Alle gegen Rainer

Alle gegen Rainer
Darth Rainer – Die Geisel der Karpaten, äh das Kraichgau

Endlich hat das Böse einen Namen

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Kommen Sie doch mal eben mit. Lassen Sie uns zurückreisen in die sehr späten Abendstunden des 13. März 2016. Am Tag der Landtagswahlen in Baden-Württemberg haben natürlich auch hier bei uns im Kraichgau die Menschen ihr Kreuz gesetzt und feiern bzw. beweinen nun die Wahlergebnisse. Unser Chefredakteur ist mit der Kamera die Lager der vier stimmstärksten Parteien abgefahren und hat mit den Kandidaten über den Wahlausgang gesprochen. In der Redaktion sichten wir das Material und sind ganz gespannt auf die Reaktionen der Politiker. Wir erleben einen noch zitternden Joachim Kößler, eine verhalten-fröhliche Andrea Schwarz, einen leicht geknickten Markus Rupp und einen euphorisch-ausgelassenen Rainer Balzer. Letzterer hat aus dem Stand fast 20% aller Stimmen in seinem Wahlkreis Bruchsal für die AFD geholt.

Seither macht Rainer Balzer – nun ja – seinen Job. Er vertritt im Landtag die Interessen seiner Partei und lässt, ganz in der Tradition vieler Politiker aller Parteien, hin und wieder auch einen Satz vom Stapel der für Aufsehen sorgt. Dabei orientiert er sich an den unzweideutigen Motiven, quasi dem Markenkern seiner Partei. Diese hat im Wahlkampf beispielsweise Slogans verwendet wie: „Asyl-Chaos stoppen – Grenzen sichern“, „Einwanderung braucht klare Regeln“ oder „Null Toleranz für Terror und Gewalt“. Man kann sagen was man will – das sind zumindest Botschaften mit eindeutiger Aussage. Die altehrwürdigen Parteien setzen dagegen gerne auf Wischi-Waschi-Gedöns und wirbellose Sprüche wie: „Der nächste Schritt für unser Land“ (FDP), „Verantwortung und Augenmaß“ (Grüne), „Zusammen. Halt.“ (SPD), oder „Freiheit statt Bevormundung“ (CDU).  Das von einem AFD-Politiker wie Rainer Balzer daher kein Spruch wie „Gemeinsam neue Wege gehen“ zu erwarten ist, dürfte klar sein. Auf seiner Facebook-Seite haut er dagegen Kaliber a la „Wer möchte ein Flüchtlingsheim in seiner Nachbarschaft haben?“ raus und tritt damit natürlich spontan einen Shit-Storm deluxe los. Sogar der ehemalige Bild-Redakteur und heutige Chefredakteur der Berliner Zeitung Peter Huth greift das Posting auf und lässt kein gutes Haar an Balzer. Klar, die Bild hat sich als bescheidenes, nachenkliches und zart-züngiges Blatt ja schließlich einen Namen gemacht:

Lieber Dr. Rainer Balzer, "Maschinenbauer" und laut Wikipedia-Eintrag auch "Dozent an der "Dualen Hochschule Baden-Wü…

Posted by Peter Huth on Dienstag, 28. Juni 2016

Auch Anderen schießt ob dieser und anderer Statements von Rainer Balzer die Galle in den Rachen. Die FDP Karlsruhe-Land (ca 8% bei den Landtagswahlen) verwendet in ihrer Abrechnung die heute auch in den Badischen Neusten Nachrichten aufgegriffen wird, gar Ausdrücke wie „unerträglich, diffamierend, schockiert“ und will sogar eine Prüfung des Beamten-Status von Balzer in die Wege leiten. Ja, wer nicht nach den Regeln der großen Jungs auf dem Schulhof spielen will – dem droht ein Berufsverbot. Die Essenz lupenreiner Demokratie! Chapeau, my dearest FDP.

Freie Demokraten: Fall „Gedeon“ wird auch zum Fall „Dr. Rainer Balzer“Regionale FDP ist schockiert über Äußerungen von…

Posted by Freie Demokraten FDP – Kreisverband Karlsruhe-Land on Mittwoch, 22. Juni 2016

Das entspricht haargenau dem Muster nach dem die meisten Parteien und Poltiker mit dem Phänomen „AFD“ umgehen. Anstatt sich ernsthaft damit auseinandersetzen, wird der ganze Haufen einfach zu rechtspopulistischen Rattenfängern erklärt, deren Wähler als fehlgeleitet eingestuft und sogar der Handschlag wird gewählten Abgeordneten mitunter verweigert. Politischer Kindergarten anno 2016. Die etablierten Parteien erinnern an diesen teigigen Haufen Jabba aus Star Wars – Fettgefressen und erfolgsverwöhnt über die Jahre und nun unfähig sich zu bewegen. Anstatt auf die Probleme und Stimmungslagen in den eigenen Herden zu reagieren, lässt man die Schäfchen alleine und verirrt zurück und wundert sich dann wenn andere sie einsammeln. Verwunderlich ist nur wie auch nach den desaströsen Wahlen kein Umdenken oder auch nur etwas Nachdenken bei den „Großen“ erkennbar wird. Man bildet weiter eine geschlossenen Front gegen den blau-roten Teufel und dessen Wähler gleich mit. Dass diese Teufel in den Sonntagsfragen immer weiter steigen und drauf und dran sind in Prozentbereiche des schwarz-roten Riesen vorzustoßen, wird eher mit Panik als einem stimmigen Gegenkonzept quittiert. Man bildet lieber bemüht Sätze und Statements die so verklausuliert formuliert sind, dass sie alles und nichts bedeuten können.

