Epidemie der Unlogik? Tommy schnallts nicht

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@walkerhlee via Twenty20

Zu viele offene Fragen – Die Corona-Krise lässt unseren Kolumnisten Thomas Gerstner ratlos zurück

Der Alltag Eures guten alten Tommys ist recht überschaubar: Tagelang zu Hause auf der Couch rumgammeln, kaum duschen, keine Sozialkontakte, nonstop Netflix und Essen aus der Dose…. und dann kam auch noch die Corona-Krise. Bei allem gebotenen Ernst der Lage, ich kann dieses beschi***ne Wort nicht mehr hören. Auf allen Kanälen 24/7 – landauf und landab – nonstop nur noch Corona Corona Corona.. es ist zum Mäusemelken. Seit Wochen überbieten sich Regierungsinstitutionen, Gesundheitseinrichtungen, Forscher und Politiker mit Hiobsbotschaften, die stets mit dem Hinweis enden, dass es noch sehr sehr sehr sehr lange dauern wird, bis wir zur Normalität zurückfinden können. Angst als Attitüde vermischt mit einem selbstherrlichen, knallharten Krisenmanager-Duktus und schon neigen wir demütig unser Haupt und bescheinigen jenen Großgopfteren blendende Umfragewerte, die wir im Februar noch gerne auf die dunkle Seite des Mondes verbannt hätten. Das ist für mich lange nicht das einzige Paradoxon, das dieser Tage bizarre Blüten treibt. Ich habe jede Menge quälende und offene Fragen zur aktuellen Krise und erhoffe mir von euch Unterstützung bei der Beantwortung. Über eure Repliken freue ich mich unten im Kommentarfeld.

Here we go, Tommys Liste offener Fragen zur Corona-Krise:

1.) Dieses Virus ist zwar nicht ausschließlich, aber offenbar vorrangig für ältere und geschwächte Menschen gefährlich. Wieso setzen wir nicht alles daran um genau diese Gruppen um jeden Preis vor einer Infektion zu schützen, anstatt eine komplette Nation in den Standby-Modus und oft vielleicht am Ende wirtschaftlich in die Knie zu zwingen? Kühl und pragmatisch gefragt: Können die Jungen und weniger Anfälligen nicht weiterhin den Laden am Laufen halten und die Älteren und Geschwächten gleichzeitig geschützt werden?

2.) Ich war zwar in Gemeinschaftskunde nie ein sonderliches Genie, aber ich habe doch noch grob in Erinnerung dass Grundrechte mitunter unveräußerlich und dauerhaft sein sollten. Reicht denn wirklich ein halbseiden ausformulierter Absatz im Infektionsschutzgesetz aus um gleich sieben dieser Grundrechte außer Kraft zu setzen? (Allgemeine Handlungsfreiheit – Art. 2 Abs. 1 GG, Glaubensfreiheit – Art. 4 Abs. 1 und 2 GG, Versammlungsfreiheit – Art. 8 GG, Freizügigkeit – Art. 11 GG, Berufsfreiheit – Art. 12 Abs. 1 GG, Unverletzlichkeit der Wohnung – Art 13 Abs. 1 GG, Eigentumsgarantie – Art. 14 Abs. 1 GG) Ist es tatsächlich möglich, dass ein einfacher Bürgermeister (ein Job für den man bereits formal qualifiziert ist, wenn man Deutscher und über 25 Jahre alt ist) in Feldherrenart auf Facebook Sätze beginnt wie “Soeben habe ich ein Betretungsverbot für öffentliche Orte angeordnet.”?

3.) Haben wir tatsächlich vor acht Wochen noch fröhlich und dicht gedrängt Fasching gefeiert und heute bestrafen uns Ordnungsamt und Polizei für Spaziergänge zu dritt und Schwätzchen auf Parkbänken? Ich bedaure jeden Ordnungshüter der Menschen wegen der Ausübung freiheitlicher Grundrechte in die Schranken weisen muss. Hat dazu jemand den immensen Vertrauensbruch auf dem Schirm und wie unser Zusammenleben aussehen soll, wenn der ganze Mist endlich Geschichte ist?

4.) Wieso bleiben Kirchen in Zeiten der Not, genau dann wenn die Gläubigen die Unterstützung und den Trost der Gottesdienste brauchen könnten, kategorisch geschlossen, während im Baumarkt Polonäse Blankenese geschunkelt wird? Wieso lassen sich in Geschäften ab 800 Quadratmetern Hygienevorschriften schlechter umsetzen, als in kleinen Läden?

