Briefe aus Gochsheim

Briefe aus GochsheimReaktionen auf die Asyl-Debatte

Lange haben wir überlegt ob wir das Thema „Flüchtlinge in Gochsheim“ noch einmal eingehender aufgreifen sollen. Nach unserem Artikel über die Bürgerdiskussion in Sachen Flüchtlingsunterbringung ist ein kleines Feuerwerk an Kommentaren und Anrufen über unseren Köpfen abgebrannt. Wir sind zwar nach wie vor der Meinung, dass der Tenor unseres Beitrages neutral gehalten wurde, aber  da auch folgende Elemente zur derzeitigen Debatte gehören, haben wir uns entschlossen ein paar Auszüge an dieser Stelle zu veröffentlichen.

Bemerkenswert war zum Beispiel dieser anonyme Kommentar auf unserer Seite:

Wie viele Flüchtlinge hat die Initiatorin der Flüchtlingskriese, die FDJ – Sekretäin für Agitation und Propaganda in ihrer Datscha in der Uckermark denn schon aufgenommen? Aber sagen kommt alle zu uns, das ist keine Kunst, denn sie braucht sich um die Folgen ihrer Aussage nicht kümmern. Setzen Sie doch mal die Zahl der Flüchtlinge die bisher in der Weltstadt Kraichtal untergebracht wurden ins Verhältnis zu der Anzahl, die nach Gochsheim kommen sollen!! Gochsheim wird nur „bevorzugt“ weil ein Investor parat steht, der das Gelände besitzt und der den Bau der Häuser bezahlt. Der Investor ist NICHT zu einem Geländetausch bereit. Und die Verwaltung, so hat Hintermayer gestern erklärt hat KEINEN Plan „B“. sowas ist und war nie vorgesehen. Hintermayer lehnt ferner die Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft ab und ist auch nicht interessiert, dass Grundstücke der Stadt bebaut werden. Fairerweise hätten diese Tatsachen auch erwähnt werden sollen. Kritischer Journalismus und KEINE Hofberichterstattung wäre angezeigt.

Nachdem wir diesen Kommentar nicht noch am selben Tag veröffentlicht hatten (neue Kommentare müssen von uns erst freigeschaltet werden, weshalb manchmal ein Tag zwischen Einreichung und Veröffentlichung liegen kann), hat der anonyme Verfasser per Mail noch einmal nachgelegt. Hier die wesentlichen Auszüge:

….dass Sie meinen Kommentar zur gestrigen Asyldebatte in Gochsheim nicht verööfentlich haben, das ist ihr gutes Recht. Es zeigt auch, dass Sie mit kritischen Kommentaren NICHT umgehen können oder wollen……Was ich von Ihnen persönlich halte? Für mich sind Sie ein Speichellecker von Hintermayer und auf solche Informationen aus der Weltstadt kann ich durchaus verzichten. Gochsheim hat keine Vorteile durch diesen Zusammenschluß, das ist mir schon lange klar, deshalb habe diesen Illinger Kandidaten weder bei seiner ersten Wahl noch vor zwei Jahren gewählt. Ich habe auf mein Wahlrecht verzichtet, denn ich hatte nur die Wahl zwischen Pest und Kohlera und beide sind NICHT nach meinem Gusto.

Auch auf Facebook erzielte unser Bericht mitunter Reaktionen die wir uns nicht in unseren kühnsten Träumen ausgemalt hätten:

fb kommentar 1

 

 

 

Wichtig zu sagen: Abgesehen von diesen Anfeindungen, war die Mehrheit der Kommentare auf Facebook positiver Natur!

Den ganzen Thread finden Sie hier: https://www.facebook.com/groups/765974980123862/permalink/999231080131583/  (geschlossene FACEBOOK-Gruppe / Mitgliedschaft zur Teilnahme notwendig)

Mit weitaus mehr Besonnenheit hat der in Gochsheim lebende, ehemalige Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss auf die Diskussion im Ort reagiert. Er schrieb uns:

Flüchtlinge in Gochsheim

Auch auf den Seiten der „Hügelhelden“ gab es Aufregungen über den Bau von festen Unterkünften für Flüchtlinge in Gochsheim. Zelte oder Turnhallenbelegungen wolle man nicht, betonte die Stadtverwaltung bisher mehrfach und stellte für ganz Kraichtal mehrere Standorte solcher Bauten zur Diskussion.

Wie bei diesem Thema zu erwarten war, gab es von interessierter Seite auch sofort Widerstand. Vor allem in Gochsheim gegen den Standort in der Nähe der Firma Menzolit. Dieses ist bei unmittelbaren Anliegern, die einen vermeintlichen oder tatsächlichen Wertverlust ihrer Immobilie befürchten, noch durchaus nachvollziehbar.

Nicht mehr nachvollziehbar war es bei manch anderen Gochsheimern, für die bei einer kürzlich durchgeführten Versammlung im Haus des Vogelvereins offensichtlich eher das St. Floriansprinzip im Mittelpunkt stand. Bei den bisherigen früheren Veranstaltungen zum Thema Flüchtlinge und Kraichtal sah man diese „besorgten“ Bürger nicht. Oder es wäre mir etwas entgangen. Die geschätzt über 100 Teilnehmer dürften sich daher auch zu einem erheblichen Teil mit den 150 Wählern der ausländerfeindlichen AfD in Gochsheim decken.

