Freitag for Future, Samstag for Hass und Häme

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Was über den Friday for future – Kids an Häme, Hass und Missgunst ausgegossen wird, spottet jeder Beschreibung

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Corona, Corona, Corona, Corona, Corona… die Themenvielfalt in den Nachrichten – da dürfte wohl niemand widersprechen, fällt in diesem Jahr ein klein wenig einseitig aus. Aber, big surprise, die Welt um uns herum dreht sich weiter und auch der Klimawandel schreitet, unbeeindruckt von Captain Covid, munter voran. Die Friday for future – Kids haben das ganz offenkundig nicht vergessen und gingen am Freitag zu Zehntausenden auf die Straße – unbeeindruckt von Dauerregen und herbstlicher Kälte. Nicht nur in Berlin oder in Stuttgart waren sie unterwegs, auch in unseren bescheidenen, kleinen Kraichgau-Hochburgen hielten sie tapfer und trotzig ihre Banner in die Höhe.

In den Kommentarspalten unter den entsprechenden Medienberichten am Samstag dankten es Ihnen die Älteren nach Kräften und gossen fast ausschließlich Hass und Missgunst über ihnen aus. “Schulschwänzer” und “Heuchler” waren hierbei noch die harmloseren Statements, von jenen Frust-zerfressenen Hobby-Trollen, die lieber Teil des Problems als Teil der Lösung sein wollen.

Ich möchte diese Kolumne nutzen, um eine fette Lanze mit der jungen Generation von heute zu brechen. Das Fazit vorab: Leute, ihr macht das gut, seid in die richtige Richtung unterwegs und habt die Pumpe am rechten Fleck. Lasst mich auch stellvertretend für den Club der alten Säcke, ein kollektives “Sorry” für das dämlich hirnlose Dauer-Bashing zu euren Lasten aussprechen. Ihr müsst uns ziellos in der Mitte unseres Lebens umherschippernden Oldies verstehen – Wir sind eben nicht mehr jung, aber auch noch nicht wirklich alt und stellen uns tagein und tagaus die Frage, ob es denn zwischen Murmeltier-mäßigen, täglichen Neuauflagen von Familien- und Berufsleben, das alles schon gewesen sein soll… Weil der Mensch sich eben besser fühlt, wenn er andere tiefer legen kann, suchen wir unseren Trost gelegentlich darin, dass früher alles, aber auch wirklich alles besser war.

Aber machen wir uns doch ehrlich, für was haben wir jemals Stellung bezogen und Flagge gezeigt? Auf die 68er folgten doch fast ausschließlich Generationen, deren Alltag geprägt war von politischer Apathie. Ich für meinen Teil war während meiner Jugend auf keiner Demonstration, habe mich weder an der Schule noch an der Uni politisch engagiert und ganz ehrlich – mir wäre auch nicht eingefallen wofür. Wir waren satt, bequem und ganz in unserem eigenen Film zu Hause. Die große weite Welt und ihre Probleme sah man nur in den 15 Minuten Tagesschau am Abend – ein Ausschnitt Realität, der so abstrakt war, dass man ihn sofort danach wieder vergaß.

Meine Generation war gesellschaftlich weitestgehend inaktiv und für kaum etwas zu mobilisieren. Zumindest aus meiner Sicht gab es kaum etwas wofür es sich wirklich einzusetzen lohnte oder auf die Barrikaden zu gehen. Die größten, dafür noch am ehesten geeigneten Themen meiner Jugend waren das Waldsterben, das Ozonloch und die Tschernobyl-Krise samt anschließender Anti-Atom-Bewegung. Wir haben das aus den Augenwinkeln natürlich wahrgenommen, andererseits aber natürlich keinen Finger dafür krumm gemacht. Heute stehen die jungen Leute gemeinsam zu zehntausenden in den Innenstädten um gegen die rücksichtslose Ausbeutung des Planeten und die folgenschwere Umweltverschmutzung zu demonstrieren. Sie organisieren gigantische Protestwellen gegen die Internetzensur, gehen gegen rechte Gewalt und Fremdenhass auf die Straße. Es gibt bei den von ihnen transportierten Informationen auch keinerlei Ermessensspielraum. Weltweit herrscht weitestgehend wissenschaftlicher Konsens über die Bedeutung des menschengemachten Klimawandels und seinen Auswirkungen. Diese Kids haben recht und alle die sie niederbrüllen faktisch nicht. Punkt, Aus, Ende. Ich finde das Engagement beeindruckend und es erfüllt mich mit Scham und Demut, weil ich meine jungen Jahre mit nichts vergleichbar Gemeinnützigem bereichert habe.

Noch mehr als meine eigene Bräsigkeit, beschämen mich aber die Reaktionen vieler Kleingeister und Dauer-Frustrierten landauf landab. Was über den Friday for future Kids an Häme, Hass und Missgunst ausgegossen wird, spottet jeder Beschreibung. Anstatt stolz auf diese jungen Menschen – unsere Kinder zu sein, unterstellt man ihnen nur Naivität und Doppelmoral – ein verachtenswerter Versuch die eigenen Versäumnisse zu kaschieren. Liebe Lebenshalbzeitler und Altersgenossen, was haben wir denn schon jemals dazu beigetragen um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen? (Nur die Fresse groß aufreißen, zählt übrigens nicht.) Da ich nicht für euch sprechen kann, beantworte ich diese Frage nur für mich: Gar nichts. Ich habe weder für den Frieden demonstriert, noch mich für den Umweltschutz eingesetzt oder für Schwächere stark gemacht. Ich habe stets kurzsichtig gehandelt, brav konsumiert und mich im wesentlichen um meine eigenen Angelegenheiten gekümmert. Meine kleine Welt war eine Blase, in der ich unbesorgt und unbehelligt bis ins Erwachsenenalter geschwommen bin.

