Braunkohleabbau im Kraichgau – Drei Dörfer müssen weichen

Braunkohleabbau im Kraichgau - Drei Dörfer müssen weichen
Braunkohleabbau im Kraichgau ab 2025

Der Irrsinn des Braunkohleabbaus in Deutschland wird gerade anhand der Geschehnisse um den Hambacher Forst wieder mehr als deutlich. Ein umweltfeindlicher Energieträger von gestern vernichtet den Lebensraum vieler Tausender. Wälder, Wiesen und – traurig aber wahr – hunderte Dörfer mussten den gefräßigen Baggern bereits weichen. Auch wir haben das Thema in unserem Aprilscherz vor 2,5 Jahren bereits überspitzt in die Region geholt. Aus aktuellem Anlass stellen wir den satirischen Beitrag mit ernstem Hintergrund hier nochmal vor:

Großflächige Veränderungen durch Tagebaugebiet „Kraichgau Nord“

Dieser Donnerstag dürfte vielen Menschen im Kraichgau nachhaltig in Erinnerung bleiben. Auf einer großen Pressekonferenz informierten heute das französische Bergbau-Unternehmen „blague minière“ sowie das Innenministerium Baden-Württemberg und das Regierungspräsidium Karlsruhe über die Ergebnisse von Probebohrungen und den sich daraus ergebenden, weitreichenden Konsequenzen für die Region. Demnach haben die im Herbst von den blague minière- Ingenieure durchgeführten Probenentnahmen, eine signifikant große Menge an Glanzbraunkohle im Waldgebiet zwischen Ubstadt-Weiher und Kraichtal nachweisen können. Experten vermuten im angrenzenden Areal Kohlevorkommen in einer Größenordnung von mehreren Millionen Tonnen. Entsprechende radioskopische Abtastungen des Grundes untermauern diese Annahme. Angesichts der zu befürchtenden Engpässe in der Energieversorgung durch den Atomausstieg, könne man es sich schlicht nicht leisten auf diese ergiebigen Bodenschätze zu verzichten, erklärte Ministerialdirektor Dr. Werner Seidenspinner den zahlreichen anwesenden Pressevertretern.

Oberöwisheim, Odenheim und Zeutern müssen den Baggern weichen

Die nun vorgestellten Pläne von „blague minière“ und den beteiligten Bundes- und Landesbehörden sehen daher einen großflächigen Abbau der Kohlevorkommen ab 2025 vor. Das zu erschließende Gebiet soll dabei eine Fläche von rund 130 Quadratkilometern umfassen und pro Jahr die Förderung von etwa 150.000 Tonnen des wertvollen Sedimentgesteines möglich machen. Wie bereits in vielen Tagebau-Regionen Deutschlands, ist dieser Prozess nicht ohne den entsprechenden Verlust an Landfläche realisierbar. Während beispielsweise im Abbaugebiet Garzweiler II am Niederrhein ganze Landstriche den Förderbaggern weichen mussten, fällt die Bilanz im Kraichgau etwas geringer aus. Insgesamt sind es drei Ortschaften die nach derzeitigem Planungsstand dem Tagebau mittelfristig weichen müssen. Bis zum Jahr 2024 sollen zuerst der Kraichtaler Teilort Oberöwisheim sowie das zu Ubstadt-Weiher zählende Dorf Zeutern umgesiedelt werden. In der zweiten Phase ab 2028 soll dann der größte Teil des Östringer Teilortes Odenheim folgen.

Die wegfallenden Gebiete sollen einer ersten Fallstudie des ausführenden Stuttgarter Ingenieurbüros „Wagner, Sackenweck und Partner“ nach, in räumlicher Nähe zu den ursprünglichen Standorten wieder aufgebaut werden. Für Oberöwisheim ist die Ansiedlung der von der Räumung betroffenen Anwohner in der Kraichbach-Niederung zwischen Unteröwisheim und Münzesheim geplant. Die zu errichtende Siedlung soll dabei in den Teilort Unteröwisheim eingegliedert werden und zusammen mit diesem, das künftig um seine Vorsilben beraubte „Öwisheim“ bilden.

Braunkohleabbau im Kraichgau - Drei Dörfer müssen weichen
Muss vollständig abgerissen werden – Der Weinort Zeutern

Schwieriger ist die Lage in Zeutern. Da unter dem Ortskern die größten Braunkohlevorkommen vermutet werden, wird der Ort wohl zu einer völligen Wüstung werden – hier kann kein Gebäude erhalten werden. Die etwa 3000 Einwohner sollen in einer neu zu errichtenden Siedlung im Östringer Erlenwald ein neues Zuhause finden. Ab 2028 stoßen dann noch die umzusiedelnden Bewohner von Odenheim dazu. Vorläufiger Plan-Name für dieses Siedlungsprojekt ist „Zoternheim“.

Insgesamt umfasst das finanzielle Volumen des Großprojektes knappe 300 Milliarden Euro. Der größte Teil wird durch das Bergbau-Unternehmen „blague minière“ getragen, rund 30% stammen aus EU und Bundesmitteln. Die betroffenen Haus und Grundstückseigentümer erhalten in den kommenden Wochen erstmalige Informationen zu den genauen Modalitäten. Die zu erwartenden finanziellen Ablöse-Summen orientieren sich dabei am geschätzten Zeitwert der Objekte plus eines 25 prozentigen Aufschlages und einer individuell berechneten Entschädigung. Für Letztere gilt als Faustregel: Wer deutlich machen kann, dass ihm sein altes Zuhause ernsthaft fehlen wird, erhält mehr Zuwendungen als jene die eine weniger enge Bindung an die eigenen vier Wände haben.

Braunkohleabbau im Kraichgau - Drei Dörfer müssen weichen
Wer hat Platz für die Oberöwisheimer Kirche?

Ein besonders heikler Punkt sind die zahlreichen Kulturdenkmäler innerhalb der Evakuierungszone. Historische Gebäude wie Kirchen, Kapellen und Schlösser sollen dabei aufwendig abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Über die künftigen Standorte konnten die Verantwortlichen der unteren und oberen Denkmalbehörden zur Stunde noch keine Angaben machen. Sollten sich in der Bevölkerung jedoch Grundstückseigner finden, die sich vorstellen könnten auf Ihrem Grundstück eine oder mehrere Kirchen zu errichten, freue man sich auf eine entsprechende Kontaktaufnahme – so die Amtsleiter.

Abschließend führte der designierte Landwirtschaftsminister Guido Wolf noch einmal die wirtschaftlichen Vorteile des Mammut-Projektes ins Feld: So entstünden in der Region bis zu 4.500 neue Arbeitsplätze und durch die aktuell extrem hohen Export-Preise für fossile Energieträger könne der Kraichgau darüber hinaus zum Konjunktur-Motor der gesamten Bundesrepublik werden. Zwar rechne man mit vereinzelten Protesten in den betroffenen Gebieten, doch gehe man langfristig von einem hohen Maß an Zufriedenheit in Öwisheim und Zoternheim aus.

Informationen zu den geplanten Maßnahmen und ein Fragen-Antwort-Katalog für betroffene Grundstückseigner finden sie auf der Internetseite von blague minière   www.blague-miniere.fr/kraichgau-casse

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