Währenddessen schreibt unser Bad Boy Rainer aber munter Sätze wie den eingangs erwähnten: „Wer möchte ein Flüchtlingsheim in seiner Nachbarschaft haben?“ Schauen wir uns exemplarisch diesen Satz an. Überall im Land, auch in unserer Region, sollen feste Gemeinschaftsunterkünfte entstehen um die bisherigen Provisorien zu ersetzen. Überall treten daraufhin Bürgerinitiativen auf den Plan um genau das zu verhindern. Weil Sie nicht einfach sagen können: „Wir haben Angst davor, dass sich unsere Gegend zum Schlechteren entwickelt“ – ein solcher Satz würde Sie sofort mit dem Gütesiegel „Braunes Pack“ brandmarken – führen sie irgendwelche Scheinargumente an um den Standort zu verhindern. Keine ausreichende Infrastruktur, gefährliche Straßen, zu weit weg vom kulturellen Leben…. das sind die gängigen Blah-Blah-Argumente. Eigentlich wollen sie aber sagen: Wir wollen einfach  nichts riskieren! Und wer könnte ihnen das verdenken – alles eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Gehen wir davon aus dass die meisten Menschen das Leben in ihrem Viertel als „Gut“ einstufen. Wird nun eine Großunterkunft für Flüchtlinge gebaut, gibt es zwei mögliche Szenarien. Erstens: Es ziehen ausschließlich nette Menschen dort ein und bereichern das Zusammenleben vor Ort. Zweitens es ziehen auch Menschen ein die unsere Grundwerte nicht ausreichend kennen und daher nicht hinreichend beachten – die Lage würde sich also verschlechtern. Wenn Sie also die Wahl haben zwischen „Es bleibt alles gut“ und auf der anderen Seite „Es könnte besser aber auch schlechter werden“ – für was würden Sie sich entscheiden? Na? Denn was viele Idealisten (denen man für ihren Idealismus im Jahr 2016 durchaus Anerkennung zollen sollte) niemals werden ändern können: Bei den eigenen vier Wänden, dem eigenen Lebensumfeld und vor allem der eigenen Familie stößt jeder Idealismus an seine Grenzen. Hier wird rational gehandelt und gedacht und vor allem: Nichts riskiert! Die Menschen in diesem Land wollen helfen, aber nicht auf Kosten der eigenen Lebensqualität. Daran kann ich keinen Fehler entdecken. Klar, die Lehre von good old Jesus ist das nicht – da dürfen wir uns nichts vormachen.

Ob Rainer Balzer ähnliche Gedanken hatte als er besagten Post rausgehauen hat, vermag ich nicht zu sagen. Auch weiß ich nicht ob die AFD nach den vielen klaren Worten auch liefern wird können. Klar ist auch: Große Teile des AFD-Kaders und deren Wahlprogramm sind derart extrem, dass sie für einen echten Demokraten unmöglich wählbar sein können. Je weiter aber die großen Parteien an ihrer „Wall of hate“ gegen die AFD arbeiten, desto mehr Wähler werden zur AFD abwandern. Nicht wegen ihrer Inhalte, sondern weil sie die „Großen“ in Teilen als absolut anti-liberal outen. Die AFD konnte bei rechtsstaatlichen und demokratischen Wahlen klar demonstrieren, dass sie mit ihren Thesen große Teile der Bevölkerung repräsentiert. Aber anstatt dass die „Anderen“ das akzeptieren und sich in der Folge inhaltlich damit auseinandersetzen, wird weiter im formlosen sozialdemokratischen Einheitsbrei der letzten Jahrzehnte gerührt, schwammige Aussagen formuliert und vor allem ignoriert was das Zeug hält. Der Wahlerfolg der Rechtspopulisten wird einfach nicht als eigenes Verschulden angesehen sondern schlicht mit der Dummheit der Wähler erklärt. Demnach sind große Teile der Menschen in diesem Land schlicht zu blöd, in unserem Nachbarland Österreich offenbar gleich rund 50 Prozent – schaut man sich die Bundespräsidentenwahl dort an. Dabei könnte es so einfach sein, diese verlorenen Stimmen zurückzugewinnen, liebe Big-Player. Hört wieder auf die Menschen, begreift ihre Sorgen und Nöte und seht euch auch die Dinge an, die Eurer Meinung nach nicht sein dürfen. Etwas mehr Pragmatismus, etwas weniger Idealismus. Das geht nicht? Zu anstrengend? Keine Ahnung wie? Orly? Na dann, auf geht´s – Alle gegen Rainer. Attackeeeeee!!!!

Herzlichst

Euer Tommy

PS: Sorry für das Bild – Photoshop ist nicht so unser Ding 😉

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