die in den Flammen starben oder alles verloren. Aber es gehört auch zu unserer historischen Verantwortung, beides zu sehen: die Tragödie, die sich in unserer Stadt abspielte – und die Tatsache, dass dieser Krieg von uns selbst begonnen wurde.

Bild: Fritz Haecker / zur Verfügung gestellt von Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Gerade an diesem Wochenende, gerade zum 80. Jahrestag, sollten wir uns daher bewusst machen: Erinnern heißt nicht nur, die eigene Geschichte zu beklagen, sondern auch die Lehren aus ihr anzunehmen. 80 Jahre nach den Ereignissen von 1945 mahnt uns dieser Jahrestag, welchen Preis Krieg fordert – und wie wertvoll der Frieden ist, den wir heute immer noch erleben dürfen. Es gilt, ihn zu verteidigen, hochzuhalten und zu bewahren, wo immer wir es können, wo immer es in unserer Macht steht.

Im Clip enthaltene Abbildung: Carl Ohler
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7 Kommentare zu „Bruchsals dunkelste Stunde“

  1. Bei allem Schmerz…den Krieg hat Deutschland entfacht. Auch in Bruchsal haben die Nazis fett geherrscht.
    Und im Vergleich zu anderen Ländern ist in Summe Deutschland verdammt billig weg gekommen.
    Und der Mehrheit ging/geht es wieder/noch gut.

  2. Meine Mutter erzählte uns Kindern vom Luftangriff auf Bruchsal. Sie selbst erlebte ihn als junge Mitarbeiterin bei den VES (Siemens). Als der Bombenangriff losging suchte sie zusammen mit einer Kollegin die Schutzräume im Keller auf. Jeder hatte einen zugewiesenen Raum und da alles sehr schnell gehen musste, gingen sie zum nächstgelegenen. Die Kollegin wollte aber unbedingt zu dem offiziell zugewiesenen und verlies darauf hin unsere Mutter. Der schwere Angriff führte dazu, dass sie in dem Keller zusammen mit anderen verschüttet wurde. Gemeinsam schafften sie es sich zu befreien. Leider erfuhr sie später, dass es die Kollegin nicht geschafft hatte und mit anderen verstarb. Ich selbst erinnere mich immer an diese Erzählungen, wenn ich die Bilder aus heutigen Kriegsgebieten, wie Gaza oder der Ukraine sehe und die Menschen, die in den zerbombten Häusern nach ihren Angehörigen suchen.

  3. Ich arbeite im Amtsgericht im Schloss und kann es mir kaum vorstellen, wie dieses prachtvolle Gebäude einmal so zerstört war.

    Meine Mutter stammt aus Cottbus und wurde dort bei einem genauso verheerenden Luftangriff am 15.2.45, also 2 Wochen vor Bruchsal, in Keller ihres Miethauses als kleines Mädchen verschüttet, sie konnte sich mit meiner Großmutter und ihrem Bruder zum Glück über einen Kellerdurchbruch ins Nachbarhaus retten. Tage zuvor hatten sie in der Ferne den Lichtschein des brennenden Dresden gesehen. Meine Mutter ist jetzt 88 Jahre alt, aber sie kann immer noch kaum tiefliegende Flugzeuge oder Kriegsberichte aus der Ukraine oder Syrien ertragen. Sie ist erschüttert, wie sich die aktuelle politische Situation entwickelt hat und dass man sich wieder Gedanken über Krieg in Europa machen muss. Vielleicht sollten alle, die sich nach einer „Alternative“ sehnen, mehr auf die leider immer weniger werdenden Zeitzeugen hören.

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