Erfreulich verlief dem gegenüber die darauf folgende öffentliche Gemeinderatssitzung. Hier war in der gut gefüllten Münzesheimer Halle eher Sachlichkeit Trumpf, was letztlich zu einer parteiübergreifend unerwartet einstimmigen Beschlussfassung im Gemeinderat führte. Dies lag an der zweifellos stichhaltigen Vorlage eines Masterplans der Verwaltung, die einige der Bedenken aufgegriffen hatte oder darauf überzeugende Antworten fand. So wurden bereits Initiativen zum heissdiskutierten Thema Parkplätze im Bereich des geplanten Vorhabens ergriffen.

Zugesagt wurde weiterhin die Prüfung der möglichen Verwendung eines etwas weiter abseits gelegenen Grundstücks, das zudem im Eigentums des Landes wäre. Ob sich dies kurzfristig realisieren ließe ist aber fraglich. Schließlich ist der Zeitdruck zur Unterbringung weiterer Flüchtlinge, vor allem in der Anschlussunterbringung anerkannter Flüchtlinge und Asylbewerber, groß.

Da niemand weiß, welche Personen tatsächlich nach Gochsheim kommen, sind weitere Spekulationen zur Infrastruktur gegenwärtig schwierig. Spielplätze stehen entgegen manch‘ vorgetragener wie wohl vorgeschobener Sorge in unserem ländlichen Bereich aber nun wirklich zur Verfügung. Wünschenswert ist natürlich der Zuzug von Flüchtlingsfamilien mit schulpflichtigen Kindern- so wäre die von der Schließung bedrohte Grundschule auf absehbare Zeit gerettet- ein großes Plus für den Stadtteil.

Eventuell sogar für den Gochsheimer Fußball: Ein paar Khediras (tunesischer Vater) und Bellarabis (marokkanischer Hintergrund) etc. etc. könnten den Dorfkickern nach jahrelanger Erfolglosigkeit als Verstärkung nun wirklich nicht schaden… Den Vereinen und Kirchen wird ohnehin, gerade in Gochsheim, eine wichtige Aufgabe bei der Integration zukommen.

Erfreulich ist, dass auch der Verein „Kraichtal hilft“ sehr gute Arbeit für die zu uns gekommenen Flüchtlinge leistet. Insofern kann man der Entwicklung auch mit Gelassenheit entgegen sehen. Die Kraichtaler Verwaltung wie der Verein verdienen jedenfalls für das bisherige Flüchtlingsmanagement Anerkennung. Dies lässt, auch ohne jede Blauäugigkeit, für die weitere Entwicklung hoffen. Ebenso zu hoffen bleibt, dass sich die rechtsradikalen Wähler in Gochsheim nach der Landtagswahl nun nicht ermutigt fühlen, die bisher guten Erfolge im Umgang mit der Flüchtlingsfrage zu torpedieren.

Bevor nun aber ein falsches Bild entsteht: Wir sind der festen Überzeugung dass sich die Gochsheimer in überwältigender und absoluter Mehrheit aufgeschlossen und liberal in der Flüchtlingsfrage positionieren. Diese umfasst nun einmal emotionale Themen und da kann es eben auch einmal hitzig zugehen. „Heat for the moment“ – „Hitze für den Augenblick“ sagt der Amerikaner gelassen zu solch einer Debatte. Auch wir als Redaktion müssen und können mit jeder Art von Reaktion umgehen. Da aber Kommentare, Briefe und spätabendliche Anrufe (auch das gab es mehrfach) wohl im Grunde an alle Beteiligten der Diskussion gerichtet sind, haben wir uns entschlossen die obige Auswahl an dieser Stelle wiederzugeben. Wie Sie, liebe Leser damit nun umgehen – ob Sie die gehörten Einwürfe in Ihre Überlegungen mit einfließen lassen, sie ablehnen, befürworten oder zum Anlass nehmen sich mit eigenen Worten und Gedanken einzubringen…das liegt ganz alleine bei Ihnen.

Wir sind für ehrliche und konstruktive Kommentare jeden Tag gerne erreichbar. Nicht zur Verfügung stehen wir für die Verbreitung von unwahren Gerüchten und auch nicht für anonyme und beleidigende Briefe, Emails oder spätabendliche Anrufe.

Unsere Kontaktdaten finden Sie hier.

Herzliche Grüße und auf viele weitere spannenden Geschichten aus Kraichtal

Ihre Hügelhelden.de – Redaktion

Ähnlicher Artikel

Feiern bis der Öhi abwinkt – Après-Ski-Party Vol. 6 in Münzesheim

Feiern bis der Öhi abwinkt – Après-Ski-Party Vol. 6 in Münzesheim

Urige Hütten-Gaudi in Münzesheim Zur großen Après-Ski-Party des Musikvereins „Harmonie“ Münzesheim pilgerten am Wochenende bereits…
Fasching 2018 – Alle Termine im Kraichgau

Fasching 2018 – Alle Termine im Kraichgau

Mund abbuzze, Kappen auf und los geht´s Die fünfte Jahreszeit in der Region hat begonnen!…
Wider dem Hygienewahn – Fresst mehr Dreck!

Wider dem Hygienewahn – Fresst mehr Dreck!

Warum der Kampf gegen Keime und unser Kontrollzwang falsch sind Wir leben in einer Welt…
Absolutes Halteverbot an der Unteröwisheimer Stadtautobahn verlängert

Absolutes Halteverbot an der Unteröwisheimer Stadtautobahn verlängert

Behörden ordnen Ausweitung bis zur Jahresmitte an Unteröwisheim gehört zu den verkehrsgeplagtesten Gemeinden in der…