Die verdammte Sechzehn

Die verdammte SechzehnDreieinhalb Stunden Gochsheimer Wasser-Showdown

Es ist heiß hier im Büro, die Zeiger der Uhr nähern sich Mitternacht und in meinem Kopf dreht sich alles. Dreieinhalb Stunden saß ich gerade zusammen mit rund 350 Menschen aus Kraichtal in der Mehrzweckhalle Gochsheim um das mitzuerleben was auf dem Papier den formalen Titel „Bürgerversammlung“ trug. Doch es war weit mehr als das – eine durch und durch anstrengende Mischung aus zu vielen Informationen und ebenso vielen Emotionen. Eine Welle nach der anderen, bestehend aus Fakten, Worten, Gespött und Gejohle brandete heute Abend durch die überhitzte kleine Halle vor den Toren Gochsheims. Seite für Seite füllte sich mein Notizblock mit Stichworten aus den detailreichen Vorträgen der zahlreich vertretenen Experten, Politikern und Bürgern.

Für einen klaren Gedanken war während des sich immer weiter aufschaukelnden Bombardements aus Zahlen, Daten, Vorwürfen, Spitzfindigkeiten und halbgarer Rhetorik kaum noch Raum. So manches mal fragte ich mich ernsthaft um was es hier eigentlich gerade geht. Meines Wissens nach um eine zukünftige, veränderte Beschaffenheit des Trinkwassers in einigen Ortsteilen der Stadt Kraichtal. Orientierte man sich nur am Gebaren und an der Intensität der Debatte, hätte ein Außenstehender jedoch auch leicht zu dem Schluss kommen können, die Stadtverwaltung hätte die Herausgabe des Erstgeborenen aus jeder Familie gefordert oder ausgiebige Atombombentests in der Tongrube Gochsheim anberaumt.

Die verdammte SechzehnNein, im Grunde geht es bei der gesamten Diskussion „nur“ um die veränderte Beschaffenheit des Kraichtaler Trinkwassers, wenn die marode und in die Jahre gekommene Infrastruktur bestehend aus Hochbehältern, Leitungen und Pumpstationen einmal modernisiert und saniert wurde. Das es sich dabei um eine Notwendigkeit handelt stellt niemand in Frage – weder die Stadtverwaltung noch die Bürger. Kritisiert wird im Wesentlichen neben der Informationspolitik, der steigende Wasserhärtegrad in Gochsheim. Immer aufgebrachter führten die Fragesteller die daraus resultierende, verkürzte Lebenszeit von Armaturen, Wasch und Spülmaschinen an, die im Laufe des Abends weiter und weiter abnahm.

Andere fühlten sich von der Stadt nicht ausreichend informiert und dadurch verkauft und verraten. Man könnte jetzt viele Argumente ins Feld führen. Zum Beispiel das in einer öffentlichen Gemeinderatssitzung die von den Bürgern gewählten Vertreter die Pläne mit einer starken Mehrheit abgenickt haben… Oder dass der absolute Großteil der Menschen in Baden-Württemberg mit hartem Wasser, das durch seine mineralischen Eigenschaften vielen sogar als gesünder gilt, glücklich und zufrieden lebt.

Aber im Grunde geht es darum nicht. Es geht nicht um abstrakte Fakten, wallende Gefühle und all den anderen Wust der sich in den letzten Wochen wie eine zähe Kruste um des Pudels Kern gelegt hat. Letztlich – wenn man all das wegnimmt – bleibt eine kleine Zahl übrig: Sechzehn. Einfach nur die Sechzehn. Sie ist es die als vermeintlich zukünftiger Wasserhärtegrad in Gochsheim alles ins Rollen und die Menschen in Rage gebracht hat. Entnommen wurde Sie als Schätzwert aus dem Szenario das die verabschiedeten Pläne eines zentralen Hochbehälters mit Mischwasserspeisung vorsehen.

Die verdammte SechzehnDas und nur das war der große Fehler der Stadtverwaltung Kraichtal! Denn diese verdammte Sechzehn ist keine reale Größe – keine empirische Wirklichkeit. Sie ist ein Platzhalter – eine höchst grobe Schätzung die auf Daten basiert die noch überhaupt nicht erhoben wurden. Zu diesen Daten zählt zum Beispiel das Mischungsverhältnis von Bodenseewasser und Eigenwasser das bisher überhaupt nicht bestimmt werden konnte, da die Kapazitäten der betreffenden Quellen noch gar nicht beziffert wurden. Aus dieser Sechzehn kann noch leicht eine vierzehn werden oder eine Zwölf. Von mehreren Gochsheimern habe ich nach der Veranstaltung an der kühlen Luft gehört, das bei einem Härtegrad von Zwölf niemand etwas gesagt hätte. Dabei ist dieses Szenario keinesfalls weniger realistisch als jenes mit der besagten Sechzehn.

Stellen Sie sich doch nur vor, am Ende stünde dann wirklich eine gelassene Zwölf. Wie unnötig kämen uns dann all die Reibereien und Gefühlsausbrüche so vieler Stunden vor? Und selbst wenn am Ende die verdammte Sechzehn stünde so bedeutete dies auch nicht aller Tage Abend. Die Stadtverwaltung hat sich nicht in die Sechzehn verbissen – wie könnte Sie denn auch, sie kennt ja noch gar nicht alle Puzzleteile um das fertige Bild vor sich zu sehen. Die Sechzehn hat wie Nenas neunundneunzig Luftballons Unheil herauf beschworen – dabei ist sie kaum mehr als die Hausnummer der Mustermanns – nur ein Platzhalter. Es wurden keine unumstößlichen Tatsachen geschaffen – auch nicht am heutigen Abend. Über Mischverhältnisse und auch Entkalkungstechnologien könne man reden, so bestätigten es mir die Lenker aus dem Rathaus nach jenen schweißtreibenden dreieinhalb Stunden. Ja, diese Optionen existieren. In sofern hat dieser Abend in jedem Fall und durch all seinen unnötigen Ballast hinweg auch Wahres zu Tage gefördert. Nicht zuletzt dass die verdammte Sechzehn kaum mehr Substanz hat, als das bisschen Kalk für den wir sie zu halten glaubten.

 

Stephan Gilliar

Chefredakteur Hügelhelden.de

(wohnhaft Rohrbacher Hof Bruchsal – reine Eigenwasserversorgung – Härtegrad >20 – Armaturen und Waschmaschine seit 12 Jahren im Einsatz – Mensch und Tier wohlauf)

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