Der Barbier von Philippsburg

Eine Rasur nach alter Väter Sitte

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Haare sind über die Jahre für mich etwas extrem Nerviges geworden. Seit ich mit 13 Jahren im Badezimmer….Nein, lassen Sie uns nicht so früh einsteigen – das wollen Sie sowieso nicht hören. Nur so viel: Jetzt wo ich zielsicher meine Lebensmitte ansteuere (oder durch die Raucher- und Sauferei schon längst passiert habe), fällt die Inventur meiner Haare eher mager aus. Auf dem Kopf hat sich das Haupthaar weitgehend zurückgezogen und konzentriert sich jetzt auf einen Mönchskranz an den Seiten. Der Bart wächst zwar schnell aber dabei leider nicht so dicht wie ich es mir wünschen würde. Die Haare sind übrigens nicht einfach verschwunden, sondern haben sich in kleinen Gruppen auf meinen Rücken verzogen und zwar genau an die Stellen, die man ohne fremde Hilfe nicht mit dem Rasierer erreicht. Soweit die Bestandsaufnahme. Da für mich weder ein Haarkranz noch ein (durch die dämlichen Hipster ohnehin uncool gewordener) Vollbart infrage kommt, muss das Gemüse alle paar Tage abgesäbelt werden. Dazu kann man entweder einen Elektro-Rasierer verwenden, oder man greift auf die klassische Nassrasur zurück. Letztere wird von wenigen großen Firmen kontrolliert, deren Quasi-Monopol aber eine ausreichend vorhandene Bonität voraussetzt. Um sich einen Mega-Fusion-Afterburner-Power-Glider extrem mit 72 Klingen zu leisten, müssen nämlich jede Menge Euronen locker gemacht werden.

Ich habe einen besseren Weg für mich entdeckt und vertraue meine Enthaarung nur echten Profis an. Nachdem das Bruchsaler Krankenhaus mir nahe gelegt hat, wegen eines zu hohen Verbrauchs an Blutkonserven doch mal einen Fachmann zu bemühen, bin ich auch tatsächlich fündig geworden. Früher beherrschten die meisten deutschen Friseure das Handwerk der Rasur aus dem Effeff, aber diese Kunst ging hierzulande wohl verloren. Doch glücklicherweise gibt es unsere türkischen Freunde in deren Kultur die Nassrasur beim Barbier noch hochgehalten wird. Eine akzeptable Rasur gibt´s in Bruchsal, eine sehr gute in Bretten, aber den Oberknaller habe ich in jüngst in Philippsburg gefunden.

Mitten im Städtle, mit bestem Blick auf das Atomkraftwerk, findet sich dort ein kleiner Friseursalon mit einem echtem Meister am Messer. Sein Salon ist immer proppenvoll – nach etwa 20 Minütiger Wartezeit bin ich aber dran und werde mit regloser Miene per Geste eingeladen auf dem großen Ledersessel Platz zu nehmen. Ebenfalls per Geste zeige ich auf alle Kopfhaare und versuche eine Rasiermesser zu imitieren. Ein knappes Nicken signalisiert mir Verständnis und die Prozedur beginnt. Zuerst verschwindet der Meister im Kabuff und kommt dann mit einer dampfenden Wasserschüssel zurück. Auf den Rasierpinsel drückt er etwas Rasiercreme und vermengt diese im Wasserbad zu einem würzig duftenden Schaum. Kopf, Wangen und Hals werden mit kräftigen Bewegungen flächendeckend eingeschäumt und ebenso kräftige Finger massieren das Ganze an den dünneren Hautpartien noch zusätzlich ein. Jetzt kommt die Klinge. Eine frische und verpackte Einmalsense wird herausgebrochen und auf das Rasiermesser gesteckt. Mein Puls beschleunigt sich als ich den extrem scharfen Stahl nahe meiner Halsschlagader spüre. Ich sehe mein Leben wie im Film (Das große Fressen 1973, Regie: Marco Fererri) an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Eine kleine Bewegung und ich würde ausblutend durch Philippsburg irren. Derart blutleer hätte ich dann nur noch Chancen als GroKo-Minister – welche Horrorvorstellung. Doch es passiert nichts dergleichen. Mit schnellen und zielsicheren Bewegungen strafft der Barbier mit einem Finger die Haut und lässt mit der anderen Hand die Klinge darüber gleiten. Dabei geht er nicht gerade zimperlich vor. Schnelle und harte Bewegungen, jede einzelne routiniert und gelernt und dennoch ist das Ganze äußerst angenehm.

Am Ende ist mein Gesicht glatt wie ein Baby-Popo und nicht ein Kratzer ist zu sehen. Hätte ich selbst Hand angelegt, würde ich trotz Schutzbügel und Co. bereits aus mindestens drei Löchern saften…. Das Beste an dieser Art der Rasur: Es ist eine Art männliche Wellness-Auszeit. Man tut etwas, dass auch schon die Väter unserer Väter unserer Väter….. (Reihe nach Belieben bis zur Erfindung des Messers fortsetzbar) getan haben, riecht das schwere After-Shave des Barbiers und kann sich einfach fallen lassen. Hat man sich erst einmal damit arrangiert dass gerade ein völlig Fremder mit einem Skalpell an deinem Hals herumwirbelt, bringt dieses intuitiv vergebene Vertrauen pures Wohlgefühl mit sich. Eine tolle Erfahrung!

Nach der Rasur packt der Meister eine 1,5 Liter-Flasche Aftershave aus, gießt sich ein Saftglas davon in die Hände und verteilt die hochprozentige Mischung ohne Vorwarnung auf meinem frisch geschorenen Schädel. Ein herrliches Gefühl wenn alle Schmerzrezeptoren auf deinem Kopf gleichzeitig anfangen Stakkato zu schreien. Doch ich stecke es heroisch weg und entspanne schon wieder als eine üppige Portion Creme meine panische Haut wieder versöhnt. Man sollte meinen, dass wäre es jetzt gewesen. Doch türkische Barbiere sind gründlich und haben deine Kopfbehaarung als Ganzes im Blick. Den Büscheln in meinen Ohren rückt der Meister kurzerhand mit Feuer zu leibe. Das geht entweder mit einem brennenden Wattebausch oder einem Feuerzeug. Kurze Flammenstöße in Richtung meiner Ohrmuschel erzeugen schauriges Knistern und den Geruch verbrannter Haare, doch danach höre ich meine Umwelt tatsächlich sehr viel besser als vorher, z.B. den türkischen Musiksender der diese für Mitteleuropäer unverständliche diatonische Heul-Pop-Mucke in den Salon ergießt.

Nun folgt noch eine kräftige Kopfmassage und das war´s. Ich fühle mich gut – Richtig gut sogar. Kopf und Wangen glühen und fühlen sich frisch und glatt an. Ich bin schon fast traurig als ich den dicken Sessel wieder verlassen muss, bezahle einen lächerlich niedrigen Betrag trotz Trinkgeld und schüttle noch einmal dankbar die Pranke meines Barbiers. Eine weiß ich – bald stehe ich wieder hier! Vielleicht könnte ich mir die Nassrasur ja auch selbst beibringen – Üben könnte ich ja an der Katze…. Aber wobei – Das lasse ich lieber den Meister erledigen – den Barbier von Philippsburg.

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