Hitzige Asyl-Debatte in Gochsheim entbrannt

Hitzige Asyl-Debatte in Gochsheim entbrannt
Bürgermeister Ulrich Hintermayer in der Gochsheimer Vogelscheune

Gochsheimer fordern anderen Standort und eine Reduzierung der Zuweisungszahlen

Rappelvoll war es am Donnerstag-Abend in der Gochsheimer Vogelscheune. Dicht an dicht drängten sich die Menschen um der spontan angesetzten Bürgerdiskussion zum Thema: „Asylbewerber in Kraichtal Gochsheim“ folgen zu können. Eingeladen hatte ein Bündnis mehrerer Anwohner rund um den möglichen Standort einer neuen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in der Gänselbergstraße. Dieses mögliche Szenario wurde in der letzten Sitzung des Kraichtaler Gemeinderates diskutiert. Demnach könnten auf dem entsprechenden Areal durch einen Investor kurzfristig drei neue Wohngebäude entstehen, die bis zu 120 Menschen Platz bieten könnten. Angedacht ist dabei eine Mischung aus Gemeinschaftsunterkunft und Anschlussunterbringung, ein sogenanntes Kombi-Modell.

Die Gochsheimer sind mit diesem Szenario nicht einverstanden. Sie kritisieren die ungeeignete Verkehrs und Parksituation vor Ort, die nicht ausreichenden Kapazitäten der örtlichen Infrastruktur, aber allem voran – die Verhältnismäßigkeit der möglichen Belegung. Kämen tatsächlich 120 Asylbewerber in die 1.686 Seelen-Gemeinde, so läge des Verhältnis von Einheimischen zu Einwanderern deutlich über dem Landes oder Bundesdurchschnitt. Die Gochsheimer haben mit Ihrer Einschätzung zweifelsohne recht, die meisten der angeführten Argumente sind plausibel und stichhaltig. Immer wieder wurde an diesem Abend die Frage nach der Verhältnismäßigkeit und der Logik der Verteilung laut.

Das Problem: Die Gochsheimer suchen nach Logik in einem System, in dem es schon seit Monaten keine Logik mehr gibt.

Seit dem vergangenen Sommer sind über eine Million Menschen in die Bundesrepublik gekommen und auch wenn der Zustrom durch die aktuelle dramatische Lage an der griechischen Grenze nachgelassen hat, werden es dennoch immer mehr. Der Bund verteilt diese Menschen an die Länder, die Länder verteilen sie an die Kreise und die Kreise wiederum an die Kommunen. Diese haben keine Wahl! Sie müssen die zugewiesenen Zahlen unterbringen – komme was wolle. Das es dabei alles andere als fair zugeht, hat die letzte Kreistagssitzung mehr als deutlich gemacht. Landrat Dr. Christoph Schnaudigel berichtete den fassungslosen Bürgermeistern von den aktuellen Verteilungsquoten. Demnach müsse der Regierungsbezirk Karlsruhe (der auch Kraichtal beinhaltet) rund 69% der Flüchtlinge in Baden-Württemberg aufnehmen, während die anderen drei Bezirke gemeinsam gerade 31% schultern. Hier zeigt sich das Fehlen der in Gochsheim eingeforderten Logik bereits auf Landesebene.

Logik und System sind Begriffe die in der auf Sichtflug basierenden Politik der vergangenen Monate unter die Räder gekommen sind. In der Folge haben nicht nur die Gochsheimer mit Ihrer Sichtweise recht, sondern ganz genau so die Verwaltung der Stadt Kraichtal – am gestrigen Abend vertreten durch Bürgermeister Ulrich Hintermayer. Im bereits gut voran geschrittenen Jahr 2016 muss die Stadt noch mindestens 200 Flüchtlinge aufnehmen. Diese Menschen werden bald kommen und müssen dann untergebracht werden. Der Gemeinderat muss also so bald als möglich eine passende Unterkunft für sie finden. Der mögliche Standort in der Gochsheimer Gänselbergstraße ist bei weitem nicht der einzige Standort auf dem Radar, aber eben jener der am schnellsten umgesetzt werden könnte. Genau das ist der Knackpunkt, denn die Zeit drängt. Sollte bei Ankunft der Menschen keine bezugsfertige Unterkunft zur Verfügung stehen, so müsste die Stadt sie in Turnhallen unterbringen. Ein Szenario das niemand ernsthaft wollen kann.

