Flüchtlinge in Münzesheim und Unteröwisheim – Was Kraichtal leisten kann

Flüchtlinge in Münzesheim und Unteröwisheim - Was Kraichtal leisten kann
Bürgermeister Hintermayer begrüßte die rund 250 Gäste

Der Bürgerinformationsabend zum Thema „Asyl in Kraichtal“ unterschied sich am Dienstag-Abend in vielerlei Hinsicht von seinen Vorläufern. Statt trockener Zahlen und deftiger Diskussionen standen dieses Mal Erfahrungsberichte im Vordergrund – sowohl von Kraichtaler Helfern als auch von Flüchtlingen.

Zu Beginn skizzierten Peter Kappes und Ragnar Watteroth vom Landkreis Karlsruhe die derzeitige Situation. Diese sieht nach wie vor ernüchternd aus: Der Zustrom an Flüchtlingen aus den Krisenregionen sowie den Balkanstaaten reißt nicht ab und deshalb steht der Kreis vor der Mammut-Aufgabe insgesamt 9.600 Menschen auf die 32 Landkreis-Kommunen zu verteilen. Waren es im Jahr 2012 noch 200 Menschen die alle in der Gemeinschaftsunterkunft Zeutern untergebracht werden konnten, sind es aktuell bereits 5.400 – Tendenz weiter steigend. Bis zum Jahresende müssen also weitere 4.200 Flüchtlinge auf die Gemeinden verteilt werden. Da diese Zahlen nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel festgelegt werden, befindet sich JEDE Kommune im Kreis derzeit im Rückstand. Das Negativ-Saldo von Ettlingen liegt beispielsweise bei 566 Menschen, das von Bruchsal bei 347 und das von Kraichtal bei 127. Hierbei ist die nun fast bezugsbereite Gemeinschaftsunterkunft hinter der Münzesheimer Rossmann-Filiale bereits eingerechnet. Zusammen mit der GU Unteröwisheim kommt die Stadt so auf 199 Wohnplätze, bis Ende des Jahres müssten aber rechnerisch 326 Plätze geschaffen werden.

Flüchtlinge in Münzesheim und Unteröwisheim - Was Kraichtal leisten kann
Bezug Anfang November – Die Münzesheimer Gemeinschaftsunterkunft

Die nächste riesige Herausforderung wirft ebenfalls bereits Ihre Schatten voraus: Das Gesetz sieht vor die Flüchtlinge nach spätestens 2 Jahren in Gemeinschaftstunterkünften in die sogenannte Anschlussunterbringung zu überführen. Dieser Wohnraum wird nicht vom Land gestellt, dafür sind die Kommunen zuständig. Spätestens 2017 wird Kraichtal also dutzende Wohnungen benötigen um dieser Aufgabe Herr zu werden. Bürgermeister Ulrich Hintermayer appellierte daher an die Bürger, leerstehende Wohnungen und Häuser der Stadt zur Miete anzubieten – seit Monaten liefe die Suche nach möglichem Wohnraum bereits auf Hochtouren. Die Vertreter des Landkreises attestierten Kraichtal indes auch ein vorbildliche Planung – schon frühzeitig habe man sich für eine dezentralisierte Unterbringung der Flüchtlinge eingesetzt und so improvisierte Notfall-Unterkünfte vermeiden können. Doch nicht nur die Stadtverwaltung hat in den letzten Monaten gute Arbeit geleistet – beeindruckend waren auch die Ausführungen von Ehrenamtskoordinator Melo Danze aus Bahnbrücken, der über das Engagement der Kraichtaler Bürgerinnen und Bürger berichtete. Mittlerweile unterstützen 92 Helfer die Flüchtlinge bei Ihren täglichen Aufgaben, beim Erlernen der deutschen Sprache und bei der kulturellen und gesellschaftlichen Integration. Besonders hervorzuheben wäre dabei auch die Gründung des Vereines „Kraichtal hilft e,v,“ Mit der Unterstützung der Stadtverwaltung konnte in Menzingen mit dem „Depot 25“ ein eigenes Ladenlokal eingerichtet werden, in dem Sachspenden angenommen und Second-Hand-Kleider und Co. zugunsten der Flüchtlinge verkauft werden – ein Angebot das übrigens allen Kraichtalern uneingeschränkt zur Verfügung steht.

