Früher war aaaaaaaalles besser

|

Aloha ihr Youngsters, Tommy neiget sein Haupt vor euch

quae est super… Laut dem Google-Übersetzer bedeutet das “es ist alles vorbei” auf lateinisch. Ob das wirklich stimmt, kann ich nicht genau sagen, von meinen “fundierten” Latein-Kenntnissen ist gerade mal so viel übrig geblieben, dass es noch für die zwei-drei Standardsprüche aus den Asterix Comics reicht. Sei’s drum – mit Latein gehen auf jeden Fall heute die Abiprüfungen in Baden-Württemberg zu Ende und die Feierlichkeiten beginnen. Im Brettener Stadtpark wurde offenbar gestern bereits die große Freiheit von einigen Abiturienten begossen, darauf lässt ein viel beachteter Post in der Facebook-Gruppe Brettener Forum schließen. Die Quintessenz dieses Posts – in Facebook geradezu eine Anomalie: Die jungen Menschen haben gesittet gefeiert und danach den Platz in einwandfreiem Zustand hinterlassen. Es ist schön so etwas zu lesen, insbesondere dort wo normalerweise frustrierte und angepisste Dauerbruddler tausende andere Leser mit ihren persönlichen Echauffiertheiten belästigen. Wie gut doch ein bisschen Wertschätzung in Zeiten des allgegenwärtigen Mimimi tun kann.

Ich möchte diese heutige Kolumne ebenfalls nutzen, um eine fette Lanze mit der jungen Generation von heute zu brechen. Das Fazit vorab: Leute, ihr macht das gut, seid in die richtige Richtung unterwegs und habt die Pumpe am rechten Fleck. Lasst mich auch stellvertretend für den Club der alten Säcke, ein kollektives “Sorry” für das dämlich hirnlose Dauer-Bashing zu euren Lasten aussprechen. Ihr müsst uns ziellos in der Mitte unseres Lebens umherschippernden Oldies verstehen – Wir sind eben nicht mehr jung, aber auch noch nicht wirklich alt und stellen uns tagein und tagaus die Frage, ob es denn zwischen Murmeltier-mäßigen, täglichen Neuauflagen von Familien- und Berufsleben, das alles schon gewesen sein soll… Weil der Mensch sich eben besser fühlt, wenn er andere tiefer legen kann, suchen wir unseren Trost gelegentlich darin, dass früher alles, aber auch wirklich alles besser war.

Sehen wir uns das doch einmal genauer an. War früher wirklich alles besser? Einen Scheiß war es! Um beim Brettener Fallbeispiel zu bleiben… Als ich Ende des vergangenen Jahrhunderts mein mittelmäßiges Abitur ablegte, habe ich den Folgetag nicht mit Aufräumarbeiten unseres Saufgelages verbracht, sondern damit einen Arzt zu finden, der jener an meiner Seite erwachten, mir weitestgehend unbekannten Brünetten ein Rezept für die Pille danach ausstellen konnte. Offenbar hatte ich am Tag zuvor nicht nur meine Reifeprüfung sondern auch meinen Pariser abgelegt – die Folge einer Menge zu mir genommener, alkoholischer Getränke, die manch einer als übertrieben bezeichnen würde. Übrigens bei weitem nicht die erste Eintragung auf meinem ellenlangen Kerbholz – Da wären noch ein Diebstahl im Tante-Emma-Laden, Fahren ohne Fahrerlaubnis, unbefugtes Betreten und die eine oder andere Schlägerei… unseren Soll an Jugendsünden haben meine Freunde und ich damals jedenfalls reichlich übererfüllt. Ein Unterschied zur heutigen Zeit war aber, dass nicht um alles so einen Wind gemacht wurde und nichts davon im Internet oder in den sozialen Netzwerken landete, vermutlich mangels Internet und sozialer Netzwerke.

Meine Generation war zudem politisch weitestgehend inaktiv und für kaum etwas zu mobilisieren. Irgendwie waren wir zu satt und zu bequem, kaum am Weltgeschehen interessiert. Zumindest aus meiner Sicht gab es kaum etwas wofür es sich wirklich einzusetzen lohnte oder auf die Barrikaden zu gehen. Die größten, dafür noch am ehesten geeigneten Themen meiner Jugend waren das Waldsterben, das Ozonloch und die Tschernobyl-Krise samt anschließender Anti-Atom-Bewegung. Wir haben das aus den Augenwinkeln natürlich wahrgenommen, andererseits aber natürlich keinen Finger dafür krumm gemacht. Heute stehen die jungen Leute gemeinsam zu zehntausenden in den Innenstädten um gegen die rücksichtslose Ausbeutung des Planeten und die Umweltverschmutzung zu demonstrieren. Sie organisieren gigantische Protestwelle gegen die Internetzensur, gehen gegen rechte Gewalt und Fremdenhass auf der Straße. Ich finde das beeindruckend und es erfüllt mich mit Scham und Demut, weil ich meine jungen Jahre mit nichts vergleichbar Gemeinnützigem bereichert habe.

