Umleitungen in Kraichtal und Ubstadt – Ego frisst Anstand

Umleitungen in Kraichtal und Ubstadt - Ego frisst Anstand
So lesen viele die Sperrungshinweise

Kommentar

Wie Umleitungen und Straßensperren die Spreu vom Weizen trennen

oder: Bequemlichkeit versus Moral

Gleich vorneweg, als Autor dieses Kommentars muss ich mich in nicht unerheblichem Maße zur Misanthropie bekennen. Ich würde zwar gerne an das Gute im Menschen glauben, nach 20 Jahren als Journalist fällt mir das aber mit jedem Tag schwerer. Wilhelm Busch hat es wunderbar auf den Punkt gebracht: Sein Prinzip ist überhaupt: „Was beliebt, ist erlaubt. Denn der Mensch als Kreatur hat von Rücksicht keine Spur.“

Wir Menschen funktionieren im sozialen Verbund solange die Begebenheiten stabil bleiben. Ändern sich jedoch die Rahmenbedingungen und erkennen wir dadurch persönliche Nachteile, so sind Vernunft, Rücksicht und Nächstenliebe schnell vergessen. Das kann man im Großen – wie zum Beispiel gerade in Griechenland – beobachten, aber auch im Kleinen wie hier vor unserer Haustür zwischen Kraichtal und Ubstadt.

Zwei gesperrte Straßenabschnitte in denen dringend notwendige Sanierungsarbeiten durchgeführt werden müssen, rufen in den beteiligten motorsierten Betroffenen auf der einen Seite Edelmut und Gemeinschaftsgefühl und auf der anderen puren asozialen Egoismus hervor.

Die ersatzweise Bereitstellung einer dreispurigen Brücke über Ubstadt ist eben einfach nicht möglich

Doch was war geschehen: Sowohl in den wichtigen Ortsdurchfahrten von Ubstadt als auch im Kraichtaler Teilort Unteröwisheim wurden Straßenarbeiten notwendig – das muss eben alle paar Jahrzehnte so sein – mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Die alternativen Verbindungswege sind in besagter Gegend nicht gerade zahlreich, also entschied man sich seitens der Verwaltungen für eine simple Doppelstrategie: Der überörtliche Verkehr sollte großräumig umgeleitet werden und die strukturell schwachen Ausweichstrecken nur den direkten Anliegern und Kunden der von der Sperrung betroffenen Einkaufsmärkte vorbehalten bleiben. Dieser Plan hatte von Anfang an einen fatalen Fehler, setzte er doch etwas voraus mit dem die breite Masse offenbar nicht dienen kann: Anstand und Rücksicht. Hätten sich alle an die Regeln gehalten und manche eben für drei Monate in den sauren Apfel gebissen, wäre dieser Plan auch aufgegangen.

Umleitungen in Kraichtal und Ubstadt - Ego frisst Anstand
Kein Grashalm dürfte hier platt gedrückt sein

Ego frisst Anstand

Doch es kam anders: Eine gigantische Zahl an Auto und LKW-Fahrern pfiffen auf die Regelung, quetschten sich Tag für Tag durch die provisorische Kulanz-Umfahrung und legten den Verkehr so teilweise fast lahm. Sowohl Anwohner als auch die Verkehrsbetriebe konnten diese linear anwachsende Eskalation nicht länger hinnehmen und intervenierten. Die Verwaltungen reagierten und schlossen notgedrungen das Schlupfloch. Daraufhin lief Mütterchen Internet zu Hochformen auf und vereinte hunderte Facebook-User zu einem Shitstorm der noch am selben Tag durch die Datenleitungen in die Rathäuser schwappte. Dort reagierte man blitzschnell und offerierte der empörten Online-Gemeinde quasi in Echtzeit eine alternative Umleitung, die binnen 24 Stunden einsatzbereit war.