5.) Wieso wird dieses Virus angeblich nur über längeren, direkten Kontakt und beständiges Husten übertragen, wo doch fünf Minuten nach dem Bekanntwerden einer Infektion in einer Einrichtung, gleich gefühlt 95% der Anwesenden Captain Corona an Bord haben?

6.) Wieso ist Klopapier immer noch beständig ausverkauft, obwohl die Abgabemenge mittlerweile meistens auf eine Packung beschränkt ist? Wieso kann man dieser einen Verpackung nicht gleich eine Jumbopackung Psychopharmaka gegen akute Wahnhaftigkeit beilegen?

7.) Hat noch irgendjemand auf dem Schirm wie viele stille und langfristige Opfer der Lockdown und die Kontaktbeschränkungen in Relation zu den geretteten Leben fordern? Zählen die emotionalen und wirtschaftlichen Nöte so vieler Menschen und deren direkte Auswirkungen eigentlich mit hinein? Die ausgelösten Depressionen, der steigende Alkoholismus, die physische und psychische Misshandlung von Familienangehörigen und das so erlernte Muster der Kleinen, dass diese noch an viele weitere Generationen weitergeben dürften?

8.) Sollten unheilbar infizierte Senioren tatsächlich voller Angst und Einsamkeit aus dem Leben scheiden? Macht es nicht viel mehr Sinn Ihnen in diesem verletzlichsten aller Momente auf dieser Seite des Styx zur Seite zu stehen, den Kontakt mit Geliebten und vertrauten Menschen zu gestatten, wenngleich auch unter hohen Hygieneauflagen?

9.) Hat eigentlich irgendwann jemand die älteren Menschen gefragt ob sie überhaupt damit einverstanden sind, dass zu ihrem Schutz Stück für Stück das wirtschaftliche Vermächtnis dieses Landes aufgeraucht wird, das sie selbst nach dem Krieg mit Schweiß und Tränen aufgebaut haben?

10.) Gibt es wirklich nur eine Handvoll “wissender” Wissenschaftler in Deutschland die im Besitz der Wahrheit sind und müssen tatsächlich alle davon abweichenden Meinungen seziert und für ungültig erklärt werden? Kann es zu einem so komplexen Thema, das ohnehin durch sein junges Alter nur unzureichend erforscht ist, nicht mehrere voneinander abweichende Meinungen geben?

11.) Klatschen und singen die Menschen am Abend auf ihren Balkonen eigentlich wirklich für die Kassierer/innen und Pflegekräfte? Jene frisch gekürten Helden der Neuzeit, für die vor der Krise kaum jemand weder einen Blick noch Applaus übrig hatte und es danach wahrscheinlich auch nicht mehr haben wird? Oder geht es hierbei vielleicht auch ein bisschen darum, sich selbst ein Stück weit besser zu fühlen?

12.) Wieso darf ich bei der Arbeit mit beliebig vielen Kollegen in Kontakt kommen oder muss den Schornsteinfeger oder den Stromableser in mein Haus lassen, wenngleich ich von höchster Stelle dazu aufgefordert werde, nicht einmal meinen eigenen Bruder auf einen Oster-Kaffee zu besuchen?

13.) Wieso dürfen Viertklässler demnächst die Schule wieder besuchen, Fünftklässler oder Sechstklässler aber nicht? Wieso werden Abiturienten trotz der entsprechenden Gefahr für die eigene Gesundheit zum Ablegen ihrer Prüfung gezwungen, obwohl man ihre Note auch fair und einfach mittels Durchschnitt der letzten Monate berechnen könnte?

14.) Wieso bekommt ein Betrieb mit fünf Angestellten die gleiche Menge “Soforthilfe” wie ein Betrieb mit nur einem Mitarbeiter? Sind 9000 Euro für ein Vierteljahr wirklich ausreichend, wenn ich schon im Monat durch Miete und Personalkosten das fünffache rausblase? Wieso dürfen große Handelsketten den Reibach ihres Lebens machen, wenn so viele Kleinbetriebe daneben unverschuldet den Löffel abgeben müssen?

