Geschäfte wieder offen – Hungertod Tausender abgewehrt

manfredrichter / Pixabay

Alles zu jeder Zeit – Keine Kompromisse!

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Es waren schon herzzerreißende Szenen die sich da heute morgen vor einem großen Bruchsaler Einkaufsmarkt abspielten: Der bis auf die Knochen abgemagerte Vater, der sich auf Ellenbogen durch die große Glastür schiebt und die erste Lebensmittelpackung aufreißt die er mit zittrigen Händen erreichen kann. Wie er mit tränenüberströmtem Gesicht das Paniermehl mit bloßen Händen in den Mund schaufelt und dabei durch die Glasfassade auf den Parkplatz zu seiner Familie hinausblickt, die den kräftezehrenden Weg vom Auto zum Markt wohl nicht mehr geschafft hat. So wie es diesen braven Menschen geschah, erging es auch unzähligen anderen Kraichgauern – sie alle wurden Opfer des grausamen Rituals, das den Namen trägt: „Über Weihnachten geschlossen“. Man muss sich dieses menschenverachtende Gebaren nur einmal vorstellen: Die Händler wagen es einfach ihre Läden für drei Tage zu schließen und die auf sie angewiesenen Menschen schändlichst im Stich zu lassen. Dabei treten Sie nicht nur die Charta der Menschenrechte mit Füßen sondern auch das in den letzten Jahrzehnten de facto zur Verbindlichkeit mutierte Gesetz „Alles muss immer zu jeder Zeit für jeden verfügbar sein“. Wenn ich morgens um vier Uhr eine Pizza will, muss mir die irgend ein armes Schwein zubereiten und bringen… Wenn ich wie jedes Jahr zu blöd war meine Weihnachtsgeschenke im November zu besorgen, muss mir ein unterbezahlter Lohn-Sklave die Pakete auch noch am 23.12. in die Wohnung schleppen und den 25 Kilo-Sack Katzenstreu bitte gleich auch – ach ja, und nimm bitte die 14 Paar Winterstiefel wieder mit, von denen ich zwar 15 Paar bestellt, aber nur eines  behalten will. Mir doch egal, dass die Scanner-Schubser an der Kasse oder die Bringdienst-Spastis auch Familie und ein Leben haben… es geht hier immerhin und ausschließlich um mich…ist doch Weihnachten!

Wer sich am Tag vor Weihnachten oder wahlweise einen Tag danach auf einen Supermarkt-Parkplatz stellt, dem kann nur das kalte (Kotzen) Grausen kommen. Offenbar ist niemand mehr in der Lage auf Vorrat einzukaufen oder etwas intelligenter mit seinen Ressourcen zu wirtschaften. Ehrlich gesagt bekomme ich eine Heidenangst wenn ich sehe, wie sich die ganze Welt auf eine absolute und permanente Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen verlässt. Was aber, wenn die Lieferkette nur für – sagen wir – eine Woche unterbrochen würde?? Ich bin angesichts der immer wiederkehrenden Bilder fast sicher, dass es zu Mord und Totschlag kommen würde. Jeder wäre sich selbst der Nächste und das Drama nähme seinen Lauf. Als in diesem Jahr die Debatte über die Öffnung der Supermärkte an Heiligabend – einem SONNTAG – aufkam, bin ich dann völlig vom Glauben abgefallen. Whoaaat? Sind wir denn tatsächlich zu blöd geworden uns vorausschauend für ein paar Tage mit Nahrung einzudecken? Und kommt mir jetzt nicht mit den Senioren, die nicht mehr auf einen Schlag so viel tragen können… gerade die Älteren wissen, dass man immer einen gewissen Vorrat zuhause haben sollte und genau jene würden wahrscheinlich am längsten ohne Einkäufe durchhalten. Oder das doofe Argument: Wenn aber jemand was wichtiges für das Weihnachtsfest vergessen hat? Verdamm mich, dann hat er´s eben vergessen! Soll er sich ein Ei backen und kurz an die aus der Mode gekommene Bedeutung des Festes denken. Aber nööö: Man sitzt lieber in seinem überheizten Wohnzimmer – reich geschmückt mit überteuertem Deko-Kram aus der nächsten Depot-Filiale, hört die Krissmäääs-CD von Michael Bublé, frisst den lieben langen Tag und kommt sich wie der reinste Samariter vor wenn man beim Helene-Fischer-TV-Special mit einer Spenden-SMS 80 Cent an die armen Negerlein in Afrika hat springen lassen….

Wann sind wir eigentlich zu unmündigen, verzogenen Kinder geworden die immer dann am lautesten schreien, wenn die Sklaven des 24/7-Service irgendwo mal Ausfallerscheinungen zeigen? Wo sind die Werte wie Gelassenheit, Dankbarkeit und vor allem die Demut hin entschwunden? Ich weiß es nicht, aber ich hätte sie gerne wieder zurück. Denn irgendwie waren die Weihnachtsabende früher in den wilden 80ern meiner jungen Jahren doch auch machbar? Einkaufen ging bis 18, am Samstag bis um 12 Uhr, Internet gab´s keines und wenn mal ein Geschenk oder eine Zutat fürs Essen vergessen wurde, dann haben wir eben noch Gutscheine gebastelt oder die Nachbarn haben ausgeholfen. War früher also alles besser? Nö! Aber wir waren zumindest nicht ganz so verweichlichte Jammerlappen, die schon die Krise kriegten wenn der Postbote nicht jeden Tag kam oder der Supermarkt mal etwas länger zu hatte. Alles zu jeder Zeit – Keine Kompromisse! – Dieses Credo hat erst in den letzten Jahren Einzug gehalten und es ist gefährlich! Fragt Euch nur: Was wenn dieser Rundum-Sorglos-Service eines Tages mal versagen würde? Apokalypse, ick hör dir trapsen. Und jetzt entschuldigt mich, gerade hat der Paketbote geklingelt – der dummen Sau werde ich jetzt mal Bescheid stoßen was es heißt, hier einfach drei Tage am Stück nicht aufzuschlagen…. der 100 Kilo-Sack Hundefutter für die beiden Doggen fliegt schließlich nicht alleine in den 10. Stock. (PS: Aufzug kaputt)

Auf ein gutes neues Jahr im Schlaraffenland

Herzlichst

Euer Tommy

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