Der Mindestlohn auf dem Feld – Eine Frage der Ehre?

people-356251_640Das Tauziehen um den Mindestlohn für Erntehelfer – Eine Meinung von Stephan Gilliar

Die Horrorvisionen die uns gerade zusammen mit frischem Obst und Gemüse aufgetischt werden, zeichnen ein düsteres Bild: Sollten Erntehelfer künftig die gesetzlich festgelegten 8,50 Euro pro Stunde erhalten, so wird das große Bauernhöfe-Sterben einsetzen, Existenzen werden vernichtet und mit bezahlbarem Obst und Gemüse ist ohnehin Schluss. Wo man auch hinsieht, beschwören Funktionäre und Verbände gerade diese Untergangs-Szenarien herauf. Die Argumente liege auf der Hand: In den europäischen Nachbarländern liegt der Mindestlohn um ein Vielfaches niedriger, womit dortige Anbieter mit günstigen Produktpreisen unsere heimischen Erzeuger locker unterbieten können. Außerdem zahle man ja in Deutschland bisher schon Löhne, die wiederum enorm höher ausfallen als im Ausland. Doch 8,50 Euro pro Stunde – unmachbar. Müsste man diese Löhne bezahlen, würde Obst und Gemüse viel teurer werden.

Es ist wahr – all diese Argumente stimmen…. und können doch kein Grund sein, ein aus dem Lot geratenes System auf den Rücken der Feldarbeiter zu stabilisieren. Diese Rücken tragen genug Last. Wenn wir Sie im Vorbeifahren sehen, aus unseren klimatisierten Autos – gebückt in den Feldfurchen unter der heißen Sonne,  fühlen sich unsere eigenen Knochen schon vom Zusehen schwer und müde an. Es ist eine harte Arbeit, die würdevoll bezahlt werden sollte – nach Maßstäben unseres Wohlstandes und nicht dessen ärmerer Ländern. Auch die Landwirtschaft – das beinhaltet der Name – ist Teil unserer Wirtschaft. Wenn ein Wirtschaftsbetrieb ein bestimmtes Produkt nicht wirtschaftlich herstellen kann, so dass es der Markt akzeptiert… kann er es eben nicht herstellen. Wenn Wirtschaftlichkeit nur durch Einsparungen bei den schwächsten Gliedern der Kette möglich ist, so lässt sich das mit unserem sozialstaatlichen Denken nicht mehr vereinbaren.

Ein aus dem Lot geratenes System auf den Rücken der Feldarbeiter stabilisieren ?

Nun könnte man sagen: Kein Obst und Gemüse aus Deutschland mehr – das ist ja auch keine Lösung. Richtig, das ist keine Lösung. Das Problem liegt auch nicht bei den Bauern oder ihrer Sorge um Wettbewerbsfähigkeit und Löhnen. Das Problem liegt in uns selbst. Sparsamkeit ist keine Schande, sie ist eine Art Instinkt. Der Instinkt möglichst wenig Energie für maximale Ausbeute aufzuwenden. Doch wie bei jedem anderen instinktiven Handeln verfügen wir Menschen noch über die zusätzliche Möglichkeit unseren Verstand einzusetzen. Wenn wir eine Schale Erdbeeren beim Discounter für 1 Euro sehen oder nebenan beim Modehändler eine Jeans für 5 Euro, was sagt der Instinkt? Superviel für Superwenig – Astrein – Her damit. Nehmen wir nun unseren Verstand hinzu, sollten wir zu einem anderen Ergebnis kommen: Eine Schale Erdbeeren für die der Acker bereitet, die Saat ausgebracht, die Felder bewässert, gepflegt, gepflückt, geerntet, verpackt, transportiert und gelagert werden muss – ist ein popeliger Euro viel zu wenig. Hier kann etwas nicht stimmen! Damit hier jemand verdienen kann, muss jemand anderes heftigst zu kurz kommen.

Das Problem trifft auf viele landwirtschaftliche Produkte zu: Milch, Eier, Gemüse oder eben Obst. Wir haben verlernt den Wert dieser Kostbarkeiten zu erkennen. Wie mühsam es ist sie der Erde zu entringen. Wir bezahlen morgens beim Backshop 3 Euro für ein einziges belegtes Brötchen, wollen aber keine 80 Cent für einen ganzen Liter Kuhmilch aufbringen. Müssen wir auch nicht – im Discounter wird unser Schnäppchentrieb gut bedient. Nur sollten wir uns klar machen: Irgendjemand zahlt dafür immer die Zeche: Tiere durchleben die Hölle auf Erden um in Massenproduktion zu Billig-Fleisch zu werden, 6-jährige nähen in Fernost unsere 5-Euro T-Shirts zusammen und – um wieder zum Ausgang zu kommen – Männer und Frauen rutschen für einen Appel und ein Ei durch die Felder um unser Obst und Gemüse zu ernten.

Der Mindestlohn muss also kommen, gerade für hart arbeitende Menschen wie die zahlreichen Saison-Kräfte und Erntehelfer. Zumindest in Deutschland können wir hier ansetzen. Doch mit diesem Mindestlohn muss auch ein Umdenken beginnen. Darf ich verlangen dass die Differenz zwischen tatsächlichem Wert und Verkaufspreis meiner Einkäufe von Schwächeren beglichen wird? Wohl kaum.

Etwas Hoffnung lässt sich in dieser Zwickmühle zumindest der menschlichen Psychologie entlocken: Haben wir für etwas hart gearbeitet, messen wir ihm auch mehr Qualität und Bedeutung bei. Für die nun betrachteten Umstände übersetzt könnte man sagen: Besseres Essen, Besserer Geschmack, Besser Leben.

Man sagt: Das Auge isst  immer mit.
Geben wir doch dem gesunden Menschenverstand auch noch nen Löffel ab :-)

 

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