Lang lebe das Vorurteil

Lang lebe das VorurteilStimmungsmache gegen Flüchtlinge nimmt zu

In den ersten 6 Monaten dieses Jahres gab es in Deutschland etwa 150 Gewaltakte gegen Flüchtlinge oder Flüchtlingsheime – bereits jetzt ist damit die Bilanz des gesamten Vorjahres übertroffen worden. Zu den jüngsten Übergriffen zählte der Brandanschlag auf die geplante Unterkunft in Remchingen – unmittelbar vor den Toren des Kraichgaus. Nun ist er da – der Terror von rechts, die armselige anonyme Feigheit in Aktion. Seit Monaten platzen in zunehmender Regelmäßigkeit die schwellenden Eiterbläschen des Hasses mitten in unserer Gesellschaft auf.

Bisher geschah das in unserer Region nur im Internet. Egal in welchem Zusammenhang über Flüchtlinge berichtet wurde – die Kommentare voller Hass, Missgunst und falscher Vorurteile ließen nicht lange auf sich warten. Hier können wir in Echtzeit die Nachteile des WorldWideWeb erleben, das es einzelnen Menschen erlaubt ihre plumpen und falschen Anfeindungen in aller Öffentlichkeit kundzutun. Diese Menschen gab es schon immer, doch beschränkte sich ihre Bühne früher auf die verrauchten und dunklen Stammtische mancher Kneipen.

Doch parallel zur steigenden Zahl an Flüchtlingen scheint auch der Grad an negativem Niederschlag zu steigen. Das Problem: Er beschränkt sich nicht mehr nur auf das Netz, wie die jüngsten Ereignisse in Remchingen zeigen. Kürzlich haben wir von einer Bürgerinformationsveranstaltung über Flüchtlingsunterbringung berichtet. Dort stand eine Frau auf und wollte wissen ob die Flüchtlinge Taschengeld erhielten. Als Erläuterung ihrer Frage gab Sie an, dass sie ja andernfalls damit rechnen müsse von „denen“ überfallen und ausgeraubt zu werden. In einer ähnlichen Veranstaltung redete uns ein Herr an und sprach sich für eine Lynchjustiz gegenüber Menschen in einer Sammelunterkunft aus. Es macht zunehmend sprachlos welchen Weg manche Menschen gleich rudelweise einzuschlagen scheinen. Es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht einen Sachverhalt ausgewogen und neutral darzustellen. In diesem Fall fällt das unheimlich schwer, denn es gibt keine Argumente die Hass, Ausgrenzung, Vorurteile und Demütigung untermauern. Diese Menschen liegen falsch denn ihre negative Energie richtet sich gegen Schwächere deren Schicksale mitunter Entsetzen auslösen.

In Waghäusel zum Beispiel leben in der dortigen Flüchtlingsunterkunft ehemalige Kindersoldaten. Als diese Knirpse teilweise noch nicht einmal 6 Jahre alt waren, kamen Männer in ihr Dorf gefahren. Sie drückten den Kindern Pistolen in die Hand und zwangen Sie gleich vor Ort ihre Eltern zu erschießen um alle Brücken zur Familie ein für alle Mal abzubrechen. Andere Flüchtlinge kamen nach Deutschland weil Sie in Ihren Ländern die falschen Worte geschrieben, den falschen Gott verehrt oder den falschen Menschen geliebt haben und dafür Gefahr laufen in Gefängnissen zu verschwinden oder ermordet zu werden. Kein Schicksal gleicht dem anderen, doch jedes einzelne hat es in sich. Diese Menschen nehmen eine gefährliche Reise auf sich, lassen ihre Heimat und Teile ihrer Familie zurück um diesen Systemen der Unterdrückung, der Angst und der völligen Willkür zu entfliehen. Wer kann ihnen das verdenken? Wer würde schon in einem Land leben wollen, in dem er jeden Tag mit der Angst im Nacken erwacht?

Angekommen in Deutschland bekommen die Flüchtlinge dann oft schon einen Stempel aufgedrückt bevor Sie die Schwelle der Erstaufnahmestelle übertreten haben. Es ist die pure Angst vor dem Neuen, dem Fremden und der Veränderung die den Widerstand anfacht. Dazu ein paar falsche Behauptungen sowie einseitige Informationen und fertig ist das Vorurteil.

Doch es gibt auch die andere Seite – jene von der man nur hoffen kann, dass sie weit größer ist als die hier beschriebene. Gute, offenherzige Menschen die es für selbstverständlich ansehen, dass ein reiches und freies Land wie Deutschland den Flüchtlingen nachhaltig hilft. Es sind die Menschen die in den sozialen Netzwerken (!!) deswegen als „Gutmenschen“ verspottet werden. Gefühlt überwiegen mittlerweile die negativen Kommentare im Netz, so dass man es sich als „Gutmensch“ zweimal überlegt ob man argumentativ dagegen hält nur um dann mit digitalen Exkrementen beworfen zu werden. Manchmal hilft es die emotionsdurchtränkten Parolen einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Die Menschenrechtsorganisation „Pro Asyl“ hat auf ihrer Internetseite die gängigsten Vorurteile zusammengefasst und mit harten Fakten konfrontiert.

Wir dürfen nicht erlauben, dass in unserer Mitte die Vorurteile weiter Land gewinnen. Vorurteile sind die Hindernisse auf der Straße des Lebens und der einzige Weg sich ihrer zu entledigen ist mit Aufklärung dagegen zu halten. Auch wenn es mühsam ist – wann immer Sie mit Halbwissen, Ängsten und Vorurteilen konfrontiert werden: Halten Sie dagegen. Erklären Sie, Erzählen Sie und geben Sie nicht auf. Auch wenn schwerlich eine Kehrtwende im ersten Moment zu erwarten ist, so höhlt doch der stete Tropfen hoffentlich noch immer den Stein.

 

Beurteile nie einen Menschen bevor du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokassins getragen hast. -Indianische Weisheit-

 

Linktipp: Der Fluch der Vorurteile (erschienen in der Zeit)

 

Linktipp: Videoexperiment Fremdenhass (erschienen auf Spiegel Online)

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