Wo die Zeit stillsteht

In Gochsheim ist der Kraichgau noch wie früher

Wenn die Wellen des Alltages über meinem Kopf zusammenschlagen, wenn die Welt da draußen zu viel für mich wird – dann setze ich mich in die Stadtbahn und fahre nach Gochsheim. Denn hier ist die große weite Welt noch nicht angekommen – hier ist noch alles wie früher zu meiner Zeit. Ein Streifzug durch Gochsheim erinnert mich immer an meine Kindheit in Eppingen, als man dort noch zur Ländlichkeit stand und nicht auf große Kreisstadt machte. In Gochsheim sind sie noch alle da, die kleinen Gassen und Winkel meiner Jugend. Hier wurde noch nicht alles seelenlos auf Hochglanz saniert, sondern erzählt von einfacheren Zeiten. Es duftet nach Stall, nach Kühen und Hühnern. Wilde Hinterhöfe, Gärten voller Gemüse und Obst statt dämlich grinsender Gartenzwerge. Nur die neuen modernen Laternen passen mit ihrem kalten Licht nicht so recht ins Bild.

Hier leben und walten echte Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit das Dorf – das einst sogar eine Stadt war – am Leben erhalten. In Gochsheim herrscht noch das Sein, nicht der Schein. Alles ist echt, lebt und atmet seine Geschichte. Nicht jene der hohen Schlossherren, sondern die der kleinen Menschen, welche den Ort Jahrhunderte lang geprägt haben. Ich erinnere mich wie Pferdewägen durch die Gassen fuhren – die eisenbeschlagenen Räder auf dem Pflaster dröhnend. Wie die Wirtshäuser am Abend die Kehlen der durstigen Handwerker mit Most und Bier netzten. Wie die Bäuerin die Gänse über die Straße trieb und frisch gemangelte Laken über dem Hof trockneten. Ich erinnere mich daran wie schön es war als Schulbub durch mein altes Eppingen zu streifen und jeden Winkel zu entdecken – die Zeit zu vergessen und sich so richtig den Hosenboden schmutzig zu machen. Das Toben durch duftende Heuschober, das Rutschen durch alte Kohlenschächte und das Erklimmen alter knorriger Birnbäume. In Gochsheim fallen die Jahrzehnte von mir ab und ich bin im einen Moment wieder ein Bub, der noch zu staunen wusste und im nächsten Moment wieder der alte Mann, der seine Heimat so sehr lieben lernte. Bleib wie du bist Gochsheim – das Auge im wütenden Sturm der Zeit.

Ein Gastbeitrag von Alfons Ohmer

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