Noch mehr als meine eigene Bräsigkeit, beschämen mich aber die Reaktionen vieler Kleingeister und Dauer-Frustrierten landauf landab. Was zum Beispiel über den Friday for future Kids an Häme, Hass und Missgunst ausgegossen wird, spottet jeder Beschreibung. Anstatt stolz auf diese jungen Menschen zu sein, unterstellt man ihnen nur Naivität und Doppelmoral – ein verachtenswerter Versuch die eigenen Versäumnisse zu kaschieren. Liebe Lebenshalbzeitler und Altersgenossen, was haben wir denn schon jemals dazu beigetragen um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen? (Nur die Fresse groß aufreißen, zählt übrigens nicht.) Da ich nicht für euch sprechen kann, beantworte ich diese Frage nur für mich: Gar nichts. Ich habe weder für den Frieden demonstriert, noch mich für den Umweltschutz eingesetzt oder für Schwächere stark gemacht. Ich habe stets kurzsichtig gehandelt, brav konsumiert und mich im wesentlichen um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert. Die große weite Welt existierte für mich nur als surreales, 15 minütiges Zeitfenster während der abendlichen Tagesschau, mehr habe ich vom Geschehen außerhalb des Hügellandes nicht mitbekommen. Meine kleine Welt war eine Blase, in der ich unbesorgt und unbehelligt bis ins Erwachsenenalter geschwommen bin.

Diesen Luxus haben die jungen Menschen von heute schon lange nicht mehr. Ihre Welt ist die ganze Welt, global, ohne Grenzen und ohne jegliche Reizkontrolle. Eine gigantische Flut an informativem Spam strömt zu jedem Zeitpunkt aus allen Rohren an sie heran. Alles und jedes will sie formen, verformen und beeinflussen. Die Zahl der Stimmen die auf sie einreden und beharrend drängen, sind schon längst zu einer schrillen Kakophonie angeschwollen. Während wir damals unsere spärlichen Informationen aus einseitig verlaufenden Kanälen dreier Fernsehprogramme bezogen, die noch nicht einmal rund um die Uhr sendeten, müssen sich die jungen Menschen heute mit einem Overkill aus Möglichkeiten, Meinungen und Reizüberflutungen auseinandersetzen. Alleine auf YouTube werden in jeder gottverdammten, einzelnen Minute über 400 Stunden Videomaterial hochgeladen – jeder will Aufmerksamkeit, gesehen werden und beginnt im Kampf gegen das Versinken in dieser Wüste umso lauter zu schreien. Freunde, ich will ehrlich sein, wäre ich 25 Jahre später geboren worden, käme ich mit dieser Scheiße nicht halb so gut zurecht, wie es die Kids von heute zuwege bringen.

Wäre es nicht sehr viel besser diesen jungen Menschen die sich mit diesen unübersichtlichen und mitunter aus dem Ruder laufenden Umständen nicht mehr abfinden wollen, unsere Unterstützung zukommen zu lassen, anstatt sie herabzusetzen und zu diffamieren? Der alte Tommy für seinen Teil, zieht vor euch Youngstern den Hut. Lasst euch von den ewig Gestrigen nicht mit hinunter in ihren Sumpf ziehen und macht euer Ding so gut ihr könnt. Ach ja, vergesst dabei nicht das Jung sein. Trinkt ruhig ab und zu einen über den Durst, vögelt froh und frei, frisiert eure Mopeds und E-Bikes und – ganz wichtig – die Pille danach gibt es mittlerweile rezeptfrei in der Apotheke. Wieder etwas, das früher keineswegs besser war.

Würde das gerne mit Euch über Insta teilen, weiß aber nicht wie das geht… so long Euer Tommy

Stimmt etwas nicht? Haben wir einen Fehler gemacht oder etwas vergessen? Sagen sie's uns! Hier finden Sie alle Kontaktmöglichkeiten mit unserer Redaktion.Ihr Feedback zählt!

Vorheriger Beitrag

Freie Demokraten wollen die epidemische Notlage in Deutschland auf den Prüfstand stellen!

Sinsheim: Die Polizei bittet um Mithilfe bei der Suche nach der 28-jährigen Mirisa

Nächster Beitrag