Konverter, Windräder, Geothermie – Die schwere Geburt der Energiewende im Kraichgau

|

Überall in der Region regt sich Widerstand gegen die Ausläufer der Energiewende

Eine Meinung von Philipp Martin

Unser Kraichgau. Gemütlich, sympatisch und idyllisch – nicht ganz so hip wie das große Karlsruhe oder das coole Mannheim, aber dafür viel liebenswerter. Hier laufen die Uhren noch etwas langsamer. Doch auch unser kleines Hügelland ist ein Teil der großen, weiten Welt – auch wenn uns das oft nicht behagt. Diese große, weite Welt strömt mit immer größerer Kraft zu uns herein und lässt sich kaum noch ausblenden. Im einen Moment sehen wir abends auf der Couch die blutigen Konflikte in Syrien oder dem Iran in der Tagesschau und am nächsten Tag treffen die flüchtenden Menschen in unserer Mitte ein um hier Unterschlupf zu suchen. Manch einem behagt das nicht und schnell hat man ein paar heiß gestrickte Argumente zur Hand mit denen man versucht dem Neuen Einhalt zu gebieten. Oft findet sich die Ursache hierfür noch nicht einmal in wirklichem Fremdenhass sondern eher in der Furcht vor der Veränderung. Wenn wir ehrlich sind ist es eine Furcht die wir alle kennen, doch der die Besonnenen zu folgen nicht bereit sind. Schließlich sagte schon Goethe als er einst durch den Kraichgau reiste: “  Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein“.

Die große Welt im kleinen Kraichgau

Doch hier und heute soll es nicht um Kriege und Flüchtlinge gehen, sondern um eine andere Art von Wandel die nun den Kraichgau erreicht. Und wieder war es die abendliche Tagesschau die die ersten Schatten voraus warf. Wir erinnern uns: Es war etwa Mitte März 2011 als nach einem schweren Erdbeben gleich drei Reaktorblöcke im  im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi explodierten und uns 10.000 Kilometer weiter das Blut in den Adern gefrieren ließen. Klar, seit 1986 und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war eine Menge Zeit vergangen und wie heißt es doch so schön: Aus den Augen, aus dem Sinn.  Doch mit einem Mal war uns wieder klar dass unter den grauen Kuppeln in Philippsburg keine Hühnersuppe gekocht wurde, sondern eine Reaktion stattfand die außer Kontrolle unseren geliebten Kraichgau für Generationen unbewohnbar machen konnte. Ähnliche Gedanken gab es überall im Land und unsere Regierung reagierte auf den damaligen Zeitgeist. Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag das „13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“ – kurz gesagt: Goodby Atomkraft – Hallo erneuerbare Energien. Viele von uns waren begeistert und Feuer und Flamme für das was kommen möge. Indes war das Aufheulen der Energieversorger groß: Atomenergie wäre alternativlos, die Kosten würden ohne sie explodieren. Doch dürfen wir dabei eines nicht vergessen: Die „günstige“ Atomenergie ist deshalb so günstig, weil wir die Kosten dafür unseren Kindern, deren Kindern und deren Kindern aufbürden. Hätten die Energieversorger die Entsorgung von Atommüll und den Rückbau der Kraftwerke von vornherein in ihren Kalkulationen berücksichtigt, wären sie unweigerlich zu dem Schluss gekommen: Atomenergie lohnt sich nicht. Doch alles Wehklagen half nichts – die Tage der Atommeiler auf deutschem Boden waren gezählt, vor zwei Wochen ging mit Block 2 in Philippsburg schließlich eines der letzten AKW im Lande vom Netz. Nun steht die Frage im Vordergrund: Was nun?

Im Grunde fällt die Antwort darauf, zumindest in der Theorie leicht: Neue nachhaltige Technologien entwickeln und bis dahin Bestehende zum Einsatz bringen. Das wären Windkraftanlagen und Solarparks die in großer Zahl gebaut werden müssten um den gewaltigen Energiehunger dieser Nation zu stillen. Genau an dieser Stelle sind wir nun wieder im Kraichgau angelangt. Auf vielen unserer Hügel sollen solche Windkraftanlagen entstehen,  und die großen Stromleitungen die den Strom von den Offshore-Windparks an der Nordsee zu uns transportieren, sollen in einem XXL-Konverter bei uns münden. Genau hier erfährt die Begeisterung für die Energiewende bei manchem Kraichgauer einen kolossalen Dämpfer. Lapidar ausgedrückt könnte man sagen: Energiewende ja – aber bitte nicht vor meiner Haustür. So einfach ist es natürlich nicht!  Gerade die Region Philippsburg, Waghäusel und Oberhausen-Rheinhausen hat durch das Atomkraftwerk und seine atomaren Zwischenlager schon einiges an Lebensqualität einbüßen müssen. Dass hier niemand froh über einen XXL-Konverter ist, verwundert daher kaum. Wie emotional dieser Konflikt mittlerweile geführt wird, hat sich bei so mancher Bürgerinformationsveranstaltung in den letzten Jahren gezeigt: Die Mitarbeiter der Projektbetreiber wurden von aufgebrachten Bürgern auf Schärfste angegriffen – egal ob es dabei um einen Konverter, einen Windpark oder ein Geothermie-Projekt ging. Ich will hierbei ganz bewusst nicht davon sprechen, wer dabei im Recht oder im Unrecht war – so sich so etwas überhaupt mit abschließender Sicherheit sagen lässt – die Stimmung aber war aufs Äußerste angespannt.

