Konverter und Windräder im Kraichgau – Die schwere Geburt der Energiewende

Konverter und Windräder im Kraichgau - Die schwere Geburt der EnergiewendeÜberall in der Region regt sich Widerstand gegen die ersten Ausläufer der Energiewende

Warum wir nun einfach tapfer sein sollten

Eine Meinung von Thomas Gerstner

Unser Kraichgau. Gemütlich, sympatisch und idyllisch – nicht ganz so hip wie das große Karlsruhe oder das coole Mannheim, aber dafür viel liebenswerter. Hier laufen die Uhren noch etwas langsamer. Doch auch unser kleines Hügelland ist ein Teil der großen, weiten Welt – auch wenn uns das oft nicht behagt. Diese große, weite Welt strömt mit immer größerer Kraft zu uns herein und lässt sich kaum noch ausblenden. Im einen Moment sehen wir abends auf der Couch die blutigen Konflikte in Syrien oder dem Iran in der Tagesschau und am nächsten Tag treffen die flüchtenden Menschen in unserer Mitte ein um hier Unterschlupf zu suchen. Manch einem behagt das nicht und schnell hat man ein paar Vorurteile zur Hand mit dem man versucht dem Neuen Einhalt zu gebieten. Oft findet sich die Ursache hierfür noch nicht einmal in wirklichem Fremdenhass sondern in der Furcht vor der Veränderung. Wenn wir ehrlich sind ist es eine Furcht die wir alle kennen, doch der die Besonnenen zu folgen nicht bereit sind. Schließlich sagte schon Goethe als er einst durch den Kraichgau reiste: “  Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefaßt sein“.

Konverter und Windräder im Kraichgau - Die schwere Geburt der EnergiewendeDie große Welt im kleinen Kraichgau

Doch hier und heute soll es nicht um Kriege und Flüchtlinge gehen, sondern um eine andere Art von Wandel die nun den Kraichgau erreicht. Und wieder war es die abendliche Tagesschau die die ersten Schatten voraus warf. Wir erinnern uns: Es war etwa Mitte März 2011 als nach einem schweren Erdbeben gleich drei Reaktorblöcke im  im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi explodierten und uns 10.000 Kilometer weiter das Blut in den Adern gefrieren ließen. Klar, seit 1986 und der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war eine Menge Zeit vergangen und wie heißt es doch so schön: Aus den Augen, aus dem Sinn.  Doch mit einem Mal war uns wieder klar dass unter den grauen Kuppeln in Philippsburg keine Hühnersuppe gekocht wurde, sondern eine Reaktion stattfand die außer Kontrolle unseren geliebten Kraichgau für Generationen unbewohnbar machen konnte. Ähnliche Gedanken gab es überall im Land und unsere Regierung reagierte. Am 30. Juni 2011 beschloss der Bundestag das „13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes“ – kurz gesagt: Goodby Atomkraft – Hallo erneuerbare Energien. Viele von uns waren begeistert und Feuer und Flamme für das was kommen möge. Indes war das Aufheulen der Energieversorger groß: Atomenergie wäre alternativlos, die Kosten würden ohne sie explodieren. Doch dürfen wir dabei eines nicht vergessen: Die „günstige“ Atomenergie ist deshalb so günstig, weil wir die Kosten dafür unseren Kindern, deren Kindern und deren Kindern aufbürden. Hätten die Energieversorger die Entsorgung von Atommüll und den Rückbau der Kraftwerke von vornherein in ihren Kalkulationen berücksichtigt, wären sie unweigerlich zu dem Schluss gekommen: Atomenergie lohnt sich nicht. Doch alles Wehklagen half nichts – die Tage der Atommeiler auf deutschem Boden sind gezählt und nun steht die Frage im Vordergrund: Was nun?