Diesen Luxus haben die jungen Menschen von heute schon lange nicht mehr. Ihre Welt ist die ganze Welt – global, ohne Grenzen und ohne jegliche Reizkontrolle. Eine gigantische Flut an informativem Spam strömt zu jedem Zeitpunkt aus allen Rohren an sie heran. Alles und jedes will sie formen, verformen und beeinflussen. Die Zahl der Stimmen die auf sie einreden und beharrend drängen, sind schon längst zu einer schrillen Kakophonie angeschwollen. Während wir damals unsere spärlichen Informationen aus einseitig verlaufenden Kanälen dreier Fernsehprogramme bezogen, die noch nicht einmal rund um die Uhr sendeten, müssen sich die jungen Menschen heute mit einem Overkill aus Möglichkeiten, Meinungen und Reizüberflutungen auseinandersetzen. Alleine auf YouTube werden in jeder gottverdammten, einzelnen Minute über 400 Stunden Videomaterial hochgeladen – jeder will Aufmerksamkeit, gesehen werden und beginnt im Kampf gegen das Versinken in dieser Wüste umso lauter zu schreien. Freunde, ich will ehrlich sein, wäre ich 25 Jahre später geboren worden, käme ich mit dieser Scheiße nicht halb so gut zurecht, wie es die Kids von heute zuwege bringen.

Wäre es nicht sehr viel besser diesen jungen Menschen die sich mit diesen unübersichtlichen und mitunter aus dem Ruder laufenden Umständen nicht mehr abfinden wollen, unsere Unterstützung zukommen zu lassen, anstatt sie herabzusetzen und zu diffamieren? Der alte Tommy für seinen Teil, zieht vor euch Youngstern den Hut. Lasst euch von den ewig Gestrigen nicht mit hinunter in ihren Sumpf ziehen und macht euer Ding so gut ihr könnt. Ach ja, vergesst dabei nicht das Jung sein. Trinkt ruhig ab und zu einen über den Durst, vögelt froh und frei, frisiert eure Mopeds und E-Bikes und – ganz wichtig – die Pille danach gibt es mittlerweile rezeptfrei in der Apotheke. Wieder etwas, das früher keineswegs besser war.

Würde das gerne mit Euch über Insta teilen, weiß aber nicht wie das geht… so long Euer Tommy

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5 Gedanken zu „Freitag for Future, Samstag for Hass und Häme“

  1. Danke Tommy für diesen Beitrag. Ich habe heute meinen Facebookaccount gelöscht, da ich genau solche Dinge nicht mehr sehen und lesen kann. Aus Social Media wurde Anti Social Media.

  2. Wer von Euch Erwachsenen sich von Tommy angesprochen oder aufgerüttelt fühlt: bitte nicht nur liken, sondern was machen: auf http://www.klimabuendnis-karlsruhe.de findet Ihr viele ganz verschiedene Gruppen, die gemeinsam Fridays for Future unterstützen. Sucht Euch eine aus und werdet aktiv! Die Zeit läuft (uns weg)!
    Ingo

  3. Guten Morgen, ich möchte dazu noch erwähnen… Es war aber auch eine ANDERE Zeit damals, als wir aufwuchsen. Damals in den 80ern und frühen 90ern war nicht jeder 2. auf dem Gymnasium und hat dann studiert. Damals war es ganz normal ein Haupt oder Realschüler zu sein. Da kam man mit 15 bzw 16 aus der Schule und hat dann zu arbeiten begonnen. Mit dem Drumherum von Berufsleben/Berufsschule waren das zum Teil 10 Stunden täglich. Wir hatten keine Handys und kein Internet. Wir konnten überhaupt nicht ständig in Kontakt treten mit Freunden um sich auszutauschen bzw etwas zu organisieren. Gerade hier in den damals noch ländlicheren Gegenden gab’s noch Familien ohne Telefon ohne Auto. Und sorry, was da draußen in dieser großen Welt passierte haben wir oft gar nicht mitbekommen bzw erst später. Klar waren wir jeder irgendwie in seiner Blase, aber das Leben war so. Wir hatten nicht so viel Zeit wie viele Jugendliche heute. Wer keine Ausbildung gemacht hat oder eine weiterführende Schule, der hat noch Zeitungen ausgetragen oder sonstige Jobs gemacht damit man Geld hatte. Wir bekamen keine teuren Sneakers von den Eltern. Mofa und Moped musste oft selbst finanziert werden. Soviel zum Thema, Oldies die noch nicht alt sind aber auch nicht mehr jung.
    Stefanie

  4. Lieber Tommy,
    auch in den 70-80ern gab es Demos für/gegen: Atomkraft nein Danke, Wyhl, Friedensdemos, Menschenketten, Petting statt Pershing, Gorleben, Wackersdorf usw.
    Schon vergessen? zuviel Palmbräu?
    Grüße
    Achim

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