Nach Eppingen und Landshausen – Das mysteriöse Sterben der NSU-Zeugen geht weiter

Nach Eppingen und Landshausen - Das mysteriöse Sterben der NSU-Zeugen geht weiter
Das damalige Fahndungsplakat der Bundesanwaltschaft

Ein weiterer Todesfall im Umfeld der NSU-Zeugen wirft Fragen auf

Etwa zwei Jahre ist es nun her, dass die 20-jährige Melissa M – Ex-Freundin des ehemaligen Eppinger Neonazis Florian H. – in Kraichtal-Landshausen mit heftigen Krämpfen aufgefunden wurde und kurze Zeit später starb. Die daraufhin durchgeführte Untersuchung der Leiche ergab einen natürlichen Tod in Folge einer Lungenembolie. Gegenüber der dpa bestätigte damals Staatsanwalt Tobias Wagner, dass man sich der Brisanz des Falles bewusst sei – um eine mögliche Vergiftung auszuschließen, wurden durch die Forensiker daher noch tiefer gehende Untersuchungen in die Wege geleitet. Deren Ergebnisse bestätigten die diagnostizierte Lungenembolie. Im Rahmen der chemisch-toxikologischen Untersuchung konnten laut Aussage der Ermittler keine verdächtigen Substanzen festgestellt werden – die oft gehörte Theorie, Melissa M. sei vergiftet worden, wäre demnach widerlegt.

Wie mehrere Medien bestätigen, handelte es sich bei der Toten um die Ex-Freundin des ehemaligen Neonazis Florian H. aus Eppingen, von dem behauptet wurde dass er wichtige Informationen über den Tod der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn habe. Diese war am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn mit einem gezielten Kopfschuss getötet worden. Bevor die Ermittler mehr darüber in Erfahrung bringen konnten, verbrannte Florian H. aber in Stuttgart in seinem Auto. Auch dieser Fall ist bis zum heutigen Tag nicht gänzlich aufgeklärt worden. Die junge Frau aus Kraichtal hatte zuvor vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtages ausgesagt – nicht öffentlich, weil sie sich bedroht gefühlt hatte!

NSU-Zeugenkreis - Erneuter Todesfall in Kraichtal
Zwei NSU-Zeugen starben in Kraichtal-Landshausen
Auch Melissas Verlobter starb jung

Am 8. Februar letzten Jahres wurde dann Sascha W., der Verlobte von Melissa, in Kraichtal tot aufgefunden. Das berichten mehrere Medien, darunter der SWR, die Stuttgarter Zeitung und der Focus. Die Behörden gingen demnach von einem Selbstmord aus. Diese Annahme würde durch eine vorgefundene Nachricht und auch das vorläufige Obduktionsergebnis gestützt, hieß es weiter. Alles deute auf einen Selbstmord hin, zitierte die Stuttgarter Zeitung damals einen Sprecher der Karlsruher Staatsanwaltschaft. Die Leiche des 31-Jährigen wurde den Berichten nach in jener Wohnung in Landshausen gefunden, in der er zusammen mit Melissa M. lebte. Die hohe Zahl an Todesfällen im Kielwasser des NSU-Prozesses gibt indes weiter Rätsel auf und scheint ihren Höhepunkt offenbar noch nicht erreicht zu haben.

Nun der Todesfall Nummer 6

Vor wenigen Tagen starb nun in Ludwigsburg die erst 46-Jährige Corinna B. In den 90ern war sie Teil einer Gruppe von Neonazis die laut den Ermittlern des NSU-Ausschusses auch regelmäßigen Kontakt nach Jena zum Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe unterhielten. Corinna B. soll zudem mit einem Konzertveranstalter eng befreundet gewesen sein, der auch regelmäßig die Band „Noie Werte“ für Feste buchte. Deren Musik wurde später als Hintergrundmusik für die Bekenner-Filme im Nachgang von Aktionen der ersten NSU-Ausläufer genutzt.

Corinna B. die offenbar zuletzt in einem Pflegeheim lebte und krank gewesen sein soll, starb bereits am 2. Februar – die genauen Umstände lassen sich nicht mehr rekonstruieren, da die Leiche offenbar schnell eingeäschert wurde. Der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses Baden-Württemberg Wolfgang Drexler schreibt dazu in einer Presseverlautbarung :

…..Am Morgen des 8. Februar 2017 wurde der Tod der Zeugin durch das zuständige Standesamt bestätigt und die Sterbeurkunde übersandt. Da wir leider bereits mit bedauerlichen Todesfällen zu tun hatten, habe ich das Sekretariat sofort beauftragt, beim Innen- und Justizministerium nachzufragen, ob dort etwas vom Tod der Zeugin bekannt wäre. Nachdem bei uns gegen 10:20 Uhr weitere Informationen eingingen, dass die Einäscherung wohl im Laufe des Tages erfolgen werde, haben wir beim Justiz- und Innenministerium angeregt, dringend Maßnahmen zu erwägen, um die spätere Aufklärung nicht unmöglich zu machen bzw. zu erschweren. Leider war, wie wir später erfahren haben, wohl die Einäscherung bereits erfolgt, bevor wir uns erstmals an die Ministerien wenden konnten. Ich habe, insbesondere durch ein Schreiben vom gleichen Tag, dem Justizministerium mitgeteilt, dass der Ausschuss großes Interesse daran hat, zu wissen, ob die Zeugin eines natürlichen Todes gestorben ist und Fremdeinwirkung oder Fremdverschulden bei ihrem Tod ausgeschlossen werden kann. Nach einer ersten Antwort des Ministeriums habe ich am heutigen Tag die Obleute der Fraktionen im Ausschuss entsprechend in Kenntnis gesetzt……

Mit Corinna B. ist bereits der sechste potentiell wichtige Zeuge im NSU-Prozess ums Leben gekommen. Nach Sascha W, Melissa M, Florian H, Arthur C und Thomas R. alias „Corelli“ dürften daher erneute Zweifel und Fragen laut werden. Ein toter Zeuge mag Zufall sein, ein zweiter vielleicht auch noch… aber sechs tote Zeugen in einem Skandal dessen Ausmaße bis zum heutigen Tag noch nicht vollständig erfasst wurden, hinterlassen mehr als ein fades „Gschmäckle‘ am Gaumen.

Der Ausschuss wird nun in seiner nächsten Sitzung am 24. Februar 2017 den jüngsten Todesfall erneut thematisieren.  „Jetzt sind die Behörden vor Ort und die zuständigen Ministerien in der Verantwortung“, so Drexler. Er sei sicher, „dass die weiteren Abklärungen ebenso wie die Information des Ausschusses und der Öffentlichkeit mit der gebotenen vollständigen Gründlichkeit, Sorgfalt und Umsicht durch die zuständigen Behörden betrieben werden: „Ich bin zuversichtlich, dass die Behörden ihre Lektionen gelernt haben.“

 

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