Weder Katastrophen prophezeien, noch voreilig Entwarnung geben…

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Ein Gespräch über die aktuelle Corona-Krise mit dem Kraichtaler Infektiologen Dr. Dieter Hassler

Nach den stark steigenden Fallzahlen in Asien, scheinen nun auch in Europa die Dämme gebrochen. In Italien und nun auch in Deutschland infizieren sich immer mehr Menschen mit dem neuartigen Coronavirus Covid-19 – Stand heute morgen sind es 48 Patienten in der Bundesrepublik. Der Infektiologe Dr. med. habil. Dieter Hassler aus Kraichtal, rechnet täglich mit den ersten Fällen in unserer Region. Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation gesprochen

Hügelhelden.de: Dr. Hassler, in den letzten Tagen und Wochen sieht und liest man in den Medien sehr viele Berichte zur aktuellen Thematik des sich ausbreitenden Coronavirus. Vor ein paar Wochen war das noch auf Asien beschränkt, jetzt ploppen überall kleine und große Cluster auch in unserem Umfeld auf. Ist das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen?

Dr. Hassler: Ich muss leider sagen, dass ich davon ausgehe, dass eine Eindämmung dieser Epidemie nicht mehr möglich ist. Offensichtlich ist auch unser Gesundheitsminister Jens Spahn zu der gleichen Erkenntnis gelangt – gestern hat er ja verkündet, dass wir am Anfang einer Epidemie stehen. Vor allem die Situation im Iran und die Situation in Italien scheint mir außer Kontrolle zu sein, wir können natürlich immer noch versuchen ein sogenanntes Containment zu erreichen, was heißt also nach Möglichkeit weitere kleine Ausbrüche zu verhindern, aber das große Problem besteht darin, wenn wir den Ursprung der Epidemie nicht finden – den berühmten Patient 0 – dann fällt es schwer auch Kontaktpersonen zu identifizieren.

Info-Link: Live-Daten zur weltweiten Ausbreitung des Corona-Virus der Johns-Hoppkis-Universiät

Hügelhelden.de: Ein großes Problem scheint ja auch die ca. 14-tägige Inkubationszeit des Virus und das Fehlen jeglicher Symptome bei gleichzeitiger Ansteckungsfähigkeit in dieser Phase.

Dr. Hassler: Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass es in diesen zwei Wochen schon verbreitet werden kann. Wahrscheinlich wird eine Verbreitung nur wenige Tage vor dem Ausbruch der Symptome möglich sein. Weil ja erst eine Vermehrung des Virus stattfinden muss, damit eine Ausscheidung von Viruspartikeln überhaupt möglich ist.

Hügelhelden.de: Es wird weiterhin vehement behauptet, dass die normale Grippe schlimmer sei als das aktuelle Coronavirus…

Dr. Hassler: Das wissen wir nicht wirklich, die Informationen aus China sind sehr spärlich – auch die WHO hat zu wenige Informationen über die tatsächlichen Erkrankungszahlen. Wir wissen zumindest, dass dieses neue Coronavirus eine etwas höhere Letalität hat als ein normales Grippevirus. Dieses gilt vor allem für ältere Leute und für Leute mit Vorerkrankungen, ich glaube aber nicht, dass Kinder und Jugendliche wesentlich gefährdet sein werden, aber für die Alten kann es durchaus sehr gefährlich werden.

Hügelhelden.de: Als Infektiologe und langjähriger Hausarzt haben sie natürlich einen ganz anderen Wissensstand als die meisten Menschen. Aus ihrer Warte betrachtet, sind sie derzeit besorgt?

Dr. Hassler: Ich bin deswegen relativ wenig besorgt, weil wir ja eigentlich nichts spezifisches tun können. Im Falle der Grippe kann ich natürlich eine vorbeugende Impfung empfehlen, ich bin selbstverständlich gegen Grippe geimpft, aber gegen dieses Coronavirus haben wir eben kein wirksames Medikament und insofern werden wir in den nächsten Tagen und Wochen – möglicherweise auch Monaten – sehen, was am Ende rauskommt. Es kann auch durchaus sein, dass in einigen Wochen diese Epidemie wieder in sich zusammenbricht. Wir wissen z.b. nicht ob dieses Virus ähnlich sensibel gegen Sonnenlicht und Sauerstoff reagiert wie es beim Grippevirus in den wärmeren Monaten der Fall ist.

Info: Video der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum richtigen Vorgehen beim Händewaschen:

Hügelhelden.de: Viren können ja durchaus hin und wieder auch mutieren, könnte sich die Situation durch einen solchen Sprung verschärfen?

Dr. Hassler: Die Gefahr ist generell viel geringer als uns angemahnt dargestellt wird! Mutationen treten natürlich immer wieder auf, aber Mutationen die zu einer Erhöhung der Pathogenität führen, können wir weder vorhersagen noch ausschließen.

Hügelhelden.de: Nichtsdestotrotz sind sie als Wissenschaftler ja auch Realist. Wenn man sich jetzt ansieht, welche sprunghafte Kurve dieses Virus in seiner Entwicklung in diesen wenigen Wochen vollzogen und welche Distanzen es überwunden hat, ist es doch eigentlich nur eine Frage der Zeit bis auch bei uns im Kraichgau erste Fälle aufploppen werden?

