“Es ist ein Sterben auf Raten”

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Gastronomie ohne Nähe zum Gast geht einfach nicht

Warum das “Henrys” in Bad Schönborn trotz Lockerungen noch nicht eröffnet

Georg und Nadine sind Gastgeber aus Leidenschaft. Das nach ihrem Sohn Henry benannte Restaurant im Bad Schönborner Ortsteil Langenbrücken, führen sie ganz im mediterranen und südländischen Stil. Und diese Linie noch mehr hervorzuheben, renovieren die beiden gerade aufwendig ihren Hinterhof. Warme, helle Erdtöne, dazu uriges Holz, offenes Mauerwerk und tausend kleine Details für Herz und Auge. Rund um die Uhr sind Georg und Nadine entweder hier oder in der Küche des “Henrys” beschäftigt, auch um sich von den bereits monatelang anhaltenden Einschränkungen und den Folgen der Corona Pandemie abzulenken. Während Pacht, Gehälter, Versicherungen und Co. weiterhin nahezu unvermindert zu Buche schlagen, sind die Einkünfte seit Beginn des Lockdowns auf 30 bis 40% des ursprünglichen Umsatzes gesunken – das es nicht noch schlimmer gekommen ist, verdanken beide dem unter den gegebenen Umständen gut laufenden Außerhausverkauf.

So nicht..

Eigentlich könnten Georg und Nadine bereits seit dem vergangenen Montag das “Henrys” wieder für den Publikumsverkehr öffnen, doch weil die Auflagen dabei so massiv und die Hürden so hoch liegen, haben sich beide bewusst gegen diesen Schritt entschieden. “Wenn wir unter diesen Umständen öffnen, ist das nichts anderes als ein Sterben auf Raten”, weiß Nadine und erklärt uns auch wieso. “Durch die strengen Abstandsregeln, die zahlreichen Kontrollpflichten und die Erfassung der persönlichen Daten der Gäste, bräuchten wir mindestens dasselbe Personal wie vor der Krise, könnten aber alle höchstens ein Drittel der bisherigen Tische bedienen”.

Man muss kein Betriebswirt sein um zu erkennen, dass bei dieser Rechnung keine echten, schwarzen Zahlen zu erzielen sind. Zahlreiche Gastronomen, nicht nur in Bad Schönborn, haben sich daher entschlossen es Georg und Nadine gleich zu tun und die Wiedereröffnung ihrer Gaststätten bis auf weiteres auszusetzen. Mit Auflagen die unter anderem persönliche Gespräche zwischen den Gästen und dem Personal minimieren sollen, bei denen keine Speisekarten mehr zum Einsatz kommen dürfen und die die Maskenpflicht der Servicekräfte vorsehen, ist eine entspannte Einkehr wohl tatsächlich unmöglich.

“Wir wollen kein Geld vom Staat geschenkt, wir wollen unseren Job machen”

Georg geht in seiner Sichtweise sogar noch etwas weiter und hält fest: Gastronomie ohne Nähe zum Gast geht nicht. Man muss doch miteinander reden, über Tagesempfehlungen sprechen können, ein bisschen scherzen und Spaß haben können. Für den mehrfach mit Gold ausgezeichneten, gelernten Koch und Metzger ist der enge Kontakt zun seinen Gästen alternativlos. Dem Gast nur mit Distanz zu begegnen, schweigend mit Handschuhen und Masken verhüllt das Essen mit dem Servierwagen vor dem Tisch seiner Gäste abzustellen und sich ebenso schweigend schnellstmöglich wieder zu zurückzuziehen, hat für ihn mit einem angenehmen Restaurant-Aufenthalt nichts zu tun. Es geht ihm dabei auch nicht um das blanke Überleben mittels Hilfsgeldern vom Staat. “Wir wollen kein Geld vom Staat geschenkt, wir wollen unseren Job machen”, hält der mehrfache Familienvater fest.

Für Nadine spielen auch die erheblichen Risiken und die hohen, angedrohten Bußgelder eine gewisse Rolle. Als Gastwirt haftet man für die Einhaltung der Landesverordnungen, muss kontrollieren dass Gäste auf dem Weg zur Toilette Abstände einhalten, ihre Daten hinterlassen und niemanden in ein Gespräch verwickeln. Verstöße dagegen können schnell in die Tausende gehen, so kann und will doch niemand arbeiten. Vom Staat fühlen sich Georg und Nadine im Stich gelassen, während große Unternehmen wie die Lufthansa oder BMW mit Milliarden angeschoben werden, steht die Gastronomie trotz ihrer deutschlandweit hohen zweistelligen Milliardenumsätze ohne echte Rückendeckung da. Tatsächlich erst heute bestätigte das Statistische Landesamt den Einbruch der Umsätze in dieser Branche um fast 50%, eine historische Zäsur. Auch die nur vorübergehend eingeführte Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie, bringt eingedenk eingebrochener Umsätze aktuell auch nicht wirklich viel, das müsste in jedem Fall dauerhaft bleiben um wirklich hilfreich zu sein, weiß Georg.

Vielleicht nach Pfingsten?

Wann das Henrys wieder vollumfänglich für seine Gäste öffnen wird, lässt sich daher derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. “Irgendwann nach Pfingsten”, hoffen Georg und Nadine, “wenn dann die Auflagen vielleicht etwas weiter gelockert werden können”. Bis dahin bieten sie weiterhin ihren Bestell- und Abholservice an und werkeln die restliche Zeit an ihrem nagelneuen, mediterranen Biergarten. Hier irgendwann mit ihren Gästen wieder ungezwungen zusammenzukommen, zu genießen und zu lachen, das ist ihr im Geiste gestecktes Ziel. “Wir hoffen das Beste, Aufgeben ist keine Option”, sagt Nadine und hastet in die Küche um die nächsten Bestellungen vorzubereiten.

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