Flüchtlinge in Münzesheim und Unteröwisheim - Was Kraichtal leisten kann
erzählten von Ihrer Flucht: Mohammed und Mahmud

Für den gleichermaßen aufschlussreichsten und bewegendsten Teil des Abends sorgten dann aber die Kraichtaler Neubürger selbst. Die syrischen Flüchtlinge Mohammed und Mahmud berichteten von der unerträglichen Situation in Ihrer Heimat und der anschließenden Flucht. Mohamed zum Beispiel hat in Syrien Volkswirtschaft studiert. Weger einer kritischen Meinung zu Staatspräsident Baschar al-Assad wurde er eingesperrt und mit glühenden Kohlen gefoltert, anschließend floh er. Nicht besser erging es Landsmann Mahmud. Er war Kaufmann in Damaskus und leitete ein Geschäft mit 15 Angestellten. Als die Bomben auf die Stadt fielen, floh er mit seiner Familie in den Libanon. Um seine Kinder nicht in riesigen Auffanglagern aufwachsen zu lassen, reiste die Familie in die Türkei weiter. Da die Behandlung seiner schwer krebskranken Frau dort nicht möglich ist, beschloss Mahmud in Europa sein Glück zu versuchen um die Familie später in Sicherheit zu bringen. Es brauchte zwanzig Versuche um mit einem Boot nach Griechenland überzusetzen! 20 Versuche bei denen er von der Küstenwache ausgeraubt und geschlagen wurde um nach über zwei Monaten endlich europäischen Boden unter den Füßen zu haben. Jetzt leben beide in Kraichtal und sind sprachlos ob der überwältigenden Gastfreundschaft die Ihnen hier entgegen gebracht wird. Ihre Schilderung der vergangenen Monate bewältigten beide zu großen Teilen in deutscher Sprache – nach gerade 5 Monaten in unserem Land. Beide sind nun ein Teil der Dorfgemeinschaft geworden und als Mohammed dies mit einem „Hallo ich bin Mohammed und wohne in Unteröwisheim“ unterstrich, hatte daran auch niemand irgendwelche Zweifel.

Es war ein wichtiger Abend der zweierlei Dinge deutlich machen konnte: Er hat dem Grauen in Syrien ein Gesicht gegeben und eindrucksvoll gezeigt wie dankbar die geflohenen Menschen aufgrund der deutschen Gastfreundschaft sind. Und er hat gezeigt wie viele warmherzige Menschen es in Kraichtal gibt, die dann eng zusammenrücken können wenn es darauf ankommt.

Ähnlicher Artikel

Bauarbeiten für Menzinger Ortsentlastung starten

Bauarbeiten für Menzinger Ortsentlastung starten

Nach langjähriger Planungsphase Am Montag, 7. Mai, starten die Bauarbeiten für die „Ortsentlastungsstraße Süd“ in…
Großer Flächenbrand bei Kraichtal – Brandstiftung nicht ausgeschlossen

Großer Flächenbrand bei Kraichtal – Brandstiftung nicht ausgeschlossen

Zu einem größeren Brandeinsatz rückten heute die Freiwilligen Feuerwehren Ubstadt-Weiher und Kraichtal auf eine landwirtschaftliche…
Weinwandern wie in der Toskana

Weinwandern wie in der Toskana

Der erste Kraichtaler Weinwandertag begeistert Hunderte Das war eine gelungene Premiere. Beim ersten Weinwandertag der…
Expedition zum mysteriösen Autowrack am Landskopf

Expedition zum mysteriösen Autowrack am Landskopf

Ein (nicht ganz ernst gemeinter) Expeditionsbericht von unserem Leser Jahn Hörrle Verborgene Überreste einer Tragödie…