Gemeinschaftsschule Münzesheim – Interview mit Bürgermeister Ulrich Hintermayer und Rektor Claus Bopp

Die Markgrafenschule Münzesheim wird zur Gemeinschaftsschule. Dadurch entstehen bei Schülern und Eltern viele Fragen. Im folgenden Interview sollten die wichtigsten beantwortet werden. Durch das Gespräch führt Nadja Schüßler vom Stadtmarketing Kraichtal

Frau  Schüßler : Herr Hintermayer, Sie haben sich gemeinsam mit dem Arbeitskreis Schule und dem Gemeinderat für die Einführung der Gemeinschaftsschule schon vor über zwei Jahren auf den Weg gemacht. Was war Ihre Motivation?

Ulrich Hintermayer: Im Vorfeld aller politischen Entscheidungen zur Gemeinschaftsschule betrachtete und beurteilte ich ernsthaft die Entwicklung der Schülerzahlen in Kraichtal im Bereich der Sekundarstufe. Zusätzlich beurteilte ich die eindeutigen Entwicklungen der Geburten und Schülerzahlen für die nächsten Jahre. Aufgrund der demografischen Ergebnisse war „Handeln“ angesagt.

Frau Schüßler: Herr Bopp, Sie haben in früheren öffentlichen Informationsveranstaltungen u. a. die Trägheit in unserem Schulsystem beklagt. Ist das der Grund, warum Sie aktiv an der Schulentwicklung in Kraichtal mitarbeiten?

Claus Bopp: Ich habe mich schon seit Jahren mit der Schulentwicklung beschäftigt und bald bemerkt, dass viele Diskussionen parteipolitisch oder ideologisch geprägt sind, ohne Ergebnisse der empirischen Bildungsforschung ausreichend zu würdigen. Die Qualität von Schule ist vom konkreten Unterricht in der Klasse geprägt. Die Art und Weise des Unterrichtens muss in die entsprechenden Strukturen passen. Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich aber verändert. Wenn die Gemeinschaftsschulen diesem Prozess Rechnung tragen, dann muss sich der Unterricht verändern, das heißt, die Lernprozesse im Unterricht müssen modifiziert werden. Im Falle der Gemeinschaftsschulen müssen Lehrkräfte beispielsweise mit der großen Heterogenität in Klassen umgehen und Heterogenität sogar als Chance nutzen können.

Frau Schüßler: Die Werkrealschule war bei der Kraichtaler Bevölkerung als Schulart akzeptiert. Was hat Sie bewegt, eine neue Schulform anzustreben?

Ulrich Hintermayer: Die Statistik der Übergangszahlen sprachen eine eindeutige Sprache. Mit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung war die intakte Werkrealschule einfach nicht mehr so gefragt. Die Übergangsquote reduzierte sich von 38 % im Schuljahr 2011/2012 auf 26 % im Schuljahr 2012/2013 und im laufenden Schuljahr auf nur noch 18 %. Die Eltern unserer Stadt forderten einen adäquaten Mittleren Bildungsabschluss in Kraichtal. Dies konnte nur über die Gemeinschaftsschule entwickelt werden.

Frau Schüßler: Herr Bopp, Sie sind als erfahrener Lehrer und Schulleiter in Kraichtal bekannt. Sehen Sie in Ihrer Aufgabe die Möglichkeit, der idealen Schule ein Stück näher zu kommen?

Claus Bopp: Ich möchte einen Beitrag leisten, diesem Ziel zumindest ein kleines Stück näher zu kommen. Eine ideale Schule wäre eine Schule, in der alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Fähigkeiten und Interessen optimal individuell gefördert werden. Mit den verschiedenen Lernformen in der Gemeinschaftsschule und dem engen
Schüler-Lehrer-Eltern-Verhältnis, dem individualisierten Lernen im Wechsel zum kooperativen Lernen sowie den regelmäßigen, niveaugerechten Inputs, sind wir der idealen Schule ein Stück näher gekommen.

Frau Schüßler: Sie betonen immer wieder, wie wichtig es ist, dass Schüler individuell gefördert werden. Kann die Gemeinschaftsschule diesen Wunsch erfüllen?

Claus Bopp: Individualisierung ist nicht allein das intensive, sehr spezielle Schüler-Lehrer Verhältnis. Es geht vielmehr darum, Lernumgebungen an unserer Schule in der Vielfalt zu schaffen und anzubieten. Ein Beispiel hierzu ist Aufbereitung der Lernmaterialien unterschiedlicher Schwierigkeit, die von Schülerinnen und Schüler in ihrem spezifischen Tempo bearbeitet werden. Die Lehrkräfte unterstützen und begleiten diesen Prozess.

