Straight outta Amsterdam oder Long live the Kaff

Keine Stadt der Welt kann so schön sein wie dein Heimatdorf

Städtereise. Kein Wort gruselt mich so sehr wie dieses. Anstatt in eine Stadt zu reisen, würde ich mir lieber….lassen Sie mich nachdenken….ein Klistier mit Coca Cola legen lassen, mit dem Akkubohrer Entlüftungslöcher in die Kniescheibe bohren oder einen Monat vegan leben (Nein, das dann doch lieber nicht). Nun begab es sich aber zu einer Zeit, da meine Frau auszog um zu unserem Hochzeitstag ein Geschenk zu besorgen. Am besagten Morgen – als ich mit einem reich bestückten Frühstücks-Tablett ans Bett trat (in der irren Hoffnung, das Thema Hochzeitstag wäre damit erledigt), überraschte meine bessere Hälfte mich mit einem strahlenden Lächeln und zwei Tickets für ein romantisches Wochenende in Amsterdam. Ich war so gut wie geliefert…Ich der schon bei einem Kurzaufenthalt in Heidelberg oder Karlsruhe die Vollkrise bekommt, sollte nun ins Land der Volltulpen fahren…. Doch wenn eine Frau einen Wunsch anlässlich ihres Hochzeitstages äußert, ist das genauso wie Sex mit Mike Tyson….du kannst Dich dagegen wehren…aber es wird dennoch passieren.

Drei Wochen später stehe ich also mit den gebrochenen Gesichtszügen eines toten Mannes am Bahnsteig 3 in der Amsterdamer Centraal-Station und lausche den Lautsprecher-Ansagen in dieser Sprache die klingt als ob ein betrunkener Saarländer versucht eine Fischgräte auszuwürgen. Offenbar haben wir den perfekten Zeitpunkt für einen Aufenthalt in der Stadt gewählt. Sommerferien in Holland, Deutschland, Belgien und Frankreich sowie 26 Grad bei purer Sonne haben wohl in einigen anderen Menschen auch den Wunsch nach einem Städtetrip aufkommen lassen. So kotzt uns das Bahnhofsportal mit einem Schwung Mitreisender auf den Vorplatz in eine kleine Gruppe von etwa dreiundvierzig Milliarden Touristen.

Die beste Möglichkeit Amsterdam zu entdecken, besteht mittels einem der tausend Touri-Schlepperbooten auf den unzähligen Kanälen der Stadt, auch Grachten genannt. In einer endlos langen Schlange warten wir auf die Einschiffung wie Schlachtvieh. Während wir warten drückt mir die gesamte Einwohnerschaft von Tokio abwechselnd ein Ipad in die Hand um einen Schnappschuss an der Kai-Mauer einzufangen. „Europas große Städte in 5 Tagen“ erklärt mir eine der stets gut gelaunten Lotusblüten ihr Reiseprojekt und liefert gleichzeitig eine verblüffend kompakte Umschreibung meines persönlichen Nimbus.

Zwei Stunden später haben wir Amsterdam in unserem Touri-Dampfer mit etwa 2 km/ h durchquert und dabei so eng beieinander gestanden wie in einem Landungsboot an der Normandie. Aber anstatt das Glück zu haben bei der Anlandung gleich von Maschinengewehrsalven durchsiebt zu werden, musste ich nun die Stadt zu Fuß erkunden. Die Stadtplaner haben ihre unübersehbare Liebe zu Radfahrern und ihren ebenso unübersehbaren Hass auf Fußgänger voll ausgelebt. Während für Radfahrer überall megabreite Schnellstraßen angelegt wurden, teilen sich die 356 Billiarden Touristen zu Fuß einen 3,5 Zentimeter breiten Gehweg. Wenn man den Fuß dabei auf die Highspeed-Strecke der Radler setzt, beginnt ein wildes Hup und Klingelstakkato der Drahtesel-Faschisten. Amsterdam, meine Perle… Wäre in deinen mit Wasser und Menschen gefüllten Eingeweiden nicht der Konsum weicher Drogen so herrlich legal, so hätte ich mich sicher in einer Kiste Tomaten ertränkt und meinen Kraichgau nie wieder gesehen…

Ach ja, mein Kraichgau. Im Vergleich zu Amsterdam musst du dich nicht verstecken…. Ich liebe alles an Dir. Deine Ruhe, deine Gelassenheit und vor allem: Deine Beständigkeit. Während die Welt um uns herum von einer Neuerung zur nächsten hastet, kriecht in Dir die Zeit noch gemächlich auf ihrem Weg voran. Wir diskutieren alles so lange bis die zugrunde liegende Idee so überholt ist, dass deren Umsetzung am Ende ohnehin keinen Sinn mehr machen würde… Wir lieben das Vertraute und das Bewährte. Unsere Kneipen heißen Rose, Adler und Löwe… Wir trinken Asbach-Cola und Hefeweizen… Wir grölen während wir mit Fräsen durch den Matsch fahren, Wir bruddeln über alles und jeden, Wir helfen einander wenn es darauf ankommt (aber wirklich nur dann), Wir sind gerne draußen, Wir sind gerne unter uns, Wir feiern gerne, essen gerne und wissen dabei nicht einmal wie man vegetarisch oder vegan schreibt… Wir lieben unsere Hügel, unsere Familie, unsere Freunde.. unsere Politiker wissen genau dass wir sie dann wählen, wenn sie dafür sorgen dass alles so bleibt wie es ansonsten beim Fassanstechen belassen….. Wir sind in mancher Hinsicht Hinterwäldler und haben für die Highspeed-Gesellschaften in den Städten nur ein mitleidiges Lächeln übrig….Wir sind…gut wie wir sind… wir sind echte Hügelhelden!

So long Amsterdam…während du am Wochenende beim großen Grachten-Kulturfestival mit Künstlern aus aller Welt und Top Acts aus der Showbranche die Sekt-Korken knallen lässt, werden wir in Odenheim beim Hewl-Cup Bier aus Humpen trinken und unsere Artgenossen beim Schlammfressen auf gepimpten Hakos anfeuern. Ich würde für nichts auf der Welt damit tauschen.

Eine Kolumne von Thomas „Tommy“ Gerstner

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