Die Stunde der Heuchler

Die Stunde der HeuchlerDer Kraichtaler Betrugsskandal und die ganz ganz große Empörung

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Stramm steht sie da – die Legion aus erhobenen Zeigefingern. Alle zeigen Sie auf das rote Backsteingebäude der Kraichtaler Stadtverwaltung. Hier sitzen sie, die Dummen, die Unfähigen, die Inkompetenten. Jahrelang haben sie versagt als einer der ihren das Geld säckeweise, direkt vor Ihre Augen zur Hintertür hinaus getragen hat. Was war noch gleich passiert? In der Kurzform: Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung in führender Position, hatte viele Jahre lang Scheingeschäfte mit Grundstücken in die eigene Tasche abgewickelt und einen Millionenschaden angerichtet. Die Aufarbeitung des Skandals läuft seit Monaten und das gesamte Rathaus steht seither am Pranger.

Die Vorwürfe aus der Bevölkerung, der Presse aber auch des Gerichtes wiegen schwer! Völliges Versagen und das Fehlen jeglicher Kontrollmechanismen wird den Münzesheimer Sesselfurzern vorgeworfen. Und was man mit dem Geld alles hätte machen können… Gochsheimer Trinkwasser mit dem Härtegrad 0, eine zweite Grundschule für Landshausen oder goldene Dachziegel für die Bahnbrückener Kelter. Sacrebleu, wenn nur diese Dilettanten aus Minze besser acht gegeben hätten.

Ja, was da in Kraichtal viel zu lange lief, war einfach nur Kacke. Es hätte nicht passieren dürfen! So,…ist es aber. Und warum? Weil nichts im Leben (außer dem Song von Michael Jackson) eben nur schwarz oder weiß ist. Fangen wir mal mit dem kleinen aber gewichtigen Wörtchen an: Vertrauen. Wir reden hier von einem Mann, der jahrelang gut mit seinen Kollegen zusammengearbeitet, augenscheinlich solide Dienste geleistet hat und Stück für Stück die Karriereleiter hinauf geklettert war. Mit höheren Positionen geht ein höheres Maß an Vertrauen einher. Es gab schlicht keinen Grund ihm zu misstrauen. Was für eine abstoßende Welt wäre das, wenn wir einander nur noch mit Misstrauen begegneten,  immer vom Schlimmsten ausgingen und auf 1000% Kontrolle setzten?. Stellen sie sich vor, er hätte Kopierpapier aus dem Klofenster geschmuggelt – da wären doch Kameras auf dem Lokus nötig gewesen?!! Kraichtal ist eine junge Stadt und aus Strukturen zusammengewachsen, die im besten Fall als ausgefallen und am Anfang sicherlich chaotisch bezeichnet werden dürfen. Aus neun Kuhkäffern wird plötzlich eine Stadt und statt bisher neun soll nun eine Mannschaft das alles richten, möglichst ohne Fehl und Tadel? Das bedeutete Improvisation und – Himmelherrgott, Ja – gegenseitiges Vertrauen.

Aber sie hätten es dennoch merken müssen, zumal nach so langer Zeit? Ja, vielleicht. Aber hier greift der meiner bescheidenen Meinung nach größte Knackpunkt – der Mann war stark spielsüchtig. Das klingt immer so verdammt harmlos – eher eine Macke als ein echtes Problem. Bullshit! Es ist eine Sucht! Eine die Existenzen auslöscht und nur verbrannte Erde zurücklässt! Der Vater meines besten Freundes war stark alkoholabhängig. Er hat jahrelang im Geheimen gesoffen und das wenige Geld der Familie hinter deren Rücken durchgebracht. Klar, er war oft entweder aufbrausend oder aggressiv oder lag wie eine Leiche im Bett – doch niemand außerhalb der Familie wäre darauf gekommen dass er ein Säufer ist. Denn wenn Süchtige eines sind, dann verdammt clever und über die Maßen kreativ. Wenn Sie nicht wollen dass ihre Sucht auffällt, dann wird das auch nicht passieren. Der Vater meines besten Freundes versteckte seine leeren Flaschen oder vergrub sie im Garten. Er trank nur klaren Wodka und hatte immer Berge von Lutschpastillen dabei. Er ging zur Arbeit und soff meist nur am Wochenende exzessiv. Niemandem fiel es auf – nicht mal seinen besten Freunden… bis das Geld der Familie alle war und alles wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Die Spielsucht steht dem in nichts nach. Ein Süchtiger muss einfach spielen – er  hat die Kontrolle darüber vollständig verloren. Um diese Sucht zu finanzieren sucht und findet er Wege. Dabei achtet er nicht auf Moral oder seine Mitmenschen – nicht aus Boshaftigkeit, sonder weil er nicht anders kann. Es ist eine Krankheit, deren Schäden nicht nur die Kranken treffen. Der Beschuldigte war ein süchtiger aber auch hochintelligenter Mann – er hätte an jedem Kontrollmechanismus vorbei Mittel und Wege gefunden. Machen wir uns an dieser Stelle nichts vor.

Aber es muss natürlich Schuldige geben. Der Bürgermeister zum Beispiel. Aber klar, lasst den Mann für einen Prozess bluten der schon Jahre vor seiner Wahl begonnen hatte und längst etablierte und ausgefeilte Alltagsrealität in den Strukturen der Stadt war. Hoch mit den Zeigefingern, lasst der Empörung freien Lauf. Wer will schon Teil von etwas sein, dass ihn nach Strich und Faden verarscht. Klar, wir kaufen weiter fleißig unsere VW, obwohl der Konzern uns offenkundig ins Gesicht spuckt. Wir stehen Samstag Morgen vor der IKEA-Drehtüre in Schlangen, obwohl der Konzern scheinbar alles tut um uns Steuerzahler die Zeche aufs Auge zu drücken , und wir kaufen Kleidung die förmlich noch das Blut der Arbeiter aus Bangladesh aufgesaugt hat.

Bei diesen Dingen zucken wir nur mit den Achseln und nehmen die Konsequenzen wissentlich in Kauf. Drauf geschissen! Wenn aber ein Süchtiger und seine Krankheit im Geheimen pro Jahr ein paar Zehntausend vernichten, dann schwellt die Brust und besagter Zeigefinger richtet sich auf die Schuldigen. Dafür müssen Köpfe rollen. Das die Stadt längst zwischenzeitlich ein Kontrollsystem installiert hat (wodurch der Betrug erst aufgedeckt wurde), dass seither an der Aufarbeitung der vielen Fälle gearbeitet wird und das ganz sicher mindestens eine Familie den inneren Zusammenbruch durchlebt hat, das reicht nicht aus. Blut! Blut! Blut!

Kinners, Gerechtigkeit ist doch was Herrliches!

So long, Euer Tommy Gerstner

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