Konverter und Windräder im Kraichgau - Die schwere Geburt der EnergiewendeIm Grunde fällt die Antwort darauf leicht: Neue nachhaltige Technologien entwickeln und bis dahin Bestehende zum Einsatz bringen. Das wären Windkraftanlagen und Solarparks die in großer Zahl gebaut werden müssen um den gewaltigen Energiehunger dieser Nation zu stillen. Genau an dieser Stelle sind wir nun wieder im Kraichgau angelangt. Auf vielen unserer Hügel sollen solche Windkraftanlagen entstehen,  und die großen Stromleitungen die den Strom von den Offshore-Windparks an der Nordsee zu uns transportieren, sollen in einem XXL-Konverter bei uns münden. Genau hier erfährt die Begeisterung für die Energiewende bei manchem Kraichgauer einen kolossalen Dämpfer. Lapidar ausgedrückt könnte man sagen: Energiewende ja – aber bitte nicht vor meiner Haustür. So einfach ist es natürlich nicht!  Gerade die Region Philippsburg, Waghäusel und Oberhausen-Rheinhausen hat durch das Atomkraftwerk und seine atomaren Zwischenlager schon einiges an Lebensqualität einbüßen müssen. Das hier niemand froh über einen XXL-Konverter ist, verwundert daher kaum. Wie emotional dieser Konflikt mittlerweile geführt wird hat sich bei den bisherigen Bürgerinformationsveranstaltungen gezeigt: Die Mitarbeiter der Netzbetreiber wurden von aufgebrachten Bürgern auf Schärfste angegriffen – eine zweite Veranstaltungen wurde kurzfristig abgesagt.

Zoff um Windkrafträder 

Konverter und Windräder im Kraichgau - Die schwere Geburt der Energiewende
Infobriefe im Heidelsheimer Wald

Ähnlicher Widerstand regt sich auch überall dort wo Windkraftanlagen entstehen sollen. Im Heidelsheimer Wald hängen alle 200 Meter laminierte Brandbriefe die die Bürger auf die mögliche Aufstellung von Windrädern auf dem Hornbuckel aufmerksam machen sollen. Tatsächlich hat der Regionalplan Mittlerer Oberrhein das Gebiet als möglichen Aufstellungsort in Betracht gezogen – ein Vorhaben über das heute Abend (Dienstag, 12. Mai, 19 Uhr) im Sitzungssaal des Rathauses Heidelsheim informiert werden soll. Die Argumente gegen Windräder sind überall in Deutschland ähnlich: Sie verschandeln das Landschaftsbild, erschlagen vorbeifliegende Vögel, bedrohen Nistplätze und machen Lärm. Auch hier könnte man leider zusammenfassend sagen: Saubere Windkraft ja bitte, aber nicht hier bei uns. Nachvollziehbar sind die Argumente durchaus. Klar sieht der Hornbuckel ohne Windräder schöner aus, die Spazierstrecke über die Heidelsheimer Weinberge gehört zu den Schönsten im ganzen Kraichgau. Natürlich hätten die Windräder Auswirkungen auf manche Tierarten im Wald und vielleicht würde man sie auch hier und da hören können… Aber wenn wir so argumentieren werden wir NIRGENDWO in Deutschland geeignete Aufstellungsorte finden. Es wird immer eine Vogelart geben die wir vorschieben können, immer ein gestörtes Landschaftsbild.

Egal ob es ein Konverter ist oder ein Windpark – Ohne Kompromisse geht es nicht.

Die grundsätzliche Frage dahinter, ist die der Alternativen: Entweder bleiben wir bei der Atomenergie und häufen für unsere Nachfahren einen gigantischen Haufen an Abfall an den sie niemals bewältigen können, oder wir ziehen die Energiewende entschlossen durch. Mit all ihren Kompromissen, Einschränkungen und unfairen Verteilungen. Wer vernünftig argumentiert dürfte eigentlich keine stichhaltigen Argumente für die Atomenergie finden. Allein der Unterschied ob ein Flugzeug in einen Kernreaktor stürzt oder in einen Windpark sollte die Phantasie genug beflügeln. Oder was glauben Sie wie der Heidelsheimer Hornbuckel nach einem Super-GAU in Philippsburg aussehen würde? Bitte verstehen Sie mich  nicht falsch: Alle Argumente gegen einen Konverter oder Windräder sind absolut stichhaltig und vernünftig, doch was am Ende bleibt ist die Frage nach den Alternativen oder dem berühmten kleineren Übel. Umsonst ist im Leben bekanntlich nichts: Atomenergie kostet Sicherheit und gefährliche Abfälle und die Energiewende kostet Einschränkungen in unserem Lebensumfeld. Schreiben sie sich die Vor und Nachteile beider Optionen auf ein Blatt Papier und betrachten Sie es… Ihr Selbsterhaltungstrieb wird sofort reagieren.

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