Zwischenzeitlich ist der Verteilungsdruck des Landkreises sogar so gewachsen, dass im Vorfeld keinerlei Angaben oder Prognosen mehr über die Herkunft oder den Familienstand der Menschen gemacht werden können. Wer also am Ende nach Kraichtal kommt, erfährt das Rathaus in dem Moment in dem die Flüchtlinge den Bus nach Kraichtal besteigen. Für jede Art von vorbereitender Planung ist das natürlich der Super-GAU. Ob Kapazitäten in den Kindergärten oder in den Schulen benötigt werden, oder wie eine sinnvolle Aufteilung der Räume aussehen sollte, sind Fragen die fatalerweise im Vorfeld nicht beantwortet werden können. Die Flüchtlingspolitik im Lande gestaltet sich als Akt reiner Improvisation. Das gibt das Landratsamt auch unumwunden zu. Bei einer Informationsveranstaltung in Oberöwisheim sagte ein Mitarbeiter einst ehrlich und direkt: „Asyl ist Freestyle“.

Den Luxus zu entscheiden ob das fair oder logisch ist,  kann sich die Stadtverwaltung nicht leisten. Sie bekommt ständig neue Bälle zugeworfen und muss damit jonglieren so gut Sie kann. Dennoch gibt es für die Gochsheimer Situation durchaus noch die Chance der Abmilderung. Statt geplanter drei Gebäude, wäre der Investor (der zwar jedem Gochsheimer bekannt ist, aber nicht offiziell benannt wird) bereit, auch ein Bauvorhaben mit zwei Gebäuden zu realisieren. Dann würden weniger als hundert Menschen in den Ort kommen. Lieber wären den Gochsheimern allerdings eine Zahl von höchstens 60 Neuankömmlingen. Der Wille zu helfen sei da, aber es müsse alles mit Maß zugehen, so lautete das einheitliche Credo der mehreren hundert Menschen in der Vogelscheune. Am Ende der Veranstaltung gaben sie Ulrich Hintermayer den Appell mit auf den Weg, in der kommenden Gemeinderatsitzung ihre Position mit in die Beratung zu nehmen.

Viele von Ihren werden wohl persönlich anwesend sein, denn die kommende öffentliche Sitzung wurde aufgrund der hohen erwarteten Besucherzahl in die Mehrzweckhalle Münzesheim verlegt. Am 9. März um 19 Uhr dürfte vor allem die Aufnahme der 200 Flüchtlinge eine zentrale Rolle spielen. Eines aber sollte jetzt schon klar sein: Für langwierige Entscheidungsprozesse lässt der aktuelle Zeitdruck kaum Spielraum. Vielleicht wäre es zudem nicht verkehrt, die ankommenden Menschen nicht vorab pauschal als Problem zu sehen, sondern auch dem Gedanken Raum zu geben, dass sie eine Bereicherung für die Stadt sein können. In Unteröwisheim und Münzesheim hat das bisher sehr gut funktioniert.

Ähnlicher Artikel

Feiern bis der Öhi abwinkt – Après-Ski-Party Vol. 6 in Münzesheim

Feiern bis der Öhi abwinkt – Après-Ski-Party Vol. 6 in Münzesheim

Urige Hütten-Gaudi in Münzesheim Zur großen Après-Ski-Party des Musikvereins „Harmonie“ Münzesheim pilgerten am Wochenende bereits…
Fasching 2018 – Alle Termine im Kraichgau

Fasching 2018 – Alle Termine im Kraichgau

Mund abbuzze, Kappen auf und los geht´s Die fünfte Jahreszeit in der Region hat begonnen!…
Wider dem Hygienewahn – Fresst mehr Dreck!

Wider dem Hygienewahn – Fresst mehr Dreck!

Warum der Kampf gegen Keime und unser Kontrollzwang falsch sind Wir leben in einer Welt…
Absolutes Halteverbot an der Unteröwisheimer Stadtautobahn verlängert

Absolutes Halteverbot an der Unteröwisheimer Stadtautobahn verlängert

Behörden ordnen Ausweitung bis zur Jahresmitte an Unteröwisheim gehört zu den verkehrsgeplagtesten Gemeinden in der…