Dr. Hassler: Selbstverständlich, ich rechne eigentlich schon täglich damit.

Hügelhelden.de: Wie geht denn eine Kraichgauer Hausarztpraxis damit um, wenn erste Menschen sich bei uns mit dem Virus infizieren?

Dr. Hassler: Nun, die erste sinnvolle Maßnahme ist natürlich diese Patienten möglichst daran zu hindern ihr Virus weiterzugeben. Wir werden es in vielen Fällen gar nicht schaffen, alle diese Patientin in irgendwelche Krankenhäuser zu verlegen, da reichen die Kapazitäten nicht aus. So hat man es damals bei der Schweinegrippe auch gesehen – am Anfang wurde jeder hochgradig isoliert mit entsprechenden Maßnahmen, dann hat man irgendwann festgestellt, bei diesen Zahlen ist es schlicht und einfach nicht möglich. So muss man eben versuchen die Patienten zu Hause zu isolieren und eine Kontaktsperre einzurichten. Wichtig ist auch die frühzeitige Diagnostik, wir haben hier eine permanente Zusammenarbeit mit dem Landesgesundheitsamt und können Abstriche dort kurzfristig untersuchen lassen. Aber, wie ich schon gesagt habe, in der Therapie gibt es keine Option, also spielt es im Grunde auch keine Rolle, ob man mit einer leichten Verlaufsform zu Hause bleibt oder jetzt ein Krankenhausbett belegt. Wir müssen auch darauf achten, dass die Krankenhäuser nicht überrannt werden und dass das Personal in den Krankenhäusern, das ja dringend zur Versorgung notwendig ist, nicht gefährdet wird. Also ist es sicherlich nicht sinnvoll, dass jeder der sich krank fühlt sofort in eine zentrale Notaufnahme rennt, dadurch verbreitet er das Virus viel schneller, als wenn er zu Hause bleibt.

Hügelhelden.de: Ganz konkret, was macht ein Mensch der die für das Coronavirus typischen Symptome bei sich feststellt?

Dr. Hassler: Wir müssen unterscheiden – Wenn es sich um potenziell lebensbedrohliche Verläufe handelt, wenn wir damit rechnen, dass eine Lungenentzündung vorliegt, dann werden wir eine Krankenhauseinweisung in Erwägung ziehen müssen. Wenn ein normalerweise gesunder Patient lediglich etwas Fieber hat und hustet, ist das weniger dramatisch.

Hügelhelden.de: Also lieber einmal zuviel beim Arzt vorstellig werden, als zu wenig?

Dr. Hassler: Wichtig ist es sich telefonisch anzukündigen und nicht einfach zu kommen, damit auch Maßnahmen ergriffen werden können, dass der nicht auf ein volles Wartezimmer trifft. Es kann auch z.B. ein Hausbesuch durchgeführt werden, das würde in solchen Fällen sinnvoll sein, um eben die Kontakte zu minimieren. Aber auch da wissen wir nicht, was auf uns zukommt, wir wissen auch nicht, ob unsere Kapazitäten überhaupt ausreichen hier die Bevölkerung umfassend zu versorgen.

Hügelhelden.de: Sehen Sie auch die Möglichkeit dass unser Gesundheitssystem mit steigenden Fallzahlen schlicht und einfach überfordert sein könnte?

Dr. Hassler: Das kann passieren, wir hoffen es nicht, aber es ist durchaus eine mögliche Verlaufsform.

Hügelhelden.de: Viele Menschen schwanken derzeit irgendwo zwischen Sorglosigkeit und Anflügen von Panik hin und her. Welche Position ist denn derzeit aus ihrer Sicht angezeigt?

Dr. Hassler: Meines Erachtens ist die richtige Position jetzt erstmal aufmerksam zu beobachten wie der weitere Verlauf ist. Man sollte weder Katastrophen prophezeien noch voreilig Entwarnung geben, wir müssen die Entwicklung einfach abwarten und unter Umständen entsprechende Reaktionsformen suchen, aber wir können absolut nicht vorhersagen wo wir in zwei oder drei Tagen stehen.

Hügelhelden.de: Was würden sie aktuell den Menschen hier in der Region empfehlen, wie sie sich momentan gerade verhalten sollten – ganz praktisch?

Dr. Hassler: Das wurde schon tausendfach wiederholt. Händewaschen ist nicht zu überbewerten. Man sollte allgemeine Hygienemaßnahmen beachten, zB. Einmaltaschentücher verwenden und keine wiederverwendbaren, wir sollten auch den Kontakt mit potentiell infektiösem Material minimieren. Wir sollten zudem beim Husten darauf achten, dass wir nicht unsere Mitmenschen direkt anhusten, aber ich sehe z.b. keinen großen Sinn darin, sich jetzt nur noch mit Atemmaske nach draußen zu begeben, zumal die allgemein verfügbaren Atemmasken weitgehend unwirksam sind. Lediglich die sogenannten FFP3 Masken bieten einen Schutz, diese haben zum Beispiel der Rettungsdienst oder auch die Feuerwehr, aber die ist sind nicht in der Fläche verfügbar

Hügelhelden.de: Ihr persönliches Gefühl, wie entwickelt sich die Sache weiter?

Dr. Hassler: Gefühle können wir uns im Moment nicht leisten, wir müssen die Fakten abwarten.

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