Meine letzte und fünfzehnte Frage möchte ich noch einmal ganz fett hervorheben, geht sie mir doch tatsächlich unter die alte, gegerbte Haut: Auch wenn viele der erlassenen Regeln gerade bedauerlicherweise Sinn ergeben (wenngleich ich mir auch die Frage stelle, wann wieder in den Normalbetrieb zurückgekehrt werden kann, wenn von 80 Millionen Deutschen nur knapp einhunderttausend bereits immun sind): Wie konnten wir dazu bereit sein, faktisch über Nacht auf mehrere, essentielle Grundrechte zu verzichten, ganz ohne jegliche Diskussion? Wieso belohnen wir Politiker mit Zustimmungsraten von annähernd 100%, für diesen beispiellosen Vorgang? Bereitet es denn wirklich nur mir Sorgen, dass bisher unverhandelbar geglaubte Eckpfeiler einer Gesellschaft ohne den geringsten Widerstand (zeitweise) demontiert werden konnten?

Unseren täglichen Drosten gib uns heute und lang lebe der bayrische König

Versteht mich nicht falsch Freunde, die erlassenen Regeln und auch die eingeschränkten Grundrechte sind vermutlich derzeit weitestgehend alternativlos. Wenn aber diese ganze Suppe endlich ausgelöffelt und die Krise überstanden ist, sollten wir nicht einfach den Mund abputzen und stoisch weitermachen wie bisher. Dieses Land hat sich in den letzten Wochen verändert, auch wenn wir das in der Isolation unserer Vorgärten und Roller-Wohnlandschaften vielleicht nicht vollumfänglich realisiert haben. Es müssen später Fragen gestellt, Regeln konkretisiert, Macht und Zugriffsrechte grundlegend betrachtet und vielleicht neu bewertet werden. Dann wie schon der alte Moooariuuus weise sagte:

Freiheit, Freiheit, Ist das einzige, was zählt.

Fühlt Euch gedrückt – ganz eng und ohne Mindestabstand

Euer
Tommy

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11 Gedanken zu „Epidemie der Unlogik? Tommy schnallts nicht“

  1. Ein Zitat würde ich gerne mit Blick auf die Ausgangssperren in der Weimarer Republik ergänzen: WEHRET DEN ANFÄNGEN!!!!

  2. Tommy schnallt’s tatsächlich nicht. Ich würde dringend empfehlen, sich mal mit der Charakteristik des Virus auseinander zu setzen und die Art des Infektionsgeschehens zu studieren. Ansonsten sind diese Thesen geprägt von Stammtischparolen. Dass hier natürlich dann die versammelte Verschwörungstheoretiker Gemeinde aufschlägt ist klar.

  3. @TutnichtszurSache:
    Dann informieren Sie hier doch einmal mit Fakten, und zwar allumfassend… oder tun die auch nichts zur Sache?

  4. @Liebt_Fakten:
    Gerne dürfen Sie sich selbst informieren, ein kurzer Kommentar zur Sinnigkeit eines Beitrags auf einer regionalen Klatschseite verpflichtet den Autor nicht zur Verlesung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den letzten Monaten (was so denke ich auch die Zeichenbegrenzung des Kommentarfeldes sprengen dürfte…).

    Im Übrigen muss ich @Tutnichtszursache weitestgehend leider Recht geben, wir sind auf Seiten der Fachkräfte im Bereich Virologie bereits übermäßig versorgt mit Personen die außer Stammtischparolen, fundiertem Halbwissen und dem Drang dies an die Mitmenschen weiterzugeben, nichts konkretes beitragen möchten.
    Wer tatsächlich Antworten sucht auf Fragen die den oben gestellten vielleicht garnicht so unähnlich sind, kann sich jederzeit und kostenfrei bei allen verantwortlichen Stellen des Landes darüber informieren.

    Das ist nicht nur sinnvoll sondern auch ratsam, bevor man zum Schreihals wird.

    (Anmerkung: Man möchte mit diesem Kommentar keinesfalls den Autor verurteilen oder gar in seinen Rechten beschneiden, berechtigte Zweifel und/oder Fragen zu äußern, vielmehr liegt mir daran ein wenig die Eigendynamik der Kommentarwelt einzubremsen)

  5. Freiheit ist nicht das einzige was zählt. Zumindest nicht unbegrenzte Freiheit, denn meine Freiheit hört dort auf, wo die meines Nachbarn beginnt. Und wenn hier vorgeschlagen wird, dass doch bitte nur die Älteren, die Gefährdeten, diejenigen mit einem erhöhten Risiko schwer zu erkranken daheim bleiben sollen (du nennst es euphemistisch „geschützt werden“), dann nenne ich das zynisch. Du gestehst dir selbst also mehr Freiheit zu als den schwächsten dieser Gesellschaft? Damit du lustig im Biergarten sitzen kannst, so du es denn geschafft hast den Allerwertesten vom Sofa zu hieven, sollen alle daheim bleiben, die eventuell das Gesundheitssystem belasten könnten?

