Online-Weinprobe und Care-Pakete

|

Wie Kraichtaler Winzer der Krise trotzen

In Sachen Hamster-Kultur könnten wir Deutschen uns durchaus eine dicke Scheibe von unseren französischen Nachbarn abschneiden. Während wir zu Beginn der Corona-Krise rollenweise Klopapier horteten, haben die Franzosen bei ihren Einkäufen vornehmlich auf Wein gesetzt. Eine recht sinnvolle Investition eingedenk der Tatsache, dass man einen Hintern auch ohne Papier mit Wasser säubern – abgesehen von Jesus Christus, aber niemand Wein aus Wasser herbeizaubern kann.

Die Krise und der Lockdown trafen daher auch die heimischen Winzer mit aller Wucht, wer bis dato wie David Klenert aus Münzesheim hauptsächlich die Gastronomie und Fachgeschäfte belieferte, kam daher ab März ordentlich ins Taumeln. Doch David, der bereits mit 15 Jahren auf dem Wengert seines Opas in Kürnbach mit angepackt hat, ist als echter Kraichgauer Jong schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Gemeinsam mit seinem Kumpel und Kollege Ruben überlegte er, wie man sich auch in der Krise und über die Distanz hinweg, neue Kundschaft und ein Publikum erschließen könnte. So wanderten die beiden mit ihrem Geschäft dorthin, wo auch so viele andere während der Krise Zuflucht und Unterschlupf fanden: In die unendlichen WW-Weiten des Internets. Vor einigen Wochen organisierten David und Ruben die erste Online-Weinprobe aus ihrem Kraichtaler Weingut und trafen damit voll ins Schwarze. Das Konzept, das die Lieferung von sechs Weinflaschen vorab per Post und die Verkostungen per Livestream via YouTube vorsieht, schlug bei der Kundschaft ein wie eine Bombe. Rund 250 Teilnehmer waren zuletzt online dabei, als David vor der Kamera seine Weinspezialitäten vorstellte und mit Ruben als Schaltzentrale zu den sozialen Netzwerken alle eingehenden Fragen beantwortete. Das Modell ist derart erfolgreich, dass David die Corona-bedingten Ausfälle damit voll ausgleichen konnte – Ein fettes “Fortsetzung folgt” verspricht sich daher von alleine.

David Klenert

Auch ein Dorf weiter, im beschaulichen Neuenbürg, wurde während der Krise improvisiert und Neuland erschlossen. Dominik und Nadine Zorn vom Weingut Niwenburg sind bisher nicht nur ohne blaue Flecken durch Lockdown und die Corona-Nachwehen geschwommen, sondern haben das eigene Geschäft sogar weiter nach vorne bringen können. Da sie bislang auch hauptsächlich auf Direktvermarktung gesetzt haben, konnte sie die Flaute in der Gastronomie nicht mit nach unten ziehen. Die Türklingel in ihrem kleinen Laden hat – ganz im Gegenteil – zu ihrer unendlichen Erleichterung auch im Frühjahr und Sommer 2020 fröhlich weiter geklingelt. Für einen guten Tropfen Wein sind die Kraichtaler offenbar immer zu haben und so steht das kleine Weingut im September des seltsamsten Jahres seit seiner Gründung, gut und rentabel aufgestellt da. Dass in den kommenden Tagen aber nun ein neuer Jahrgang geerntet werden kann, ist nur Dominiks und Nadines Fähigkeit zur Improvisation und vielen freundlichen Seelen zu verdanken. Als sich im Frühjahr die deutschen Grenzen schlossen, standen die beiden vor der großen und brennenden Frage, woher die so wichtigen Saisonarbeiter für die ersten Arbeiten auf dem Wengert nun kommen sollen. Durch emsiges Netzwerken gelang es den beiden Jungwinzern aber eine bunte Truppe auf die Beine zu stellen: Ein Rentner mit iranischen Wurzeln, eine hawaiianische Hausfrau und ein Flüchtling aus dem Jemen, griffen den Beiden unter die Arme und sicherten so den Jahrgang 2020 aus und von der Niwenburg. Ach ja, wie auch Kollege und Nachbar David aus Münzesheim, haben auch Nadine und Dominik das Internet für die Vermarktung ihrer Produkte genutzt. Gemeinsam mit einer Bruchsaler Buchhandlung, haben Sie Online-Lesungen mit vorher versandten Care-Paketen kombiniert. Diese bestanden aus allerlei Süßem und – sie ahnen es – bestem Wein aus Neuenbürg.

Erfolgsgeschichten, wie jene von David, Dominik und Nadine, zeigen auf eindrucksvolle Weise: Mit Geduld, Spucke, Flexibilität und Kreativität, lässt sich nicht jede, aber so manche Krise meistern. Auch wenn die Zukunft noch viele Fragezeichen bereithält, alle drei blicken optimistisch in die Zukunft. Für alle eventuellen Detailfragen gilt das Kraichgauer Credo: Mol gugge, werd scho!

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

Tintenfisch aus Langenbrücken

Bruchsals kulturelles Herz schlägt wieder

Nächster Beitrag

Ein Gedanke zu „Online-Weinprobe und Care-Pakete“

  1. Echt cleveres marketing. Ich freu mich mit euch. Brauch auch bald wieder Nachschub! Melde mit demnächst…

Kommentare sind geschlossen.