Ruht in Frieden, meine Piraten von Batavia

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Das ist wahre Liebe (Foto: Privat)

Danke für alles, Jungs!

Manche Leistungen der eigenen Eltern kann man erst so richtig nachvollziehen wenn man selber Kinder in die Welt gesetzt hat. Eines dieser Dinge war der alljährliche Ausflug meines Vaters mit mir und meinen vier Geschwistern in den Europapark in Rust. Was für ein Irrsinn mit fünf Kids im Gepäck in den Sommerferien in den chronisch überlaufenden Freizeitpark zu fahren, erst einmal an der Kasse eine Stunde in der Schlange zu stehen und vor den großen Attraktionen konnten es auch schon mal zwei bis drei Stunden sein.

Damals war die Eurosat Achterbahn der ganz heiße Scheiß und vor der großen silbernen Kugel standen die Menschen in einer endlosen Schlange an. Meine Lieblings-Attraktion war aber aber über all die Jahre die Piraten von Batavia. Wie es mich umgehauen hat das erste Mal zu entdecken was sich hinter der unscheinbaren Fassade so alles verbirgt.

Zuerst der Aufstieg durch die dunklen Windungen der Warte-Räume, immer mit der kleinen Hand entlang am Handlauf aus Bambus-Imitat. Plötzlich tauchten da aus dem Halbdunkel die Boote auf, man stieg ein und fuhr in die Schwärze auf der anderen Seite davon. Mein absoluter Lieblings-Moment war dann immer der kleine Wasserfall der einen in die erste große Halle katapultiert. Dann gab es so viele Sinneseindrücke, dass egal wie oft man sich den Hals in alle Richtungen verrenkte, man niemals wirklich alles erfassen konnte. Das große Piratenschiff, die Piraten die sich an Seilen hoch zogen, oder jener der Wein oder Rum aus seinem Krug direkt über unserem Boot ausgoss. Es war einfach der Wahnsinn! Ich denke ich war nicht das einzige Kind, dass einiges dafür gegeben hätte aus diesem Boot auszusteigen und diese geheimnisvolle Welt zu Fuß zu erkunden.

Ich glaube mein Schwein pfeift (Foto: Privat)

Vermutlich hätte man sich dabei spätestens beim Kontakt mit dem brachigen Wasser, eine jener Krankheiten zugezogen mit denen sich schon die Piraten im damaligen Batavia herumschlagen mussten. Der Geruch in der riesengroßen Attraktion hatte immer etwas leicht muffiges an sich – undefinierbare Duftnoten die mit den schweren Schlieren der Nebelmaschine über die Szenerie hinweg zogen. Aber das hat niemanden von uns ernsthaft jemals gestört, viel zu sehr waren wir damit beschäftigt im Kunststoffboot auf unseren Plätzen hin und her zu rutschen um auch wirklich alles mitzubekommen: Den Piraten mit goldenem Ohrring der auf einem Schwein ritt, den Gefangenen der das Äffchen mit dem Schlüssel für seine Zelle anlocken wollte und selbstverständlich – für uns Jungs später das echte Highlight – jener Pirat der sich an der prallen Oberweite einer Magd zu schaffen machte.

Als das Boot dann schließlich in die letzte Halle mit der der Dschungel-Szene eintauchte, machte sich stets Traurigkeit breit, denn gleich würde die Fahrt abrupt mit dem Aufprall auf dem Rammbock am Ende des Kanals enden. Während man in den Neunzigern danach erneut zwei Stunden anstehen musste um den Spaß zu wiederholen, konnte man in den letzten Jahren einfach wieder zum Start durchgehen und direkt einsteigen. Wegen der vielen großen Neuigkeiten im Park, fristeten die Piraten von Batavia in den 2000ern ein eher einsames Dasein hinter ihrer künstlichen Holland-Hausfassade.

Ich kann gar nicht fassen dass sie jetzt nicht mehr da sind, dass alles durch den Großbrand am Wochenende zum Opfer gefallen ist. Nie mehr wird der Betrunkene seinen Weinkrug verschütten, nie mehr werden die ausgeleierten Kanonenschüsse vom Endlosband aus dem Piratenschiff erschallen und auch die Mops-Fummelei im karibischen Dorf hat nun ein Ende.

Ihr werdet mir fehlen meine Piraten aus Batavia ich werde euch nie vergessen Jungs!

Ruhet in Frieden.

Euer Fan Stephan

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