    Dass die Situation hierzulande so stabil ist, wie sie ist, haben wir genau den Maßnahmen zu verdanken, die du jetzt so in Frage stellst. Damit sie so bleibt, sind manche Maßnahmen auch noch weiter erforderlich. Wer das nicht kapiert trägt dazu bei, dass alle Lockerungen wieder hinfällig werden. Die Logik der Epidemie scheint bei dir jedenfalls nicht angekommen zu sein.

    • Zynisch ist es höchstens allen kritischen Stimmen zu unterstellen, sie wollten doch nur lustig im Biergarten sitzen. Entlarvend und disqualifizierend zugleich….

      • Bisher habe ich hier nur einer einzigen Stimme unterstellt, sie wolle im Biergarten sitzen. Und zwar auf Kosten der Schwächsten. Anderen kritischen Stimmen bin ich gerne bereit, zuzuhören, bevor ich ihnen dann irgendetwas unterstelle. Oder auch nicht. Je nachdem wie überzeugend diese Stimmen sind.
        Tommy hat mich nicht überzeugt. Mir kam schon der Gedanke, dass Tommy womöglich vom Sofa aus einfach ein wenig provozieren will.

  6. Sehr geehrter Herr Gerstner,
    die Kommentarfunktion erlaubt es leider nicht vollumfänglich auf ihre berechtigten Fragen zu antworten. Daher kurz zu den „wirtschaftlichen Verwerfungen“ ein Beitrag. Es mag ja bedauerlich sein, dass ihr Lieblingsitaliener ebnso wie ihre Lieblingsbuchhandlung die Krise nicht übersteht aber werfen Sie doch mal einen Blick auf die Gewinner. Rekordgoldpreis, haben Sie nicht frühzeitig umgeschichtet? Dax jetzt wieder über 10000 was wurde beim Absturz ein Riesenvermögen durch Leerkäufe gescheffelt. Marktbereinigung und Übernahmekandidaten ohne Ende, jetzt bei den richtigen investieren. Und ihre Dividenden, wurden doch auch ausgeschüttet selbst wenn die Firmen Kurzarbeit beantragt haben. Staaten finanziell am Abgrund, da freut sich doch Blackrock und Co.und alle Beteiligten. Und dann droht noch ein Dürrejahr, jetzt schnell auf Missernten und Versorgungssengpässe wetten. Waffenexporte in die Türkei wurden 2019 verdreifacht und und und, überall Chancen sein Vermögen gigantisch zu mehren. War schon immer nach jedem Krieg und jeder Katastrophe so. Achso, Grundrechte und der ganze Pillepalle der nicht schadet, schnell wieder einführen sonst wacht der Michel noch auf.

  7. Liebe Leute, es bringt doch nichts das man hier so redet. Fakt ist das dieses Virus, obwohl ich das Wort jetzt auch nicht mehr hören kann, da ist und wir jetzt in eine neue Normalität gehen sollten. Vielleicht klappt es ja dieses Mal das man Rücksicht nimmt auf sein gegenüber. Das man nicht immer und überall immer der erste sein muss.Etwas mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft. Wo wollen wir den Anfang machen und die“alten und kranken“ separat halten. Vor allem wann fängt alt an?
    Das müsste doch alles gemeinsam zu schaffen sein. Wir sind doch eine Gesellschaft.
    Wie würde es aussehen wenn die Gesellschaft einen Weg sucht das alle daran teilhaben können. Wieso tragen nicht alle masken. Dann können alle raus! Natürlich man darf nicht die Freiheit und das Grundgesetz nicht untergraben. Aber hier bei uns, ist die momentane Situation doch nicht so extrem das wir kpl. eingeschränkt sind. Alle die von der Situation überfordert und genervt sind würde ich mal einen Vorschlag machen. Arbeitet ihr mal unter den Bedingungen die sie jetzt sind irgendwo in der Pflege. Und danach meldet euch wieder zu dem Thema…..
    Dann wisst ihr was los ist. Wie sagte schon Indiana Jones. Der demütige geht auf die Knie. Schönen Abend noch.

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