Doch es kam auch hier wie es kommen musste – der unvermeidbare „Faktor Mensch“ hielt im System Einzug. Die Variante setzt darauf, dass die Verbrauchermärkte für Kraichtaler zwar erreichbar bleiben aber jene danach nicht den besagten Schleichweg nach Ubstadt nutzen dürfen sondern auf selber Route wieder nach Kraichtal zurückkehren. Die Ubstädter wiederum sollen den kleinen Weg nur zum Einkaufen verwenden und nicht als Transitroute Richtung Kraichtal. Das nun Folgende lag auf der Hand: Das Gebot wurde zur Empfehlung und schließlich zur Farce. An der Stelle an der direkt von der Landesstraße in den Ausweichweg abgebogen werden kann, bildete sich durch hunderte wenn nicht tausende regelwidrige U-Turns bereits braunes Steppenland. Die Tempo 30 – Beschränkung auf der Umleitungsstrecke dient für viele indes offenbar nur noch als rot-weißes Design-Element und selbst vor dem eigenmächtigen Versetzen von Absperrungen schrecken einige nicht zurück.

Eine Lösung gibt es nicht?

Auch mir ist klar, dass wir hier nicht von der Mehrheit der Autofahrer sprechen. Wahrscheinlich hält sich der Großteil der Streckennutzer sogar an die wichtigsten Spielregeln.. Aber deren Engagement verpufft im Nirvana solange auch nur jeder Fünfte sich wie die Axt im Walde aufführt. Es sind jene Egoisten denen wir es zu verdanken hätten, würden die Ordnungsämter auch diese Strecken schließen müssen. Was bliebe Ihnen dann auch noch anderes übrig? Eine Hundertschaft Polizisten an den neuralgischen Punkten aufstellen? Videoüberwachung? Wohl kaum. Das Fatale: Es gibt für das Dilemma keine 100% ordentliche Lösung – jedes Modell setzt auf Vernunft und Anstand und damit auf Ressourcen über die viele Zeitgenossen schlicht nicht zu verfügen scheinen. Die Gemeinden können Zeit und Raum nicht krümmen – die Baustellen sind notwendig, die Sperrungen unvermeidlich. Wat mut das mut, würden die Norddeutschen sagen. Was bleibt also übrig? Genau! In den bereits erwähnten sauren Apfel beißen.  Anständig fahren und an die Regeln halten, auch wenn das bedeutet am Ende als Depp dazustehen. Erlauben Sie mir an dieser Stelle bitte schon wieder ein Zitat – diesmal von Albert Camus: “Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.”  Bleiben Sie standhaft, ärgern Sie sich aber lächeln Sie dann wieder, posten Sie Ihren Frust nicht als Brennstoff für mehr davon im Netz und bewahren Sie sich Stolz und Würde. Irgendwann wird auch diese Baustelle zu Ende gehen, doch die höchste Krone des Helden ist am Ende die Besonnenheit.

Ihr Philipp Martin

PS: Am Anfang war das Wort. Am Ende das Zitat 😉

Ähnlicher Artikel

Landshausen lacht über die Erbtante aus Afrika

Landshausen lacht über die Erbtante aus Afrika

Das Amateurtheater des DRK Odenheim begeistert erneut Das Erfolgsrezept aus dem letzten Jahr funktionierte auch…
Der Nikolaus zu Gast in Weiher

Der Nikolaus zu Gast in Weiher

Leuchtende Kinderaugen auf dem Weiherer Nikolausmarkt 2017 Eigentlich ist es ja schon selbstverständlich, dass der…
Alle Weihnachtsmärkte 2017 im Kraichgau

Alle Weihnachtsmärkte 2017 im Kraichgau

Die schönste Zeit des Jahres steht bevor Hurra, es weihnachtet bald wieder im Kraichgau. Schon…
Jürgen kann!

Jürgen kann!

Werbung Wenn´s ums Zweirad geht ist Jürgen Euer Mann Seit 1994 sorgt Jürgen Diewald in…