Zoff um Windkrafträder 

Widerstand regt sich überall dort wo neue Anlagen entstehen sollen. Im Wald an der A5 zwischen Bad Schönborn, Kronau und Waghäusel ist die Errichtung eines Windparks mit 10 großen Windkrafträdern geplant. Auch hier formierte sich gegen die umstrittenen Pläne und ihre Grundlagen Widerstand von der ersten Stunde an. Die Argumente gegen Windräder sind überall in Deutschland ähnlich: Sie verschandeln das Landschaftsbild, erschlagen vorbeifliegende Vögel, bedrohen Nistplätze und machen Lärm. Auch hier könnte man leider zusammenfassend sagen: Saubere Windkraft ja bitte, aber nicht hier bei uns. Nachvollziehbar sind die Argumente durchaus. Klar sieht der Wald bei St.Leon ohne Windräder schöner aus, das ist unbestritten und natürlich hätten die Windräder Auswirkungen auf manche Tierarten im Wald und vielleicht würde man sie auch hier und da hören können… Aber wenn wir weiterhin ausschließlich so argumentieren, werden wir NIRGENDWO in Deutschland geeignete Aufstellungsorte finden. Es wird immer eine Vogelart geben, immer ein gestörtes Landschaftsbild.

Ohne Kompromisse geht es nicht.

Die grundsätzliche Frage dahinter, ist die der Alternativen: Entweder bleiben wir bei der Atomenergie und häufen für unsere Nachfahren einen gigantischen Haufen an Abfall an den sie niemals bewältigen können, oder wir ziehen die Energiewende entschlossen durch. Mit all ihren Kompromissen, Einschränkungen und unfairen Verteilungen zu Beginn. Wer vernünftig argumentiert, dürfte eigentlich keine langfristig stichhaltigen Argumente für die Kohle oder Atomenergie finden. Bitte verstehen Sie mich  nicht falsch: Viele der Argumente gegen einen Konverter oder Windräder sind absolut stichhaltig und vernünftig, doch was am Ende bleibt ist die Frage nach den Alternativen oder dem berühmten kleineren Übel. Umsonst ist im Leben bekanntlich nichts: Atomenergie kostet Sicherheit und verursacht gefährliche Abfälle, die Energiewende wiederum kostet Einschränkungen in unserem Lebensumfeld und ja – viel Geld. Schreiben sie sich die Vor und Nachteile beider Optionen auf ein Blatt Papier und betrachten Sie es… Ihr Selbsterhaltungstrieb wird vielleicht sofort reagieren.

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

Wir müssen reden, Kraichgau-Winter

Baby-Boom in Bruchsal

Nächster Beitrag

3 Gedanken zu „Konverter, Windräder, Geothermie – Die schwere Geburt der Energiewende im Kraichgau“

  1. Ist das nur schlampig recherchiert, oder ist der Autor einfach pro Windkraft eingestellt. Als Gegenargumente werden nur Aussicht, Lärm oder Vögel genannt. Allerdings geht es an diesem Standort um weit mehr: z.B. Rentabilität in einem Schwachwindgebiet (Referenzwerte bestehender Anlagen zeigen, daß im Windatlas geschönigte Werte nicht erreicht werden), direkt im Wasserschutzgebiet eines Wassergewinnungszewckverbandes (versorgt ca. 30.000 Menschen mit Trinkwasser (!!) und nur 500m weg von einem Brunnen, im Waldgebiet (ca. 10 Ha. Wald müssen dafür weg und es ist noch nicht klar wie und wo wieder Ersatz dafür entstehen kann). Da klingt der genutzte Satz „nur nicht vor meiner Tür“, wie ein billiges Gegenargument eines Lobbyisten !

    • „Noch nicht klar wo der Ersatz für den Wald hinkommt“.

      Achtung: der Ersatz für die im reinen Nutzwald „Lußhardt“ abgeholzten Bäume wird sicher auf den Wiesen um diesen Wald herum schaffbar sein. Falls die Gemeinden daraus nicht doch lieber Zentrallager für REWE/Penny machen.

      Aber das ist ja kein Problem. Gerade aus der Gemeinde „Kronau“, die ein Riesenmegagewerbeobjekt direkt neben den Wald in die freie Natur setzt kommt das Geschrei wegen der Windräder besonders stark.

  2. Auch die Windenergie ist keine saubere Energie. Bisher ungeklärt ist immer noch die Entsorgung der Rotorblätter nach 20 Jahren. Bisher gibt es nur eine Firma in Deutschland, die diese recyceln kann. Diese eine Firma wird aber nicht alle der dann anfallenden Rotoren recyceln können. Momentan verstehen die Betreiber der Windparks unter „Recycling“ Pyrolyse, dass heißt deren Verbrennung. Eine sehr CO2 sparende Methode… Auch können die meisten der aktuellen Rotoren nicht verbrannt werden, weil deren Rückstände die Filtersysteme der Verbrennungsanlagen verstopfen. Es ist anzunehmen, dass diese dann, wie der deutsche Elektroschrott, kostengünstig in Afrika entsorgt wird. Aber Hauptsache wir können sagen, In Deutschland wird saubere Energie erzeugt. Den Schrott, der dadurch entsteht, liefern wir dann woanders hin. Geschichte wiederholt sich. Es ist das gleiche Vorgehen wie bei den Atomkraftwerken.Vorher wird nicht bedacht, wo der Müll dann hin soll.

Kommentare sind geschlossen.