Die Tage, die bleiben

Die Tage die bleiben… Bild: Unsplash / pixababy

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Es ist Ostern und damit einer von zwei Terminen im Jahr, zu dem wir pflichtschuldig meine Verwandten und die meiner besseren Hälfte besuchen. Weder das Verhältnis zu ihrer noch jenes zu meiner Familie böte den passenden Stoff für eine Rosamunde-Pilcher-Idylle im Vorabendprogramm. Man nimmt einander am Rande der Gesichtsfeldes wahr, tauscht ein paar Allgemeinplätze aus und sehnt heimlich den Zeitpunkt des Aufbruchs herbei. Das ist nicht schön so, aber es ist so. Ich habe immer meine zwei besten Freunde beneidet deren Familien quasi zum Freundeskreis gehörten, die sich geliebt fühlen und ihrerseits lieben – aufrichtig und tief. Wann immer sich im Fernsehen Vater und Sohn oder auch Mutter und Sohn in die Arme schließen, heule ich auf der Couch still in mich hinein. Es ist die uralte fatale Mischung aus nie gestillter Sehnsucht, fehlendem Vertrauen und hoffnungslosem Hoffen. All die Liebe und Zuneigung die uns verwehrt blieb, verwehren wir entweder ebenso unseren Kindern oder lernen aus der Vergangenheit und machen es besser. Stolz darf ich behaupten, dass ich für meine Kinder immer da war und es auch immer sein werde – mit allem was mir zur Verfügung steht und sogar noch mehr. Aber wie wird das eigentlich sein, wenn wir alt werden? So alt, dass wir Hilfe brauchen den immer flacher werdenden Brandungswellen des Lebens stand zuhalten? Heute habe ich erleben können, wie die Tage die bleiben am Ende sein können.

Weil, wie eingangs beschrieben und allgemein bekannt heute Ostern ist, besuchten wir meinen Schwieger-Opa, der neuerdings in einem Pflegeheim lebt. Der unbarmherzige Behemoth namens Demenz hatte schon vor Monaten damit begonnen seine Zähne ins Fleisch des alten Mannes zu schlagen. Als ich ihn zuletzt zu Weihnachten gesehen hatte, war mir das gar nicht so wirklich aufgefallen. Er war vergesslicher – das schon… hin und wieder, wenn er mich ansah, schob sich der Schleier des Vergessens vor die Augen und ich musste ihm kurz erklären wer ich war. Ich nahm es ihm nicht krumm – so oft wie er mich im Leben gesehen hatte, würde ich in seinem Besetzungsabspann sicher erst auf den hintersten Plätzen auftauchen. Doch als ich diesen Mann heute wieder sah erschrak ich bis ins Mark. Es war als ob nicht nur sein Geist, sondern auch sein Körper sich immer mehr aus dieser Welt zurückzuziehen versuchten. Die Augen eingefallen, die einstmals kräftigen Hände zitternd. In seinem Blick ein kurzer Funke der Erinnerung als er seine Urenkelin an meiner Hand sah. Sekunden später, war da nichts mehr. Er setzte sich hin und murmelte mit leerem Blick vor sich hin. Das Hemd fleckig und aus der Hose drang der beißende Geruch von Urin. Zuletzt hatte dieser Hüne von einem Mann eine Windel getragen, als die Hindeburg in Lakehurst zerschellte – nun braucht er sie wieder. In seinem Zimmer steht ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein Schrank. Die Wände sind kahl und ein Fenster gibt den Blick auf ein schmuckloses Neubaugebiet frei. Die Tristesse dieses Ortes ist so greifbar, dass sie auch den jüngeren Besuchern in Sekunden jede Lebensfreude zu entziehen vermag.  Der alte Mann greift nach einem der Ostereier die wir ihm mitgebracht haben und steckt es sich in den Mund. Das trockene Eigelb fällt aus seinen zitternden Lippen und landet auf seinem Hemd – er bemerkt es nicht. Da sitzt er nun und weiß nicht welcher Tag oder welches Jahr gerade ist, weiß nicht wie die Frau heißt die er vor so langer Zeit mit 18 Jahren Hals über Kopf geheiratet hatte um das Kind das sie vom ihm erwartete in geordneten Verhältnissen groß zu ziehen. Erinnert sich nicht mehr an die vielen Autos die er in seiner eigenen Werkstatt über die Jahre repariert hat. Weiß nicht mehr wo das Haus steht, das er zusammen mit seinem Bruder mit eigenen Händen gebaut hat.

Die Demenz wird ihm auch noch den spärlichen Rest seiner Würde nehmen, wird ihn ganz und vollständig auslöschen und nichts aber auch gar nichts zurücklassen. So fremd er mir im Leben auch war – das hat dieser Mann nicht verdient. Teufel, das hat kein Mensch verdient. Bis heute wusste ich nicht dass das Leben so viel seiner Kostbarkeit verlieren kann und der Tod sanfte Erlösung verspricht. Für uns Jüngere gibt es indes keine offenkundigen Antworten. Ich finde keine Lösung, so sehr ich mir das Hirn zermartere. Der alte Mann kann nicht mehr daheim bei seiner fast neun Jahrzehnte alten Frau leben. Sie kann ihn nicht wickeln, anziehen, baden und füttern. Sie hat die Kraft dazu nicht und weint jeden Tag weil sie sich deshalb so schuldig fühlt. Das Heim, dieses traurige Bühnenbild für die letzte Szene vor dem fallenden Vorhang ist die einzige Möglichkeit. Es macht mich wütend und hilflos zugleich, aber ich finde keine andere Lösung. Warum wir nicht zuhause für Ihn sorgen? Weil ich mein Leben zwischen Beruf, Kindern und allem anderen dann grundlegend ändern müsste. Und… weil ich dafür einfach zu feige bin! Ich traue es mir nicht zu! Ich traue mich wahrscheinlich noch nicht einmal erneut in diesen nach Urin riechenden Raum voller Hoffnungslosigkeit.

Ich verstehe dass unsere Gesellschaft immer älter wird und doch die Augen vor den Folgen dieses Älterwerdens verschließt. Wer will sich schon mit der eigenen Endlichkeit befassen, wo wir doch genau wissen dass dieser Gang uns allen ausnahmslos eines Tages bevorsteht. Ich verstehe dass wir uns dem Leben zuwenden und die Tatsache dass es einer rieselnden Sanduhr gleicht ausblenden. Ich verstehe aber nicht, warum wir jene Menschen wie Dreck behandeln die sich um unsere Mütter, Väter, Omas und Opas sorgen! Warum wir Pflegekräfte wie Tiere ackern lassen und ihnen dafür ein an Demütigung grenzendes Gehalt bezahlen? Ich ziehe meinen Hut und knie vor den Ehrenamtlich nieder, die ihre Lebenskraft dafür aufwenden mit anderen den letzten Weg zu gehen. So wie jene alte Frau die in der Nähe des Heimes wohnt und jeden Tag auf eigene Kosten mit dem Taxi dorthin fährt. Nur um mit den Menschen zu sprechen, nur um ihnen zu zeigen dass sie nicht alleine sind und manchmal auch um ihnen die Hand zu halten wenn sie ängstlich wie kleine Kinder mit ihrem letzten Atemzug in die Unendlichkeit zurückkehren. Bitte lieber Gott, hole mich solange ich noch auf meinen beiden Füßen stehe, solange mein Blick klar ist und meine Gedanken zu jenen Menschen wandern können die ich liebe und irgendwann dann wiedersehe, an einem anderen Ort, wo alles gut ist.

Dein Tommy Gerstner

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