Frau Schüßler: Herr Hintermayer, wie können Sie dem Anspruch an Heterogenität gerecht werden, geeignete Lernumgebungen bereit zu stellen?

Ulrich Hintermayer: Wir werden im Sommer 2014 für die Gemeinschaftsschule die Räumlichkeiten von Klassenraum und Lernatelier bereitstellen. Die sogenannte „Hardware“ ist bereits in Planung und wird eng mit den Teams der Markgrafen-Schule abgesprochen, um einen hohen Konsens zu erreichen. Auch das pädagogische Ganztageskonzept der Gemeinschaftsschule ist berücksichtigt.

Frau Schüßler: Glauben Sie, Herr Bopp, dass ihre Lehrkräfte speziell geschult und vorbereitet in das neue Schuljahr starten?

Claus Bopp: Wenn ich meine Lehrkräfte überfordere, indem ich sie nicht ausreichend auf das Unterrichten in den Gemeinschaftsschulen vorbereite, dann schadet das sicher auch den Schülerinnen und Schülern. Wir haben uns behutsam vor Jahren auf den Weg gemacht, uns fortgebildet, Unterrichtskonzepte entwickelt und diese evaluiert. Wir sind gerüstet! Eine zusätzliche Herausforderung sind die räumlichen Ressourcen. Gemeinschaftsschulen benötigen mehr Raumkapazitäten als andere Schulen, zum Beispiel um Gruppen- und Projektarbeit sinnvoll durchführen zu können. Dies sollte gewährleistet sein, bevor wir im September starten.

Frau Schüßler: Glauben Sie, Herr Hintermayer, dass die erforderlichen Baumaßnahmen bis zum Start im September fertiggestellt werden können?

Ulrich Hintermayer: Die Planungen für den ersten Teil der Umbaumaßnahmen innerhalb des Schulgebäudes sind nahezu abgeschlossen. Es wird ein Lernraum entstehen mit zwei zusätzlichen Klassenräumen. Desweiteren gibt es eine Essensausgabe für die Cateringfirma sowie ein Mensabereich, der von allen Schülern genutzt werden kann.

Frau Schüßler: Herr Bopp, gestatten Sie mir eine ganz persönliche Frage. Sind
Sie gerne zur Schule gegangen?

Claus Bopp: Meistens schon – das Lernen und Durchdenken von Dingen hat mir immer schon Spaß gemacht. Schule ist zudem auch ein sozialer Raum, in welchem ich mich sehr wohl gefühlt habe. Aber ich habe mich auch oft in der Schule gelangweilt, andererseits fühlte ich mich auch wieder überfordert. Außerhalb der Schule wurde ich individuell gefördert. Meine Eltern schenkten mir eine instrumentale Grundausbildung, auf der ich aufbauen konnte. Vielleicht begeistere ich mich gerade deswegen so für die neue Lernart der Gemeinschaftsschule, einer Schule für alle!

Frau Schüßler: Herr Hintermayer, was waren Ihre Lieblingsfächer?

Ulrich Hintermayer: Deutsch, Gemeinschaftskunde, Politik.

Frau Schüßler: Herr Bopp, wie sieht Ihre Traumschule aus?

Claus Bopp: Eine Schule, in der nicht das Lehren, sondern das Lernen im Focus der Entwicklung steht. Eine Schule, in der die Entwicklung des Heranwachsenden multifunktional und vernetzt begleitet wird und in der sich der Jugendliche sozial eingebettet entfalten kann. Ich sehe es aber auch so: Wenn wir keine Träume haben, so können diese auch niemals Wirklichkeit werden.

Frau Schüßler: Herr Hintermayer: Ist diese Traumschule politisch zu verwirklichen?

Ulrich Hintermayer: Die notwendigen Beschlüsse der Gremien wurden eingeholt, dem Antrag auf Einrichtung einer Gemeinschaftsschule Kraichtal wurde stattgegeben, die notwendigen Gelder werden bereitgestellt. Für den anstehenden Erweiterungstrakt wird ein Architektenwettbewerb ausgerichtet. Ich gehe davon aus, dass sich die Gemeinschaftsschule in Kraichtal so etabliert, dass jeder Jugendliche das Angebot wahrnehmen kann, einen Mittleren Bildungsabschluss im wohnortnahen Bereich mit einer überschaubaren Schulgröße in Kraichtal anstreben kann. Somit bleibt Kraichtal mittel- bis langfristig eine Stadt, in der es sich lohnt zu leben und zu wohnen, mitten in einer Landschaft zum Durchatmen.

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Bürgermeister Ulrich Hintermayer und Rektor Claus Bopp am „Tag der gläsernen Schule“ an der Markgrafen-Schule Münzesheim.

 

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