Verdammte Raser

Verdammte Raser
So kann es enden

Wenn das Leben anderer zum Spiel dazu gehört

Mittwoch-Nachmittag auf einer Landstraße irgendwo im Kraichgau. Ich bin mit meinem alten Opel gemütlich Richtung Supermarkt unterwegs um für das Abendessen einzukaufen. (Mittwochs koche ich – nicht gerade das kulinarische Highlight der Woche). Vor mir fährt ein Traktor mit Hänger gemütlich sein Tempo und aus dem Autoradio versuchen mir die Hansons vergeblich klar zu machen was ein MMMbop ist. Auf einmal schießt hinter mir ein silberner Honda heran. Im Rückspiegel kann ich den Fahrer sehen. Kurze blondierte und gegelte Haare, starrer Agro-Blick, sehr jung. Er gibt Lichthupe. Super, du Spacko – ich habe null Sicht am Traktor vorbei – nicht gerade die beste Voraussetzung um zu überholen. Ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren schert der Honda-Honk aus und zieht an meinem Opel vorbei. Was er nicht sieht – in der langen Rechtskurve in welcher diese Perle der Evolution zum Überholen ansetzt, kommt ihm ein silberner Van entgegen. Ich hupe wie verrückt um den Vollpfosten zum Abbruch zu bewegen, doch nix da. Er drückt aufs Gas , zieht am Traktor vorbei und drückt sich in der letzten Sekunde wieder auf die rechte Spur. Ich kann die Insassen des Vans jetzt besser sehen. Ich sehe einen vor Schreck erstarrten Vater der das Auto leicht auf den Grünstreifen steuern muss um eine Kollision zu vermeiden. Ich sehe eine Frau auf dem Beifahrersitz, der der Schreck ins Gesicht geschrieben steht und ich sehe einen Kindersitz mit einem kleinen blassen Gesicht darin. Das Bild hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt.

Lieber Raser, weißt du eigentlich was Du gerade fast vollbracht hättest? Um ein Haar hättest Du einen Familienvater dazu gebracht wegen deines rücksichtslosen Fahrverhaltens sein Auto von der Straße zu steuern. Dorthin wo alte Obstbäume stehen und jeden Kampf mit einer noch so stabilen Karosserie gewinnen würden. Siehst Du die Gesichter der Eltern vor Dir, wie sie mit dumpfem Schlag das Sicherheitsglas der Frontscheibe durchbrechen. Siehst Du das Blut, und die zum stummen Schrei geöffneten Münder? Hörst Du da Brechen des kleinen Brustkorbes auf der Rückbank und spürst Du wie der Aufprall das Leben aus dem kleinen Körper presst? Siehst Du wie die Bilder eines nie gelebten Lebens verblassen? Wie der Mensch den du gerade getötet hast, sich niemals verlieben, niemals Kinder bekommen wird und all den schönen Momente des Lebens entsagt? Hörst Du das Schreien und das Begreifen, des einen unglücklichen Tropfs der verdammt ist dies zu überleben?

Nein, das alles hörst Du nicht. Für Dich existieren diese Menschen nicht. Für Dich existiert nur Du. – Du erbärmliches kleines Arschloch. Erregt es Dich, wie Dich beim Fahren die Macht durchströmt? Das kleine bisschen Macht, dass Dir wahrscheinlich im Rest deines sinnentleerten Alltages völlig abgeht? Wenn die Kolben hämmern, das Röhren des Motors durch deine Lenden fährt und der Rest der Welt bedeutungslos wird. Dann zählt nur das Ich – dass allmächtige Ich. Dann nimmst Du in Kauf, dass andere auf der Strecke bleiben. Dass Familien ausgelöscht werden, Kinder sterben. Deine Motive sind mir egal. Stress im Beruf, Streit mit der Freundin, zu spät… geschenkt.  Was du tust, katapultiert Dich aus der Mitte unserer menschlichen Gesellschaft. Wer die stille Regel „Leben und Leben lassen“ bricht, soll verdammt sein und zur Hölle fahren. Wenn Du schon den Tod am Steuer in Kauf nehmen willst, dann setze dafür wenigstens nur dein eigenes kleines nutzloses Leben ein. Wickel Dich um einen Baum und lass uns in Frieden. Und noch nicht mal dann, würdest Du anderen keinen Schaden zufügen! Wusstest Du, dass unter einem tödlichen Unfall – abgesehen von den direkt Beteiligten – noch unzählige weitere Menschen für lange Zeit leiden? Die Feuerwehrler, die Sanitäter oder die Polizisten die die Bilder mit nach Hause nehmen müssen. Deren Angehörige die die Trauer auffangen… und so weiter und so fort.

Lieber Raser, du hast kein Recht dazu all diese Menschen in Deinen Sumpf aus Elend hineinzuziehen. Verschwinde aus unserem Blickfeld! Geh nach Hause, schließe die Fensterläden und komm erst wieder ins Sonnenlicht, wenn Du den Wert des Lebens als das zu betrachten gelernt hast was er war, ist und immer sein wird: Heilig und unantastbar!

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

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